Ganzkörperverschleierung Warum Marokko Burka und Niqab verbietet

In Marokko wurde der Handel von Burka und Niqab verboten – ein indirekter Angriff gegen die Salafisten.

Eine Frau mit hellem Schleier, mit extra Mundschutz und Stirnschmuck. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Haik ist die traditionelle Vollverschleierung und wird heute kaum getragen. Sie ist nicht verboten. Wikimedia/Mus52

SRF: Marokko verbietet offenbar Burka & Niqab. Weiss man etwas über die Motive?

Beat Stauffer im Interview zum Burkaverbot

4:18 min, aus Kultur kompakt vom 13.01.2017

Beat Stauffer: Verboten ist offenbar der Import, der Verkauf und die Herstellung von Ganzkörperschleiern. Man darf sich weiterhin selber eine Burka oder eine Niqab schneidern. Was die Motive betrifft, gehe ich davon aus, dass das Königshaus den Einfluss des wahabitischen Gedankenguts eindämmen will.

Vor rund 40 Jahren hat König Hassan II. den Saudis in Marokko Tür und Tor geöffnet für Missionierungstätigkeiten oder für den Einfluss ins Erziehungswesen. Heute merkt man nun in aller Deutlichkeit, was das für Folgen hatte. Ich glaube es geht dem jetzigen König Mohammed VI. darum, diesen Einfluss wieder zurückzudrängen.

«  Niqab und andere Formen der Ganzkörperverschleierung wurden schon immer als Importprodukte gesehen. »

Wie sind die Reaktionen in Marokko. Gibt es Frauen, die sich auf der Strasse nun nicht mehr mit Burka und Niqab zeigen lassen?

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Zur Person

Der Journalist und Autor Beat Stauffer schreibt vor allem für SRF, die NZZ und für das Newsportal Qantara.de. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Nordafrika (Maghreb), islamistische Bewegungen, der Islam in Europa, Migration, nachhaltige Entwicklung, sowie Fragen der Integration und des Zusammenlebens in multikulturellen Gesellschaften.

Das kann man jetzt noch nicht sagen, es ist ja erst ein paar Tage her. Ich kenne vor allem die Reaktionen in den Medien und von Marokkanern mit den ich reden konnte. Da sind die Meinungen geteilt. Es gibt eine grosse Mehrheit der säkularen Marokkanerinnen und Marokkaner, die den Entscheid begrüssen.

Sie haben Niqab und andere Formen der Ganzkörperverschleierung schon immer als Importprodukte gesehen. Es wurde in diesem Zusammenhang manchmal verächtlich von «Raben» geredet, von «schwarze Raben». Und diese Menschen sind unbedingt dafür.

Es gibt aber auch liberal denkende Menschen. Sie glauben, dass man das Recht, sich so zu kleiden wie man will, nicht einschränken darf. Die Konservativen wiederum sehen darin sicher eher einen Angriff auf islamische Sitten. Und die Salafisten sind natürlich sehr gegen diesen Entscheid.

«  Es gibt eine schöne Tradition der Ganzkörperverschleierung, die Haik genannt wird.  »

Darf man die Burka noch offiziell tragen?

Das ist im Moment unklar. Ich denke, das ist auch vom Regime so gewollt. Man will eine indirekte Strategie fahren, nicht allzu frontal gegen die salafistischen und konservativ-religiösen Kreise vorgehen. Mir ist bisher noch nicht bekannt, dass irgendwo eine Frau angehalten oder sogar verhaftet worden wäre.

Marokko hat eine lange Tradition von Ganzkörperverhüllungen. Welche Art von Verschleierungen trugen denn die Frauen und Männer von Marokko früher und welche tragen sie heute?

Es gibt eine schöne Tradition der Ganzkörperverschleierung, die Haik genannt wird. Es mag erstaunen, dass ich das so positiv würdige. Aber Europäer, europäische Künstler, Beobachter oder Reisende, haben in den letzten 100 Jahren stets mit Begeisterung von diesem langen Tuch gesprochen, das die Frauen um sich gewickelt haben. Meistens ist es ein heller Woll- oder Seidenstoff. Das hatte etwas Geheimnisvolles.

Das tönt etwas romantisiert...

Das wurde auf jeden Fall romantisiert. Aber man muss sagen: Es ist ein riesiger Unterschied zwischen diesen schwarzen, importierten Ganzkörperschleiern, die etwas Tristes, Schweres an sich haben und diesen hellen Stoffen.

Und natürlich auch zu den anderen Gesichtsschleiern, den Hijabs, die weiterhin erlaubt sind. Und auch den Turbanen, die Männer tragen. Und dem Schesch, das ist eine Art Ganzkörperschleier für den Mann, den nur die Tuareg tragen.

Mann mit Gesichtsschtsschleier - nur die Augen sind sichtbar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Tuareg trägt den traditionellen Schesch. Wikimedia/Florence Devouard

Welche Verschleierungen sieht man denn heute in Marokko?
Die traditionellen Verschleierungen, die Haiks, sieht man fast nicht mehr. Oder nur noch auf dem Land. Sehr viele Frauen tragen den Hijab – wie in der ganzen arabischen Welt. Der lässt das Gesicht frei.

Eine immer grössere Anzahl von Frauen tragen eben diese schwarzen Niqabs oder andere Formen von Gesichtsschleiern. Und diese werden nun verboten.

Das Gespräch führte Katrin Becker.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 12.1.2016, 17:06 Uhr.