Die Schweiz wird kaum mit politischen Unruhen in Verbindung gebracht. Kommt es ab und zu dennoch zu Krawallen, wie etwa in Lausanne im August 2025, nachdem ein Teenager auf der Flucht vor der Polizei ums Leben gekommen war, sind Aussenstehende oft überrascht: Das britische Magazin «Spectator» wies explizit darauf hin, dass dies nicht in «Paris oder Lyon» geschehen sei, sondern «direkt am Genfersee, in der vermeintlich friedfertigen und ordentlichen Schweiz».
Das sind Ausnahmen: Laut Marco Giugni, Politikwissenschaftler an der Universität Genf, verlaufen Demonstrationen in der Schweiz tatsächlich friedlicher als in Deutschland, Italien oder Frankreich.
Das hat vor allem mit der politischen Kultur der Schweiz zu tun. Die Stimmbürgerinnen können sich demokratisch beteiligen – Emotionen kochen deshalb weniger hoch. Auch das föderalistische System biete viele «Zugangspunkte», um Anliegen zu äussern, so Marco Giugni. Zudem seien die Behörden gegenüber Protesten vergleichsweise tolerant.
Laut Giugni sind Demonstrationen in der Schweiz zwar eher kleiner und weniger heftig, aber nicht seltener. Gemäss Untersuchungen aus dem Jahr 2020 liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld, wobei beispielsweise Bern seither einen Anstieg verzeichnet. Historisch gesehen kam es in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern seltener zu Streiks oder sozialen Klassenprotesten.
Proteste in der Schweiz: Ein historischer Rückblick
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Bild 1 von 13. Im November 1918 traten in der ganzen Schweiz über 250'000 Arbeiter für mehrere Tage in den Streik und forderten eine 48-Stunden-Woche, eine Rentenversicherung und das Frauenwahlrecht. Die Regierung setzte rund 95'000 Soldaten ein, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Bildquelle: Public domain.
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Bild 2 von 13. Demonstrierende, die ein autonomes Jugendzentrum forderten, besetzten im Juni 1968 ein Kaufhaus in Zürich; die sogenannten Globus-Unruhen markierten den Beginn einer systemkritischen Jugendbewegung im Land. Bildquelle: CC-BY-SA-4.0 / ETH Library Zurich.
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Bild 3 von 13. Im April 1975 besetzten mehrere hundert Menschen das Gelände des geplanten Kernkraftwerks Kaiseraugst (AG). Damit wurden in der Schweiz erstmals die Notwendigkeit und die Sicherheit der Kernenergie von einer breiten Öffentlichkeit in Frage gestellt. Nach jahrelangen Protesten beschloss die Regierung schliesslich, das Kernkraftwerk nicht zu bauen. Bildquelle: Keystone.
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Bild 4 von 13. 14. Juni 1991: Hunderttausende Frauen in der Schweiz beteiligen sich an Protesten und Streiks für ihre Rechte – die grösste Demonstration seit dem Generalstreik von 1918. Bildquelle: Keystone / Walter Bieri .
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Bild 5 von 13. Das Weltwirtschaftsforum (WEF), das jedes Jahr in Davos stattfindet, zieht in der Schweiz gewöhnlich Proteste von Globalisierungsgegnern nach sich; im Jahr 2003 waren diese besonders zahlreich und heftig. Bildquelle: Keystone/Arno Balzarini.
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Bild 6 von 13. Im Juni 2003 kam es auch in der Umgebung von Genf zu Protesten gegen den G8-Gipfel, der im französischen Évian stattfand; hier marschieren etwa 15’000 Demonstranten in Richtung der französischen Grenze. Im Zentrum von Genf kam es zu gewalttätigen Zusammenstössen und Sachschäden. Bildquelle: Keystone/Martial Trezzini.
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Bild 7 von 13. «Occupy Wall Street» in der Schweiz: Protest gegen wirtschaftliche Ungleichheit 2011 beim Zürcher Paradeplatz. Bildquelle: Keystone/Ennio Leanza.
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Bild 8 von 13. 15. März 2019: Tausende Jugendliche schwänzen die Schule, um in Bern an einem Klimastreik teilzunehmen. Wie in anderen Ländern fordern sie von ihrer Regierung, mehr gegen die globale Erwärmung zu unternehmen. Bildquelle: Keystone/Peter Schneider.
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Bild 9 von 13. Tausende Radfahrer rollen am 25. Juni 2021 im Rahmen einer «Critical Mass»-Demonstration durch Zürich. Die weltweit stattfindende Aktion soll das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer schärfen. Bildquelle: Keystone/Pascal Mora.
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Bild 10 von 13. Gegner der Covid-Massnahmen demonstrieren in Winterthur am 26. Februar 2022. Bildquelle: Keystone/Walter Bieri.
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Bild 11 von 13. Eine Demonstration in Zürich gegen die russische Invasion in der Ukraine, 5. März 2022. Bildquelle: Keystone/Michael Buholzer.
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Bild 12 von 13. Im Februar 2024 protestierten Landwirte in der Schweiz gegen die Bedingungen in ihrer Branche, darunter auch gegen den Milchpreis, und schlossen sich damit ähnlichen Demonstrationen in ganz Europa an. Bildquelle: Keystone/Valentin Flauraud.
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Bild 13 von 13. Pro-palästinensische Studierende besetzen am 6. Mai 2024 ein Gebäude an der Universität Lausanne. Bildquelle: Keystone/Valentin Flauraud.
Für Giugni lassen sich institutionelle Politik und Demonstrationen nicht klar trennen. Seiner Ansicht nach gehen die Menschen nicht nur auf die Strasse, um ihren Unmut über die Politik zu äussern – Demonstrationen seien auch eine «Ergänzung» zur Beteiligung an demokratischen Prozessen. Der Unmut über die Coronamassnahmen in der Schweiz äusserte sich beispielsweise in umfangreichen Protesten. Nachdem das Stimmvolk dann die Pandemiepolitik des Bundes in drei verschiedenen Volksabstimmungen abgesegnet hatte, beruhigten sich die Gemüter weitgehend wieder.
Bei der Demonstrationsfreudigkeit liegt die Schweiz laut europäischen Daten im Mittelfeld. 2025 gaben 8 Prozent der Befragten an, im Jahr zuvor an einer Demonstration teilgenommen zu haben.
In der Schweiz erreichen Demonstrationen laut Giugni «meist nicht, was sie fordern, oder zumindest nur einen Teil davon». Das überrascht kaum: Die Zürcher Behörden etwa sind nicht in der Lage, den Krieg im Gazastreifen zu beenden. Und über die Demonstrationen hinaus hängt der Erfolg von der Unterstützung im Parlament oder in der Öffentlichkeit ab.
In den letzten Jahren kam es in Städten wie Bern, Zürich oder Basel immer häufiger zu Kundgebungen, was zu Schlagzeilen wie «jeden Tag eine Demo» und zu Unmut beim Gewerbe führte.
Giugni sieht darin jedoch keinen Paradigmenwechsel. Demonstrationen verliefen in Zyklen, meint er. Zudem habe «die globale Lage der letzten Jahre […] politische Instabilität und Unsicherheit geschaffen, die das Entstehen von Bewegungen begünstigen». Unsicherheit bietet immer auch die Chance, Veränderungen anzustossen.
Trotz Kritik steht die Schweiz im globalen Vergleich immer noch am freien Ende der Skala: Laut einer Rangliste des Instituts V-Dem wird die Versammlungsfreiheit nur in vier Ländern besser gewährleistet.