Zwischen Wiederaufbau und neuer Bedrohung
Ein Jahr nach dem verheerenden Unglück üben die Behörden den Spagat zwischen den Hoffnungen und Emotionen der Menschen und den finanziellen und geologischen Realitäten. Der Wiederaufbau von Blatten ist eines der ambitioniertesten Wiederaufbauprojekte der Schweizer Geschichte.
Denn nebst den enormen Herausforderungen des Wiederaufbaus ist auch die Gefahr weiterer Felsstürze nicht für immer gebannt. Ein derart grosses Ereignis wie im Mai 2025 wird es zwar auf lange Zeit hinaus kaum mehr geben. Zumal der Birchgletscher fast komplett abgestürzt ist. Doch am Kleinen Nesthorn sind noch immer mehrere Bereiche absturzgefährdet. Die Dienststelle Naturgefahren des Kantons Wallis geht von bis zu 1.7 Millionen Kubikmeter Fels aus, die im vergangenen September noch instabil waren.
Alban Brigger, Ingenieur Naturgefahren bei der Dienststelle, sagt: «Wir sprechen von mehreren hunderttausend Kubikmetern, die noch abstürzen könnten.» Ein solcher Felssturz würde zusätzlich Material aus der Absturzrinne mitreissen, was im Tal eine bis zu 17 Meter hohen Aufschüttung geben könnte. Diese würde die Lonza wieder aufstauen. Das ist auch der Grund, warum das neue Blatten deutlich höher liegen muss als das alte.
Bis zu 17 Meter hohe Aufschüttung möglich.
Auch im Schuttkegel sieht Alban Brigger eine Gefahr. Denn in diesem ist noch immer viel Eis vorhanden: «Wenn eine zusätzliche Belastung auf den Schuttkegel kommt, die höher als sieben, acht Meter ist, dann würde das ausreichen, dass sich die Masse verflüssigen und in Bewegung setzen könnte.» Ein Murgang würde sich entlang der Lonza talwärts bewegen und zerstören, was sich ihm in den Weg stellt.
Weitere Problemzonen im Tal
Das Tal kommt auch ober- und unterhalb des Kleinen Nesthorns nicht zur Ruhe. Mitte Mai musste die Strasse von Blatten hoch zur Fafleralp auf unbestimmte Zeit gesperrt werden. Nur unweit des Birchgletschers macht der Oigstchummungletscher eine ähnliche Entwicklung durch wie vor einem Jahr der Birchgletscher. Er bewegt sich talwärts. Abbrüche drohen, welche die Strasse im Tal verschütten könnten.
Und unterhalb, auf Höhe der Gemeinde Wiler, bröckelt das Schwarzhorn. Brigger schätzt, dass hier 0.2 bis maximal 1.5 Millionen Kubikmeter Fels abstürzen könnten. Gemäss Berechnungen wären von einem Felssturz zwar keine Wohnhäuser betroffen, aber zum Beispiel eine Sportanlage. Die Geologie auf der ganzen südlichen Talseite ist ähnlich – also eher instabil. Brigger spricht darum von noch mehr Bröckelbergen: «Auf unserer satellitengestützten Überwachung haben wir verschiedene Bewegungen erkannt.»
Das überrascht den Permafrostforscher Michael Krautblatter nicht. Er hat Gneis aus dem Kleinen Nesthorn untersucht. Fels, wie er auf der ganzen Flanke vorhanden ist: «Das sind Gesteine, die durch die Klimaerwärmung der vergangenen Jahrzehnte hohe Festigkeitsverluste erleiden. Zusammen mit der ungünstigen Schichtung macht dies das Lötschental zu einer Kernregion bezüglich Permafrostproblematik.»
Der Kanton baut die Überwachung der bröckelnden Talseite ständig aus. Von GPS-Sensoren bis Laser-Vermessung braucht es unterdessen viel Technologie, damit mögliche weitere Fels- oder Gletscherstürze rechtzeitig erkannt werden können. Und weniger werden es in den kommenden Jahren kaum werden.
