Die ganze Welt schaut auf Gianni Infantino, als er im Spätherbst 2022 plötzlich persönlich wird. «Heute habe ich starke Gefühle», sagt er.
Es ist der Tag vor der Männer-Fussball-WM in Katar. Eigentlich redet die Welt gerade über die Menschenrechtssituation in dem Land, über Arbeiter, die beim Bau der WM-Stadien gestorben sind. Doch Infantino nimmt sich an diesem Tag Zeit, um über Emotionen zu sprechen: Er fühle sich heute katarisch, arabisch, afrikanisch. Er fühle sich schwul, behindert, sogar als Wanderarbeiter.
Und dann redet er plötzlich über seine Herkunft. Seine Kindheit im Oberwallis als Sohn italienischer Einwanderer, der kein gutes Deutsch sprach. Der noch dazu rote Haare und Sommersprossen hatte. «Ich wurde gemobbt», bekennt er vor Mikrofonen und Kameras. Da könne man sich einschliessen und weinen, sagt Infantino, aber man könne auch versuchen, Freunde zu finden, sich engagieren. «Das sollten wir alle tun», sagt er mit Blick auf die ohrenbetäubende Kritik an der WM in Katar.
Wer heute auf Infantino blickt, kann sich die roten Haare und die Sommersprossen kaum mehr vorstellen. Der einst Gemobbte gibt heute den Ton an: Infantino steht seit zehn Jahren an der Spitze des Weltfussballverbands, er ist der mächtigste Mann im Sportgeschäft. In wenigen Tagen beginnt die grösste und voraussichtlich lukrativste Fussball-WM aller Zeiten. Infantino scheint auf dem Zenit seiner Macht.
Die Anfänge im Wallis
Der Kontrast zu dem kleinen Jungen aus Brig ist gewaltig. Infantinos Eltern sind aus Italien eingewandert, sie haben sich im Wallis kennengelernt. Gianni kommt im März 1970 zur Welt, er ist der Nachzügler, seine beiden Schwestern Mirella und Daniela sind rund zehn Jahre älter als er.
Doch der Start ins Leben verläuft dramatisch: Der Säugling leidet unter einer schweren Gelbsucht. Giannis Blutgruppe ist so selten, dass es zwei Spender aus dem Ausland braucht, um ihn zu retten. Per Flugzeug und Helikopter kommt das Blut ins Wallis. Der kleine Gianni überlebt – und kommt prompt auf die Blick-Titelseite vom 28. März 1970.
Vom Vater erbt der junge Infantino das Fussballfieber. Die Eltern führen einen Kiosk am Briger Bahnhof. Dort gibt es die «Gazzetta dello Sport» und andere Fussballmagazine, die Gianni verschlingt. Seine Clubs sind der FC Sion und Inter Mailand. Und natürlich spielt Gianni auch selbst Fussball, träumt von einer Profikarriere. Aber recht schnell wird ihm klar: Er hat nicht wirklich das Zeug dazu.
Er sei nicht gerade der talentierteste Fussballer gewesen, erzählt seine Schwester Daniela 2016 im Gespräch mit SRF. Aber die Schwester erinnert sich an einen Aufsatz von Gianni in der Primarschule über seinen Traumberuf: «Er hat geschrieben: Ich möchte gerne Fussballer werden oder Advokat vom Fussball, aber wahrscheinlich eher Advokat vom Fussball.»
Und wirklich: Gianni schlägt schon als Jugendlicher erste Pflöcke ein für eine Karriere als Fussballfunktionär. Er wird Mitbegründer eines Vereins, des FC Folgore. Die Mannschaft besteht praktisch nur aus Secondos, vor allem Italienern. Gianni ist im Verein «Mädchen für alles»: Er kümmert sich um Trikots, Schuhe, Spielpläne, organisiert Trainings und Grümpelturniere. Er sei schon immer ein Manager gewesen, erinnert sich seine Familie.
Infantino studiert nach der Matura Jus in Freiburg und spezialisiert sich dort auf Sportrecht. Nach seinem Abschluss arbeitet er zunächst als Berater für mehrere nationale Fussballverbände. Und heuert dann als Generalsekretär beim Zentrum für Sportstudien in Neuenburg an: Das Zentrum ist eine Art Kaderschmiede für Sportmanager, mitgegründet von der Fifa – die perfekte Startbahn für eine Karriere im grossen Fussballgeschäft.
Die Karriere nimmt Fahrt auf
Im Jahr 2000 fängt Gianni Infantino bei der Uefa an, dem europäischen Fussballverband. Er arbeitet sich hoch zum Generalsekretär.
Da nehmen ihn Fussballfans zum ersten Mal wahr: als «Losfee» nämlich, bei den Auslosungen für die Champions League und die EM. Infantino steht da regelmässig auf der Bühne, rührt in Kübeln mit kleinen Bällen und zeigt dabei eines seiner grossen Talente: seine Sprachfertigkeit.
Er wechselt spielend vom Englischen ins Französische, sagt auch mal ein Wort auf Polnisch oder einen Satz auf Portugiesisch. Sechs Sprachen kann Infantino: Neben Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch spricht er auch Arabisch. Seit 2001 ist er mit der Libanesin Lina Al-Ashqar verheiratet, auch sie eine frühere Fussballfunktionärin. Das Paar hat vier Töchter.
In seiner Zeit bei der Uefa gilt Infantino unbestritten als Profi im Fussballgeschäft. Aber als möglicher Fifa-Präsident? Für dieses Amt hat den Walliser eigentlich niemand auf dem Schirm. Als Kronprinz, als designierter Nachfolger von Sepp Blatter gilt stattdessen Infantinos Chef: Uefa-Präsident Michel Platini.
