Lucerne Festival Vergeigt haben sie es nicht

«Identität» ist das diesjährige Motto des Lucerne Festivals – ein wichtiges Thema unserer Zeit. Doch kann klassische Musik einen Beitrag zur Identitäts-Debatte leisten?

Patricia Kopatchinskaja an der Seite ihres Vaters Viktor in Luzern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Geigerin mit vielen Gesichtern: Patricia Kopatchinskaja in Luzern – hier an der Seite ihres Vaters Viktor. Priska Ketterer / Lucerne Festival

Es sind an die 100 Konzerte, die in diesem Sommer beim Lucerne Festival im glitzernden Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) über die Bühne gegangen sind. Sie alle standen unter einem gemeinsamen Festivalmotto: «Identität».

Wie eine Reflexion auf diesen so komplexen Begriff der Identität klingen kann, haben vor allem der «composer-in-residence» Michel van der Aa und die beiden «artistes étoiles», die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Cellist Jay Campbell gezeigt.

Hörbare Vielfalt

Michel van der Aa, indem er mit einem Filmkonzert und einer 3D-Oper die Identität der klassischen Konzertform ganz gehörig auf den Kopf gestellt und seine Protagonisten auf ihrer Identitätssuche klanglich begleitet hat.

Patricia Kopatchinskaja, indem sie in einem inszenierten Konzert mit Musik vom Barock bis zur Gegenwart auf unseren brennenden Planeten eindringlich aufmerksam gemacht hat.

Jay Campbell, indem er bei beiden Projekten mitgewirkt und dazu ganz selbstverständlich mit seinem Streichquartett, dem Jack-Quartett, elektronische Musik aufgeführt hat.

Das alles klang ungemein vielfältig, beweglich, wandelbar – und hat damit genau das abgebildet, was uns Menschen ausmacht: Vielfalt im Wandel.

Identität durch andere

Das mysteriöse Motto, die Identität, blieb jedoch schwer zu fassen. So geschehen bei einer ausverkauften Podiumsdiskussion zum Thema «Identität».

Eine steile These warf dabei der Soziologieprofessor Harald Welzer auf: Identität schöpfe man nicht aus sich selbst, sondern: Es brauche immer ein soziales Umfeld, das uns bestimmte Eigenschaften zuschreibe.

Identität durch Dichtung

Die Autorin Nora Gomringer hingegen verwies auf ihre identitätsstiftende Arbeit als Dichterin, und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja sorgte im Publikum für Lacher, als sie sagte, sie habe gar keine Identität – denn auf der Bühne müsse sie alles loslassen, um ganz zum Stück, um ganz Musik zu werden.

Nur der Diskussionsleiter Martin Meyer, ehemaliger Feuilletonchef der NZZ, hatte eine griffige Definition parat: Identität sei ein «geglücktes bei sich selbst sein».

Hauptprogramm sucht Motto

Im Hauptprogramm des Festivals mit den klassischen Sinfoniekonzerten wurde das Motto «Identität» allerdings grosszügig umschifft.

Schon die Eröffnung mit dem Lucerne Festival Orchestra – diesem Luxusklangkörper, in dem sich Solisten und Kammermusikerinnen als Projektorchester zusammentun und zu sommerlichen Proben treffen, die durch keinen Dienstplan begrenzt sind – widmete sich mit einem reinen Richard-Strauss-Programm mehr der klanglichen Reifung als der Identitätsdebatte.

Doch in den Nischen fanden sich immer wieder klangliche Denkanstösse zum Thema Identität.

Oft ist war es eine Konfrontation mit dem anderen: etwa ein Festivalradio, gemacht von Flüchtlingen, die mit offenen Augen und Ohren durch dieses Festival wanderten und darüber berichteten. Oder ein gratis 40-Minuten-Konzert, in dem das Publikum ein arabisches Lied zu singen gelernt hat.

Kaum Frauen

Wie nachhaltig dieses klingende Motto «Identität» jedoch sein wird, bleibt abzuwarten.

Der im letzten Jahr hochgelobte Frauen-Schwerpunkt ist 2017 schon wieder verpufft: Mit Mirga Gražinytė-Tyla stand gerade einmal eine einzige Frau vor dem Dirigentenpult im Hauptprogramm des Festivals.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 5.9.2017, 09:03 Uhr

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