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Demonstrationen in der Schweiz Proteste trotz direkter Demokratie – aber weniger heftig

Als Herd für Unruhen ist die Schweiz eher nicht bekannt. Trotzdem kommt es immer häufiger zu öffentlichen Kundgebungen. Wie demonstrieren Menschen in einem Land, das als Symbol der politischen Stabilität gilt?

Die Schweiz wird kaum mit politischen Unruhen in Verbindung gebracht. Kommt es ab und zu dennoch zu Krawallen, wie etwa in Lausanne im August 2025, nachdem ein Teenager auf der Flucht vor der Polizei ums Leben gekommen war, sind Aussenstehende oft überrascht: Das britische Magazin «Spectator» wies explizit darauf hin, dass dies nicht in «Paris oder Lyon» geschehen sei, sondern «direkt am Genfersee, in der vermeintlich friedfertigen und ordentlichen Schweiz».

Menschenmenge mit Fahnen und Polizisten bei Nacht mit Rauch.
Legende: Ausschreitungen sind in der Schweiz die Ausnahme: Polizeieinsatz bei einem Solidaritätsmarsch für die Gaza-Flottille in Genf (2. Oktober 2025). KEYSTONE/Magali Girardin

Das sind Ausnahmen: Laut Marco Giugni, Politikwissenschaftler an der Universität Genf, verlaufen Demonstrationen in der Schweiz tatsächlich friedlicher als in Deutschland, Italien oder Frankreich.

Das hat vor allem mit der politischen Kultur der Schweiz zu tun. Die Stimmbürgerinnen können sich demokratisch beteiligen – Emotionen kochen deshalb weniger hoch. Auch das föderalistische System biete viele «Zugangspunkte», um Anliegen zu äussern, so Marco Giugni. Zudem seien die Behörden gegenüber Protesten vergleichsweise tolerant.

Laut Giugni sind Demonstrationen in der Schweiz zwar eher kleiner und weniger heftig, aber nicht seltener. Gemäss Untersuchungen aus dem Jahr 2020 liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld, wobei beispielsweise Bern seither einen Anstieg verzeichnet. Historisch gesehen kam es in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern seltener zu Streiks oder sozialen Klassenprotesten.

Proteste in der Schweiz: Ein historischer Rückblick

Für Giugni lassen sich institutionelle Politik und Demonstrationen nicht klar trennen. Seiner Ansicht nach gehen die Menschen nicht nur auf die Strasse, um ihren Unmut über die Politik zu äussern – Demonstrationen seien auch eine «Ergänzung» zur Beteiligung an demokratischen Prozessen. Der Unmut über die Coronamassnahmen in der Schweiz äusserte sich beispielsweise in umfangreichen Protesten. Nachdem das Stimmvolk dann die Pandemiepolitik des Bundes in drei verschiedenen Volksabstimmungen abgesegnet hatte, beruhigten sich die Gemüter weitgehend wieder.

Bei der Demonstrationsfreudigkeit liegt die Schweiz laut europäischen Daten im Mittelfeld. 2025 gaben 8 Prozent der Befragten an, im Jahr zuvor an einer Demonstration teilgenommen zu haben.

In der Schweiz erreichen Demonstrationen laut Giugni «meist nicht, was sie fordern, oder zumindest nur einen Teil davon». Das überrascht kaum: Die Zürcher Behörden etwa sind nicht in der Lage, den Krieg im Gazastreifen zu beenden. Und über die Demonstrationen hinaus hängt der Erfolg von der Unterstützung im Parlament oder in der Öffentlichkeit ab.

Wer protestiert in der Schweiz?

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Genau lässt sich das schwer sagen, und natürlich mobilisieren verschiedene Themen unterschiedliche Menschen. Ältere Daten lassen jedoch Gemeinsamkeiten erkennen:

Schweizer Demonstrierende sind eher gut ausgebildet, gehören der Mittelschicht an und engagieren sich bereits in Vereinen oder politischen Parteien. Frauen und Männer nehmen etwa gleich häufig an Kundgebungen teil.

Etwas zuverlässiger ist eine Aussage zur politischen Gesinnung: Wer in der Schweiz demonstriert, denkt eher links, anders als etwa in Osteuropa, wo eher rechtsgerichtete Menschen auf die Strasse gehen.

Doch auch in der Schweiz sind manche Bewegungen divers zusammengesetzt oder lassen sich nicht nach alter Typologie einteilen, wie etwa die Corona-Demonstrationen.

In den letzten Jahren kam es in Städten wie Bern, Zürich oder Basel immer häufiger zu Kundgebungen, was zu Schlagzeilen wie «jeden Tag eine Demo» und zu Unmut beim Gewerbe führte.

Giugni sieht darin jedoch keinen Paradigmenwechsel. Demonstrationen verliefen in Zyklen, meint er. Zudem habe «die globale Lage der letzten Jahre […] politische Instabilität und Unsicherheit geschaffen, die das Entstehen von Bewegungen begünstigen». Unsicherheit bietet immer auch die Chance, Veränderungen anzustossen.

Kritik an Repression in der Schweiz

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Im März 2024 wurde im Kanton Zürich eine Initiative angenommen, mit der die Kosten für nicht bewilligte Demonstrationen auf die Verantwortlichen abgewälzt werden können.

Bern verbot 2023, als der Gaza-Krieg besonders kontrovers diskutiert wurde, für einen Monat Grosskundgebungen in der Innenstadt. Nach Krawallen bei einer Palästina-Demo im Oktober 2025 veröffentlichte die Berner Polizei Fahndungsfotos von 31 Personen.

Amnesty International kritisiert, es sei in der Schweiz oft schwierig, eine Demo-Bewilligung zu bekommen. Dies könne Menschen davon abhalten, ihr Demonstrationsrecht auszuüben. Zudem beurteilt Amnesty den Einsatz von Gummigeschossen und Tränengas durch die Polizei kritisch.

Die deutsche NGO «Brot für die Welt» stufte die Schweiz in ihrem Ranking 2025 sogar von «offen» auf «beeinträchtigt» herab. Grund: Polizeigewalt gegen propalästinensische Demonstrierende sowie ein hartes Vorgehen gegen Klimaaktivistinnen.

Trotz Kritik steht die Schweiz im globalen Vergleich immer noch am freien Ende der Skala: Laut einer Rangliste des Instituts V-Dem wird die Versammlungsfreiheit nur in vier Ländern besser gewährleistet.

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Echo der Zeit, 9.6.2026, 18 Uhr

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