Doch 2015 überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. An einem frühen Morgen im Mai fährt die Kantonspolizei vor dem Zürcher Luxushotel Baur au Lac vor. Die USA haben die Schweizer Behörden um Unterstützung gebeten bei Ermittlungen gegen die Fifa, und so führt die Kantonspolizei an diesem Morgen mehrere hochrangige Fifa-Funktionäre aus dem Hotel und nimmt sie fest. Der Verdacht unter anderem: Korruption bei der Vergabe der WM an Katar.
Die US-Ermittlungen stürzen die Fifa in eine tiefe Krise. Sepp Blatter, gerade wiedergewählt, kündigt wenige Tage nach den Festnahmen in Zürich seinen Rücktritt an – und macht damit, ohne es zu wissen, Platz für Gianni Infantino.
Weg frei für Gianni Infantino
Denn Uefa-Chef Platini ist kurz darauf kaltgestellt. Die Strafermittlungen rund um die Fifa befördern ein Papier zutage, das sowohl Blatter als auch Platini belastet: ein Beleg für eine Zwei-Millionen-Überweisung der Fifa an Platini.
Die Schweizer Justiz eröffnet ein Verfahren gegen die beiden Männer wegen Verdachts auf Betrug. Später werden die beiden freigesprochen, aber damals weiss man das noch nicht. Die Fifa sperrt Blatter und Platini im Oktober 2015 für alle Fussballämter. Und Infantino ergreift seine Chance: Er kandidiert fürs Fifa-Präsidium.
Ich dachte, nach dem Visper Blatter kommt jetzt nicht ein Briger.
Ein Selbstläufer ist seine Kandidatur nicht. Infantino ist kein Schwergewicht wie Platini, er hat vier ernst zu nehmende Gegenkandidaten – und selbst Freunde von ihm glauben nicht, dass er es schafft: «Ich dachte, nach dem Visper Blatter kommt jetzt nicht ein Briger», sagt Martin Schmidt. Schmidt, der Fussballtrainer aus Naters, der auch schon in der deutschen Bundesliga gecoacht hat, ist ein Jugendfreund von Infantino.
Doch Schmidt wird überrascht: Infantino schafft es. Er wird im Februar 2016 im zweiten Wahlgang zum neuen Fifa-Präsidenten gewählt.
Infantino praktiziert damals im Wahlkampf ein Prinzip, das er bis heute anwendet: Er vergisst nie, dass jeder der 211 Mitgliedsverbände der Fifa eine Stimme hat, egal ob es nun der englische oder der guineische Verband ist. Damals, Ende 2015 und Anfang 2016, reist Infantino um die Welt und verspricht vor allem den kleinen, finanzschwachen Verbänden, dass mehr Fifa-Gelder zu ihnen fliessen werden. Er verspricht auch, dass künftig mehr Nationen an den Weltmeisterschaften teilnehmen können. Beides nicht unbedingt im Sinne der mächtigen Europäer – beides aber entscheidend für seinen Wahlerfolg.
Als neuer Präsident kommt Infantino in eine Fifa, die noch stark von Blatter geprägt ist. Auf dem Papier belässt der Neue vieles so, wie er es vorfindet. Doch er nimmt personelle Änderungen vor, die Folgen haben: 2017 lässt er die bisherigen Spitzen der Ethik-Kommission der Fifa fallen, Joachim Eckert und Cornel Borbély.
Die Ethik-Kommission ist quasi die interne Kontrollinstanz der Fifa in Sachen Fehlverhalten. Eckert und Borbély waren es, die Blatter gesperrt haben, sie haben 2016 auch schon gegen Infantino ermittelt. Solch unbequeme Kontrolleure scheinen nicht zur neuen Fifa zu passen: Der Fifa-Rat unter Infantinos Führung nominiert die beiden überraschend nicht mehr – wegen mehr Diversität bei den Amtsträgern, wie Infantino damals argumentiert.
Parallel zu Infantinos Amtsjahren häufen sich die Skandale: Flüge in Privatjets, die nicht die Fifa bezahlt hat. Eine WM in Russland unter Boykottaufrufen, dann ein Freundschaftsorden von Putin an Infantino. Geheime Zusammenkünfte mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber, die Lauber letztlich das Amt kosten. Falsche Angaben rund um einen Flug von Surinam nach Genf. Eine umstrittene WM in Katar.
Und nun die Weltmeisterschaft in Nordamerika, für deren Gelingen Infantino praktisch alles tut, immer wieder die Nähe zu Donald Trump sucht und ihm sogar einen «Friedenspreis» verleiht.
Indes ist Infantinos Image in Europa so angeschlagen wie wohl nie zuvor. Doch er sitzt fester im Sattel denn je: Die Umsätze der Fifa haben sich unter seiner Führung mehr als verdoppelt. Die Nationalverbände haben Anspruch auf achtmal so viel Fördergeld wie noch unter Blatter. Und in diesem Jahr werden erstmals 48 Teams an der Männer-WM teilnehmen.
Dass er dafür Ärger auf sich zieht wegen seiner Nähe zu Autokraten oder wegen einer Verwässerung des Sports, wie Kritiker sagen? Stört Infantino offenbar nicht. Schon zweimal wurde er ohne Gegenkandidaten wiedergewählt, 2027 will er ein drittes Mal antreten. Bis jetzt hat es noch niemand geschafft, das einstige Einwandererkind aus dem Wallis zu stoppen.