Die Schulden wurden Lilian Senn quasi in die Wiege gelegt. «Ich bin in einer Armutsfamilie aufgewachsen», erzählt sie. Das Geld sei immer knapp gewesen, auch bei ihren vier Geschwistern. Schon mit zwölf Jahren habe sie Gelegenheitsjobs angenommen, um neben der Schule ein bisschen Taschengeld zu verdienen. Davon sei aber kaum etwas übrig geblieben: «Die Mutter hat mir für den Unterhalt viel davon abgenommen.»
Nach der Lehre folgt die Rezession
Später habe sie eine Doppellehre als Floristin und Verkäuferin absolviert, erzählt Senn. Der Abschluss sei gut gewesen. Sie sei sogar die erste Floristin gewesen, die in der Migros gearbeitet habe. «Ich bin eigentlich schuld, dass es heute in der Migros anständige Blumensträusse zu kaufen gibt», lacht sie.
Doch dann kommt die Rezession: Mitte der Siebzigerjahre schlittert die Schweiz in eine ernste Wirtschaftskrise und das Leben wird für viele Menschen unsicher. Offenbar auch für Lilian Senn, denn sie erzählt, wie sie in den Jahren danach mehrere Schicksalsschläge erlebt, sich scheiden lässt und schliesslich obdachlos wird.
Für mich wäre der Schuldenschnitt die grösste Entlastung.
Nun beginnt der Teufelskreis: Sie habe die Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen können und sich deshalb verschuldet. Daraus sei im Verlauf der Zeit ein regelrechter Schuldenberg von rund 100'000 Franken angewachsen. Zu den Prämienrechnungen seien Mahnungen, Gebühren und Steuern dazugekommen.
«Die psychische Belastung ist schrecklich. Existenzängste plagen einen, man hat Angst, die Post zu öffnen. Es fühlt sich an wie ein Gewicht um den Hals, gegen das man nichts tun kann.» Das erklärt, weshalb sie sich viel von der neuen gesetzlichen Regelung erhofft, auf die sich das Parlament geeinigt hat.
Perspektive auf einen Neustart
Künftig ist es Hochverschuldeten möglich, sich für ein neues Sanierungsverfahren anzumelden. Wenn es ihnen gelingt, während drei Jahren keine neuen Schulden anzuhäufen, werden ihnen die restlichen Schulden erlassen. Senn findet die Regelung gut, will aber noch abwarten, wie sie konkret ausgestaltet wird.
Die Vorstellung, keine Schulden mehr zu haben, sei jedoch eine grosse Erleichterung. «Der Druck im Hintergrund wäre dann endlich weg. Wenn ich noch jünger wäre, könnte ich beruflich sogar einen Neustart wagen.» Heute ist Senn pensioniert und arbeitet für das Schweizer Strassenmagazin «Surprise». Obdachlos ist sie nicht mehr, doch die Schulden sind geblieben.
Parallel zu einer neuen gesetzlichen Regelung brauche es jedoch auch einen gesellschaftlichen Wandel, findet sie. Heutzutage sei die Vorstellung immer noch sehr verbreitet, dass die Hochverschuldeten die alleinige Verantwortung für ihre missliche Lage trügen. Deshalb brauche es nach wie vor mehr Sensibilisierung dafür, wie die Folgen einer Verschuldung die finanzielle Lage fortlaufend verschlimmern können – also für die Schuldenspirale. «Solange wir als Gesellschaft darauf fokussieren, wer schuld an den Schulden ist, haben wir keine Chance.»
Und was ist mit den Gläubigern – in Lilian Senns Fall primär der Staat und die Krankenkassen? Für die mache es keinen Unterschied, sagt sie. In ihrer gegenwärtigen Situation könne sie das Geld ohnehin nicht zurückzahlen. «Aber für mich wäre der Schuldenschnitt die grösste Entlastung.»