04.08.200915780 Ansichten

Der Todespfleger aus der Innerschweiz

Am 28. Juni 2001 wird Pfleger A. im Betagtenzentrum Eichhof in Luzern verhaftet. Er wird verdächtigt, eine oder mehrere Patientinnen getötet zu haben. Bald darauf gesteht der 32-Jährige fünf Tötungen. Erst Monate später wird klar: Pfleger A. hat über Jahre hinweg immer wieder betagte und teilweise demente Menschen in verschiedenen Institutionen vergiftet und erstickt. 22 Fälle werden ihm nachgewiesen. Als Motiv gibt Serientäter A. Überforderung und Mitleid an.

Das Undenkbare wird am 28. Juni 2001 zur schrecklichen Realität: Über Jahre hinweg hat Pfleger A. betagte und demente Menschen getötet. Bei vielen habe er einen Todeswunsch gespürt, aber niemand habe ihn um den Tod gebeten, gesteht er später ein. Zumeist vergiftet er seine Opfer mit Beruhigungsmitteln und erstickt sie darauf - falls nötig - mit einem Plastiksack, den er ihnen aufs Gesicht drückt. Weil in Betagtenzentren Sterben und Tod zum Alltag gehören, bleiben die Taten des Pflegers lange Zeit unentdeckt. Trotz Hinweisen aufmerksamer Teamkolleginnen wird der Gedanke, einen Serientäter in den eigenen Reihen zu haben, immer wieder verdrängt. Die Ermittlungen ergeben, dass A. aus Überforderung getötet hatte. Er, der Lebenslustige, der eigentlich Tanzlehrer werden wollte und in seiner Freizeit Platten auflegte, konnte die Situation sterbenskranker, dementer Patienten nicht ertragen. Nicht Mitleid, sondern Selbstmitleid war sein Tatmotiv. Obwohl in den Krankengeschichten Details wie blaue Flecken oder Schaumbildung vor dem Mund auf Fremdeinwirkung hinweisen, wollte lange Zeit niemand genauer hinschauen. Im Film von Elvira Stadelmann erinnern sich ehemalige Kollegen und Vorgesetzte von Pfleger A. an seine zwei Persönlichkeiten: einerseits die beliebte Frohnatur, die Partys feierte, anderseits der Berufsmann, der keine Kritik und keinen Druck ertrug. Gerichtspsychiater Andreas Frei, der ihn mehrmals begutachtet hat, führt dies auch auf den Stiefvater zurück, der ihn stets als Verlierer bezeichnet hatte. Der Heimarzt des Betagtenzentrums Eichhof, Felix Baumann, erinnert sich eindrücklich an die Gründe, wieso er ein knappes halbes Jahr gezögert hatte, Meldung zu machen, obwohl er über Unregelmässigkeiten in A.s Schicht informiert war. Was Experten wie Strafrechtsprofessor Christian Schwarzenegger Aufdeckungsbarrieren nannten, liess Baumann zurückschrecken: Ein Serientäter in den eigenen Reihen ist undenkbar, was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Auch der Gerichtsmediziner Rudolf Hauri erzählt noch einmal von einer der grössten Herausforderungen seiner beruflichen Laufbahn: die Untersuchung von 142 Krankenakten. Sie gaben Auskunft zum Krankheitsverlauf der Opfer und über die Wahrscheinlichkeit einer unnatürlichen Todesursache. Nach fünf Exhumierungen konnten Todespfleger A. schliesslich 22 Tötungen nachgewiesen werden. Weil A. sich nicht mehr exakt erinnerte, werden acht weitere Fälle wohl für immer ungeklärt bleiben. Nicht nur den Angehörigen der wehrlosen Opfer hat A. unermessliches Leid zugefügt, auch bei den Pflegenden war nach dem Fall A. nichts mehr so wie vorher. Der Fall hat viel ausgelöst, heute wird das Undenkbare gedacht und Spitäler und Betagtenzentren melden vermehrt Todesfälle mit Verdacht auf unnatürliche Todesursachen. Erstausstrahlung: 04.08.2009

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