Der erste Femizid des Jahres 2026 geschah im Januar in Genf. Seither sind diverse dazugekommen. Die Frage des Schutzes für Opfer ist aktueller denn je.
Chloé* erlebte die psychische und physische Herrschaft durch ihren ehemaligen Partner. Gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) berichtet sie von der Schwierigkeit, eine gewalttätige Beziehung zu verlassen. «Er sagte ganz klar, dass ich sterben werde, wenn ich gehe, also hatte ich Angst zu sterben.»
Hören Sie die Aussage eines Opfers häuslicher Gewalt:
Es war die Geburt ihres Kindes, die ihr die Kraft gab, zu gehen. Doch dann begann ein «wahrhaftiger Abstieg in die Hölle». Sie musste darum kämpfen, dass man ihr glaubte. Heute, drei Jahre nach ihrer Flucht, ist ihr Ex-Partner immer noch auf der Suche nach ihr, mit der Absicht, sie zu töten.
Kontrolle durch Verunglimpfung
Das Konzept der «coercive control» ist eine heimtückische Form der Gewalt, bei der der Täter eine kontinuierliche und wiederholte Dominanz über sein Opfer ausübt und es seiner Autonomie beraubt. Véronique Landry war 20 Jahre lang davon betroffen. Ihr Mann machte sie ständig nieder und isolierte sie von ihrem Umfeld. «Er nannte mich dumme Gans, er nannte mich Hure, er machte mich ständig für alles nieder», erzählt sie.
Der Wiederaufbau ist ein langer und schwieriger Prozess. Man schätzt, dass die notwendige Zeit für den Wiederaufbau des Selbstwertgefühls mindestens so lang, wenn nicht doppelt so lang ist wie die Dauer der erlittenen Gewalt. Frauenhäuser wie das Foyer Arabelle in Genf spielen eine entscheidende Rolle dabei, indem sie Unterkunft und multidisziplinäre Begleitung bieten. Doch die Plätze sind rar.
Die Opfer müssen sich auch mit den Lücken des Justizsystems auseinandersetzen, zwischen aufdringlichen Fragen und oft endlosen Verfahren. Clara Schneuwly, eine Anwältin, die auf die Verteidigung von Opfern spezialisiert ist, sieht bei Justizfachleuten ein mangelndes Wissen in Befragungstechniken, die an traumatisierte Personen angepasst sind.
Zudem sind Massnahmen zur Fernhaltung des Gewalttäters nicht immer wirksam genug. Emma* hat diese bittere Erfahrung gemacht: Trotz eines Annäherungsverbots belästigte ihr Ex-Mann sie weiterhin und drohte ihr sogar vor der Polizei mit dem Tod, ohne dass dies sofortige Sanktionen nach sich zog. In der Schweiz gibt es keine aktive Überwachung von Gewalttätern, wodurch die Verantwortung beim Opfer liegt, die Polizei bei Nichteinhaltung der Massnahmen zu alarmieren.
Die Auswirkungen auf Kinder
Auch Kinder gehören zu den Opfern häuslicher Gewalt. In der Schweiz sind jährlich fast 27'000 davon betroffen. Dies kann schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Entwicklung haben und erhöht das Risiko, dass sie im Erwachsenenalter selbst Gewalt ausüben oder erleiden.
Marc-Antoine La Torre, Direktor des Vereins Foyer Arabelle, beklagt den Mangel an Massnahmen und Mitteln, um Täter zur Verantwortung zu ziehen. Seiner Ansicht nach liegt im heutigen System die Verantwortung zum Handeln noch weitgehend bei den Opfern.
Für viele Opfer bleibt der Weg zur Beruhigung steinig. Wie Emma und Chloé streben sie vor allem danach, ein Gefühl der Sicherheit wiederzuerlangen, eine unverzichtbare Voraussetzung, um sich wieder aufzubauen und ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. «Ich denke, der einzige Moment, in dem ich frei sein werde, ist, wenn er tot ist. Nicht vorher. Sicher nicht vorher.»
* Namen der Redaktion bekannt