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Illegaler Handel im Internet Gefälschte Medikamente: Behörden warnen vor tödlichen Risiken

Jedes Jahr beschlagnahmt der Schweizer Zoll 7000 bis 8000 Pakete mit Medikamenten und Dopingprodukten, die illegal im Internet bestellt wurden. Gefälschte Medikamente sind heute einträglicher als Drogen. Auch sie bergen potenziell tödliche Risiken für diejenigen, die sie konsumieren.

Im Paketzentrum Zürich-Mülligen sind Angestellte des Zolls damit beschäftigt, Pakete mit illegal importierten Medikamenten aufzuspüren. «Zurzeit kommen viele aus Indien oder Osteuropa», berichtet die Zollchefin Tanja Brunner gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). «Die Fälscher ziehen oft um. Das ist sehr interessant für sie, weil wir eine ganze Weile brauchen, bis wir das merken.»

Viagra-Nachahmungen machen mehr als die Hälfte der Beschlagnahmungen aus. Es gibt auch Abnehmspritzen, Antidepressiva, Behandlungen gegen Bluthochdruck und sogar Antibiotika. Wenn es sich um Fälschungen handelt, können die Folgen schwerwiegend sein.

Ein Zollbeamter durchsucht in Zürich-Mülligen ein Paket mit gefälschten Medikamenten.
Legende: Fast die Hälfte der Beschlagnahmungen durch den Zoll im Paketzentrum Zürich-Mülligen sind Nachahmungen von Viagra, wie in diesem Paket hier. RTS

Die verdächtigen Pakete werden nach Bern zu Swissmedic geschickt. Wenn die Bestellung den Bedarf einer Person für einen Monat übersteigt, wird sie vernichtet. Wird ein Empfänger eines Pakets verdächtigt, die bestellten Produkte weiterzuverkaufen, drohen eine hohe Geldstrafe oder sogar Gefängnis.

Die Händler sind viel schwieriger zu fassen. «Das pharmazeutische Verbrechen ist international. Eine Website kann von Osteuropa aus betrieben werden, während die Ware aus Indien stammt», erläutert Nicolas Fotinos, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Swissmedic.

Er nimmt als Beispiel die Website einer gefälschten Online-Apotheke. Die Plattform zeigt ein Schweizer Kreuz und die Angabe «Geneva», aber die Telefonnummern sind ausländisch, und als Adresse wird diejenige einer existierenden Apotheke in Genf missbraucht.

Die auf diese Art bestellten Medikamente sind oft Fälschungen. Insulin-Pens werden zum Beispiel als «Ozempic» umetikettiert, eine Behandlung, die in den sozialen Netzwerken zum Abnehmen angepriesen wird. «Sich versehentlich Insulin zu spritzen, führt zu einem Abfall des Blutzuckerspiegels, der zu Unwohlsein führen und sogar lebensbedrohlich sein kann», präzisiert Caroline Samer vom Service für klinische Pharmakologie an der Universität Genf.

Beispiele gefälschter Medikamente, die lebensgefährlich sind:

Hochriskant seien auch Produkte, die als «100 Prozent natürlich» dargestellt werden, aber chemische Wirkstoffe enthalten. Ein angeblich beim Abnehmen helfender Tee enthielt zum Beispiel Sibutramin, einen Appetitzügler, der 2010 vom Markt genommen wurde.

Minderjährige bestellen Wachstumshormone

Bei Dopingprodukten ist die Gesetzgebung strenger: Selbst in geringsten Mengen ist ihre Einfuhr verboten. Sportler und Sportlerinnen, die erwischt werden, können für bis zu vier Jahre gesperrt werden.

Ein Ermittler zeigt RTS eine beschlagnahmte Schachtel mit Wachstumshormontabletten aus Osteuropa. «Es gibt immer mehr junge Leute, noch minderjährig, die sie bestellen», berichtet der Ermittler. «In Tablettenform ist das viel zugänglicher, als wenn man sie sich mit einer Spritze injizieren muss. Wir sehen Werbevideos auf TikTok, die mehr als 300’000 Aufrufe haben. Das erklärt, warum die Bestellungen explodieren.»

Heute gilt der Handel mit gefälschten Medikamenten als einträglicher als der Drogenhandel. Er ist explodiert und verursacht jedes Jahr Hunderttausende Todesfälle. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in den Schwellenländern jedes zehnte Medikament gefälscht oder von minderer Qualität.

Die Pharmaindustrie beteiligt sich am Kampf gegen Fälschungen

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Einige Pharmafirmen beteiligen sich ebenfalls an der Jagd auf Fälschungen. Der amerikanische Konzern MSD zum Beispiel verfügt über vier forensische Labore weltweit, darunter eines in Luzern. Dort werden verdächtige Produkte analysiert, die aus allen Ecken der Welt beschlagnahmt wurden.

«Wir haben immer mehr Fälle, und [die Medikamente werden] immer besser nachgemacht», sagt Stephanie Beer, forensische Chemikerin bei MSD. «Alles, was profitabel sein kann, wird gefälscht. Lifestyle-Produkte, aber auch Tierarzneimittel. Und es gibt eine Zunahme von gefälschten Krebsmedikamenten.»

Hightech-Maschinen ermöglichen es, die Fälschungen zu erkennen. Die Analysen werden anschliessend an die Polizei weitergeleitet. Aufgrund der Belege sei es schon zu Verhaftungen gekommen, betont die Wissenschaftlerin.

RTS, 36.9°, 7.1.2026, 20:05 Uhr; wilh

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