Der Kleinste hat die Längsten in Thomas Meyers zweitem Roman

«Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» hiess sein Erstling. Vor einem Jahr feierte der Schweizer Autor Thomas Meyer mit dieser witzig-skurrilen Geschichte einen Überraschungserfolg. Jetzt legt Meyer ein neues Werk vor. Eine abstruse, aber teils wahre Geschichte voller Wortwitz.

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Bildlegende: Am Hof von König Friedrich Wilhelm I.: Dort spielt der neue Roman von Thomas Meyer. Lukas Lienhard

Wer erwartet hatte, Meyer würde die Handlung seines neuen Romans wie bei seinem Erstling im jüdisch-orthodoxen Milieu ansiedeln, mag enttäuscht sein. Doch Meyer hat gut daran getan, nicht erneut die Trumpfkarte des inländischen Exotismus zu ziehen. Reichlich exotisch und fremd sind das gesellschaftliche Milieu und die Handlung seines neuen Romans gleichwohl.

Der wunderliche Titel «Rechnung über meine Dukaten» lässt erahnen, dass Meyer uns auf eine Zeitreise in die Vergangenheit mitnimmt. Und zwar ins Königreich Preussen im frühen 18. Jahrhundert.

Die «Kerls» des Königs

Dort beendet der kleine, dickliche König Friedrich Wilhelm I. die Ära der verschwenderischen Hofhaltung seines Vaters. Lieber gibt er das Geld für die Armee aus – insbesondere für seine skurrile Obsession, sich eine Leibgarde aus besonders gross gewachsenen Soldaten zu halten.

Die sogenannten langen Kerls mussten mindestens sechs Fuss gross sein, also 1 Meter 90 oder grösser. Doch solch furchterregend grosse und starke Kerle waren damals eine Rarität. Deshalb sandte der Preussenkönig Häscher aus, die ihm gegen gute Bezahlung seine hochgeschossenen Soldaten mit wenig zimperlichen Methoden herbeischaffen mussten.

Auch für Nachwuchs will gesorgt sein

Meyer verwebt diese historischen Fakten mit einer fiktiven Handlung, die sich vor allem um das Schicksal einiger dieser «langen Kerls» dreht. Einer von ihnen ist der junge Bauer Gerlach, der eines Morgens nach Potsdam verschleppt wird und in der Folge zum Lieblings-«Kerl» des Königs avanciert.

Er wird von Friedrich Wilhelm dazu auserlesen, in einer Art Zuchtprogramm mit der schönen, ebenfalls gross gewachsenen Bäckerstochter Betje künftige Riesen zu zeugen. Und dann ist da noch der zwangsrekrutierte norwegische Riese Jonas Henrikson, dessen unzähmbarer Zorn allerlei Probleme verursacht.

Skurrile Sprache von damals

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Buchhinweis

Thomas Meyer: «Rechnung über meine Dukaten». Salis Verlag 2014.

Das Ganze ist mit schmunzelnder Leichtigkeit und mit viel Wortwitz geschrieben. Verstärkt wird dieser Eindruck zusätzlich dadurch, dass Meyer den gestelzten und skurrilen Sprachgebrauch der damaligen Zeit imitiert. Zudem tragen viele Figuren karikaturhafte Züge.

Das gilt besonders für Friedrich Wilhelm I., der – wohl nicht ganz zu Unrecht – als verbohrter Spinner charakterisiert wird. Er hält als Musterbeispiel dafür her, dass Worte und Taten der Herrschenden immer auch von Verrücktheit und Masslosigkeit geprägt sind. Nicht zuletzt wegen dieser überzeichneten, aber treffenden Porträts beschert einem das Buch ein paar unterhaltsame und unbeschwerte Lektürestunden – Unterhaltungsliteratur im besten Sinne.

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