Der Weg zum «Neuen Blatten 2030»
Geplant ist kein identischer Wiederaufbau des alten Dorfs, sondern ein «neues Blatten», an erhöhter Stelle, unweit des alten Standorts. Das Ziel ist klar: Ab 2029 soll in Blatten neu gebaut werden, 2030 soll erste Gebäude wieder stehen.
Der Weg dorthin ist komplex und aufwändig – und er soll in Etappen erfolgen.
Die Streckenlegung der neuen 2.8 Kilometer langen Kantonsstrasse orientiert sich an der Gefahrenkarte. Um schneller bauen zu können, hat die Kantonsregierung die sogenannte Polizeiklausel aktiviert. Diese erlaubt es, die Arbeiten von einer öffentlichen Auflage und vom öffentlichen Beschaffungsrecht auszunehmen.
Noch im laufenden Jahr soll der Abriss der zerstörten Häuser beginnen. Die Liste der zu bewältigenden Aufgaben ist lang. Ab Mitte Dezember soll eine provisorische Seilbahn Weissenried und Blatten auch im Winter gut erreichbar machen und es braucht Strassen, Werkleitungen, Wohnraum, öffentliche Gebäude und vieles mehr. Für den gesamten Wiederaufbau wurde ein ambitionierter Fahrplan ausgearbeitet, in welchem der Kanton im September 2025 von insgesamt 69 Einzelmassnahmen (pdf) spricht.
Vor dem Bau neuer Häuser und neuer Infrastruktur muss der Baugrund für den Wiederaufbau vorbereitet werden. Zuerst wird der Baugrund Schicht um Schicht abgetragen und getrocknet, damit sämtliches Eis im Schutt abschmilzt. Das brauchbare Material wird zurückgebracht und dann vorbelastet mit dem Gewicht des späteren Dorfes. Hat es sich gesetzt, kann darauf gebaut werden.
Bis geklärt ist, wo genau wie und was gebaut werden kann, wird es noch dauern. Der genaue Zonennutzungsplan dürfte erst 2027 bekannt sein. Erst dann ist unter vielem anderem klar, wie verdichtet oder in welchem Stil die Häuser wirklich gebaut werden. Die Meinungen über die Gestaltung des neuen Dorfes gehen bei der Bevölkerung naturgemäss auseinander, wie ein Mitwirkungsverfahren im März zeigte. So sind sich etwa alle einige, dass es einen Dorfplatz braucht, aber darüber, ob er autofrei sein soll, scheiden sich die Geister.
Hohe Kosten – und auch Zweifel
Der Kanton Wallis schätzt seine Kosten für den Wiederaufbau auf 100 Millionen Franken. Er finanziert damit etwa die Kantonsstrasse (30 Millionen) mit. Die Gemeinde Blatten und eine Kommission können Spenden von mittlerweile 73 Millionen verteilen, zumeist direkt an die lokale Bevölkerung.
Der versicherte Gesamtschaden aus dem Felssturz in Blatten wird vom Schweizerischen Versicherungsverband auf 255 Millionen Franken geschätzt. Unklar ist allerdings, wie viel davon die Geschädigten tatsächlich in Blatten investieren.
Denn nicht alle Blattnerinnen und Blattner sind sich sicher, ob sie jahrelang auf die Rückkehr in ein Dorf warten wollen, das ohnehin nicht mehr dasselbe sein wird wie früher. Grundsätzliche Fragen treiben sie um. Lässt sich «Heimat» überhaupt mit Baumaschinen neu bauen?
Junge Familien überlegen sich, ob sie ihren Kindern zumuten wollen, bis zur Rückkehr in einem «Provisorium» zu leben. Besonders jüngere Menschen machen sich Gedanken, ob es sinnvoll ist, die eigene Zukunft in einem bröckelnden Bergtal zu planen.
Es gibt keine «richtigen» oder «falschen» Antworten auf diese Fragen – und jeder und jede Betroffene muss sie sich selber geben. Was alle vereint, ist der Verlust von Hab und Gut und Heimat - und der Schmerz über den Verlust wir bei manchen wohl nie vergehen.