Am 22. Juni 1476 fügten die Eidgenossen dem burgundischen Heer Karls des Kühnen bei Murten eine vernichtende Niederlage zu. Es war bereits die zweite Schlappe für den mächtigen Fürsten innert weniger Wochen. Das prägte das kollektive Gedächtnis nachhaltig – nicht nur bei Schweizer Chronisten.
Die Schlacht steht vor allem für den Aufstieg der Infanterie. Die Schweizer Hellebardiere bewiesen, dass sie die grossen Fürstenhäuser ins Wanken bringen konnten.
Jenseits von Gedenkfeiern und patriotischem Stolz hat die Schlacht bei Murten ein sehr greifbares Erbe hinterlassen.
Ein Obelisk als Ersatz für das zerstörte Beinhaus
An der mutmasslichen Stelle der Schlacht steht heute ein Obelisk, eingerahmt von zwei Bäumen. Er wurde 1823 eingeweiht und ersetzte ein weit eindrucksvolleres Denkmal: ein Beinhaus, in dem die Überreste Tausender Soldaten ruhten, mehrheitlich Burgunder.
Die in einer Kapelle sorgfältig aufgereihten Knochen machten einen so starken Eindruck, dass manche Besucher einen Knochen als Erinnerung mitnahmen.
Im 18. Jahrhundert zählte das Beinhaus sogar zu den Stationen der Grand Tour und wurde unter anderem von Goethe, Casanova und Napoleon besucht. Doch beim französischen Einmarsch im Jahr 1798 wurde es zerstört.
Die Revolutionstruppen, in deren Reihen zahlreiche Burgunder standen, tilgten damit ein Symbol des Ancien Régime – und zugleich die Erinnerung an eine schmähliche Niederlage.
Ein Lauf, der bereits seine 92. Ausgabe erlebt
Um der Schlacht zusätzliche epische Züge zu verleihen, griff die Überlieferung auf den Mythos des griechischen Boten Philippides zurück, der nach der Schlacht von Marathon den Sieg verkündet haben soll.
Der Legende nach brachte ein Bote die Nachricht nach Freiburg und brach danach am Fuss einer Linde zusammen.
Archive zeigen jedoch, dass es zwei Boten gab, die ihre Mission überlebten und belohnt wurden. Dennoch setzte sich die heroischere Version durch.
Wie beim Marathon wurde daraus ein sportlicher Wettkampf: Seit 1932 führt ein Lauf über 17 Kilometer von Murten nach Freiburg. Tausende Läuferinnen und Läufer – zuletzt 16’489 – nehmen daran teil, die Schnellsten erhalten ein Preisgeld.
Dazu gibt es einen Lindenzweig – allerdings nicht mehr vom ursprünglichen Baum, unter dem der Bote zusammengebrochen sein soll. Die historische Linde wurde 1983 gefällt, nachdem ein Auto gegen sie gefahren war.
An ihrer Stelle steht heute eine Metallskulptur. Zum 550‑Jahr‑Jubiläum wurde ein Ableger gepflanzt, um die Tradition fortzuführen und an ein lebendiges Gedächtnis zu erinnern.
Die Schlacht hat auch ein monumentales Kunstwerk hervorgebracht: Das Panorama von 1893 ist eine zehn Meter hohe und hundert Meter lange Rundleinwand.
Heute ist es in drei Rollen zu je 700 Kilogramm aufgeteilt. Dieses unhandliche Format dürfte mit ein Grund sein, warum es in den letzten Jahrzehnten nur selten gezeigt wurde – zuletzt an der Expo 2002.
Inzwischen wurde das Panorama vollständig digitalisiert, sodass es detailliert erkundet werden kann.
Die Originalleinwand wartet jedoch weiterhin auf einen festen Ausstellungsort. In der Schweiz existieren nur noch vier solche Panoramen.
Allein durch sein Fortbestehen zeigt das Werk: Die Schlacht bei Murten wirkt bis heute nach – in Geschichte, Erinnerung und Kultur.