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Sechsteiliger Podcast Wie ein junger Freiburger Long Covid überwand

Jann Zosso erkrankte an Long Covid. Heute ist er wieder gesund. In einem Podcast erzählt er, wie er selber herausfand, was ihm hilft.

Winter 2023: Jann Zosso ist Anfang dreissig und befindet sich mitten im Endspurt zur Abgabe seiner Doktorarbeit in Physik. Er infiziert sich mit Covid-19 – das zweite Mal innerhalb eines Jahres. Erst hat er das Gefühl, die Krankheit sei überstanden. Doch nach einem Hockeytraining fühlte er sich erneut krank.

Das Schlimmste war, das Vertrauen in meinen Körper zu verlieren.
Autor: Jann Zosso Long-Covid-Betroffener

Im Verlauf der nächsten Wochen verstärkt sich das Krankheitsgefühl. Zosso spürt eine bleierne Schwere im ganzen Körper und plötzlich auftretenden Schwindel. Dazu kommt ein starker «brain fog», also Erschöpfung und Müdigkeit im Gehirn, die sein Denken verlangsamen. Nach umfangreichen medizinischen Tests, bei denen es vor allem darum geht, andere Krankheiten auszuschliessen, erhält er die Diagnose: Long Covid.

Mann und Frau auf Stühlen im Freien.
Legende: «Long Covid ist immer noch Teil unseres Lebens, das liegt aber vor allem am Podcast», sagen Jann Zosso und Zita Bauer heute. Nathalie Jufer

Für den Freiburger beginnt eine Leidenszeit, die ihn bis in eine spezialisierte Reha-Klinik für Long-Covid-Betroffene führt. Dort wird er beinahe entlassen, weil er eigentlich zu erschöpft ist für die Therapien. «Ich spürte eine grosse Belastungsintoleranz und konnte alltägliche Dinge wie Zähneputzen oder Duschen im Stehen nicht mehr machen», erzählt Zosso. Das Vertrauen in den eigenen Körper zu verlieren, das sei das Schlimmste gewesen.

Neue Behandlungsform, die auch Marlen Reusser geholfen habe

Heute, drei Jahre später, bezeichnet er sich als genesen. Er führt das auf eine neuartige Schmerztherapie zurück, die auch der Berner Radrennfahrerin Marlen Reusser geholfen habe, Long Covid zu überwinden. «Es geht um ein neues Krankheitsverständnis von Long Covid», sagt Jann Zosso. Dieses basiere darauf, dass die Symptome ausgelöst werden, weil das Nervensystem sie erlernt hat. «Der Körper selbst ist gesund, reagiert aber auf gewisse Auslöser.» Bei der Behandlung gehe es darum, die Nervenbahnen wieder umzuprogrammieren.

Hoffnung und Wissen: Einordnung der SRF-Wissenschaftsredaktion

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Dieser Podcast erzählt eine sehr hoffnungsvolle Geschichte. Wie schätzen Sie das ein?

Diese Therapie, die auf sogenannte Neuroplastizität setzt, macht gerade von sich reden. Jede Person, der geholfen wird, ist ein Grund zum Feiern und auch ein Grund, genauer hinzuschauen. Ich wäre im Umgang mit Hoffnung aber ein bisschen vorsichtiger. Was der einen hilft, kann für den anderen ganz falsch sein und umgekehrt. Das kommt im Podcast etwas zu kurz.

Der Therapieansatz geht davon aus, dass es keinen organischen Schaden im Körper gibt und Schmerz und Erschöpfung erlernt sind. Was ist da dran?

Das ist unter Experten und Expertinnen umstritten. Manche lehnen die Idee von Grund auf ab, andere sind zumindest skeptisch, wieder andere wollen die Therapie nun besser erforschen. In jedem Fall gilt, dass die Long-Covid-Forschung erst ein paar Jahre alt ist und vor allem im letzten Jahr sehr spannende Ergebnisse gebracht hat. Jetzt zu sagen: ‹Long Covid hinterlässt keine organischen Schäden, es ist alles nur erlernt›, das wäre sicher zu einfach. Ich gehe davon aus, dass die Forschung hier weiter vorankommt und organische Erklärungen liefern wird. Gleichzeitig wäre es falsch, das, was die Betroffenen über ihre Genesung berichten, einfach zu ignorieren. Genau so, mit dem Hören auf Betroffene, hat die Long-Covid-Forschung 2020 angefangen.

Was ist die Situation punkto Long Covid in der Schweiz?

Wie viele Menschen in der Schweiz an Long Covid leiden, lässt sich leider nur schätzen. Solide Zahlen gibt es keine. Der Betroffenen-Verband Long Covid Schweiz geht grob von 300'000 Erkrankten aus, aber diese Zahl ist nun schon einige Jahre alt. Es sind nicht wenige Betroffene, so viel ist sicher. Gleichzeitig ist die Versorgung nicht besonders gut, die Wartezeiten auf Termine beim Spezialisten oder Reha-Massnahmen sind sehr lang.

Antworten von SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel

Dieses Krankheitsverständnis und der entsprechende Therapieansatz seien unter Betroffenen noch kaum verbreitet, sagt die Journalistin Zita Bauer. Sie ist die Partnerin von Zosso und führt durch den Podcast. «Als Angehörige habe ich oft gehört, dass Long Covid unheilbar sei.» Zugleich habe sie erlebt, dass die Krankheit nicht ernst genommen werde. «Beides ist aus Erfahrung nicht hilfreich für die Genesung.»

Sprachmemos aus der Reha

«Schon früh war klar, dass ich meine Geschichte teilen will», sagt Jann Zosso. Entstanden ist ein sechsteiliger Podcast, den er gemeinsam mit Zita Bauer realisiert hat. Mit ihrem Podcast «So Long Covid» möchten sie die Debatte rund um Long Covid mit einem konstruktiven Ansatz ergänzen.

Handy mit Spotify-App: Zeile aus dem Podcast «Es gibt keinen Schmerz ohne Gehirn, das muss man erst einmal verstehen»
Legende: Im sechsteiligen Podcast «So Long Covid» kommen Betroffene und Fachleute zu Wort. Nathalie Jufer

Im Podcast kommen Betroffene, Fachleute sowie Zita Bauer und Jann Zosso selbst zu Wort. Zu hören sind beispielsweise Sprachnachrichten aus Zossos Reha-Zeit. Weil er damals zu schwach war, um Nachrichten zu tippen, hätten sie so miteinander kommuniziert. «Für mich ist es eindrücklich, diese Sprachmemos mit einem Abstand von zwei Jahren zu hören», so Bauer. Denn man höre ihnen gut an, wie schlimm die Situation damals gewesen sei.

Vor allem gehe es im Podcast darum, Geschichten von Menschen zu erzählen, die an Long Covid erkrankt sind und sich heute wieder gesund fühlen, sagen Zosso und Bauer. So spricht auch Radrennfahrerin Marlen Reusser über ihren Weg zurück in den Spitzensport. Er selbst sei nur auf diese Behandlungsform gestossen, weil andere Betroffene ihre Geschichte geteilt hätten, sagt Jann. «Deshalb war mir der Podcast persönlich sehr wichtig.»

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 29.4.2026, 12:03 Uhr, kemo;vonb;wilh

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