Im Paketzentrum Zürich-Mülligen sind Angestellte des Zolls damit beschäftigt, Pakete mit illegal importierten Medikamenten aufzuspüren. «Zurzeit kommen viele aus Indien oder Osteuropa», berichtet die Zollchefin Tanja Brunner gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). «Die Fälscher ziehen oft um. Das ist sehr interessant für sie, weil wir eine ganze Weile brauchen, bis wir das merken.»
Viagra-Nachahmungen machen mehr als die Hälfte der Beschlagnahmungen aus. Es gibt auch Abnehmspritzen, Antidepressiva, Behandlungen gegen Bluthochdruck und sogar Antibiotika. Wenn es sich um Fälschungen handelt, können die Folgen schwerwiegend sein.
Die verdächtigen Pakete werden nach Bern zu Swissmedic geschickt. Wenn die Bestellung den Bedarf einer Person für einen Monat übersteigt, wird sie vernichtet. Wird ein Empfänger eines Pakets verdächtigt, die bestellten Produkte weiterzuverkaufen, drohen eine hohe Geldstrafe oder sogar Gefängnis.
Die Händler sind viel schwieriger zu fassen. «Das pharmazeutische Verbrechen ist international. Eine Website kann von Osteuropa aus betrieben werden, während die Ware aus Indien stammt», erläutert Nicolas Fotinos, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Swissmedic.
Er nimmt als Beispiel die Website einer gefälschten Online-Apotheke. Die Plattform zeigt ein Schweizer Kreuz und die Angabe «Geneva», aber die Telefonnummern sind ausländisch, und als Adresse wird diejenige einer existierenden Apotheke in Genf missbraucht.
Die auf diese Art bestellten Medikamente sind oft Fälschungen. Insulin-Pens werden zum Beispiel als «Ozempic» umetikettiert, eine Behandlung, die in den sozialen Netzwerken zum Abnehmen angepriesen wird. «Sich versehentlich Insulin zu spritzen, führt zu einem Abfall des Blutzuckerspiegels, der zu Unwohlsein führen und sogar lebensbedrohlich sein kann», präzisiert Caroline Samer vom Service für klinische Pharmakologie an der Universität Genf.
Beispiele gefälschter Medikamente, die lebensgefährlich sind:
Hochriskant seien auch Produkte, die als «100 Prozent natürlich» dargestellt werden, aber chemische Wirkstoffe enthalten. Ein angeblich beim Abnehmen helfender Tee enthielt zum Beispiel Sibutramin, einen Appetitzügler, der 2010 vom Markt genommen wurde.
Minderjährige bestellen Wachstumshormone
Bei Dopingprodukten ist die Gesetzgebung strenger: Selbst in geringsten Mengen ist ihre Einfuhr verboten. Sportler und Sportlerinnen, die erwischt werden, können für bis zu vier Jahre gesperrt werden.
Ein Ermittler zeigt RTS eine beschlagnahmte Schachtel mit Wachstumshormontabletten aus Osteuropa. «Es gibt immer mehr junge Leute, noch minderjährig, die sie bestellen», berichtet der Ermittler. «In Tablettenform ist das viel zugänglicher, als wenn man sie sich mit einer Spritze injizieren muss. Wir sehen Werbevideos auf TikTok, die mehr als 300’000 Aufrufe haben. Das erklärt, warum die Bestellungen explodieren.»
Heute gilt der Handel mit gefälschten Medikamenten als einträglicher als der Drogenhandel. Er ist explodiert und verursacht jedes Jahr Hunderttausende Todesfälle. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in den Schwellenländern jedes zehnte Medikament gefälscht oder von minderer Qualität.