Engagiert, angriffig und unermüdlich im Kampf für eine bessere Welt: So kannte man Jean Ziegler – Politiker, Soziologe und UNO-Sonderberichterstatter. Wenig deutet auf diesen Werdegang, als Hans Ziegler 1934 in Thun in ein durch und durch bürgerliches Milieu geboren wird. Militär und ein strenger Protestantismus prägen seine Kindheit.
Dann flüchtet Ziegler aus dem, was er einen «Erstickungstod» nannte. Er bricht aus und zieht in die Welt. In Afrika wird er mit Gewalt, Hunger und Elend konfrontiert.
Über 30 Jahre im Nationalrat
Während des Studiums in Paris freundet er sich mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir an. Was folgt ist der Bruch mit seinem bisherigen Leben: Ziegler wird zum linken Revoluzzer, nennt sich fortan französisch Jean und konvertiert zum Katholizismus.
1967 wird Ziegler für die Genfer SP erstmals in den Nationalrat gewählt, dem er – mit einem kurzen Unterbruch – über 30 Jahre lang angehört. Zieglers Zielscheibe sind vor allem der Finanzplatz und das Bankgeheimnis. Er spricht bereits vom Raubtier- oder Casinokapitalismus, als dies noch keine stehenden Begriffe sind.
Auch an der Armee lässt er kein gutes Haar und plädiert an einem SP-Parteitag für deren Abschaffung. Sie habe keinen Nutzen mehr. «Ja zur nationalen Verteidigung, aber zu einer nützlichen nationalen Verteidigung. Diese Armee nützt nichts.»
Zieglers Waffe sind seine Bücher. Eigentliche Kampfschriften, die sich als internationale Bestseller verkaufen, ihm aber auch zahlreiche Klagen wegen Rufschädigung eintragen. Die Folge: sein wirtschaftlicher Ruin.
Da kommt ihm der Ruf aufs internationale Parkett gerade gelegen. 2000 wird Ziegler UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Er reist rund um den Globus und besucht zahlreiche Länder. Seine Nähe zu Diktatoren wie Muammar Gaddafi oder Fidel Castro bringen ihm dabei immer wieder Kritik ein.
Angebliche Kontakte zur PLO
Zieglers Kritiker fühlen sich auch durch das Buch des NZZ-Journalisten Marcel Gyr gestärkt. Ziegler ist darin ein Augenzeuge. Gyr behandelt im Buch die Terroranschläge der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO in den 1970er-Jahren. Die PLO entführte und sprengte in der jordanischen Wüste ein Swissair-Flugzeug.
Der damalige SP-Bundesrat Pierre Graber soll deshalb ein Geheimabkommen mit der PLO ausgehandelt haben, in dem sie sich verpflichtet, Schweizer Einrichtungen zu verschonen. Ziegler will dabei die Kontakte zu PLO hergestellt haben. Er hält an seiner Darstellung fest, obwohl später eine Arbeitsgruppe des Bundes und die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments keine Beweise für ein Geheimabkommen finden.
Globalisierungskritiker Ziegler kannte keine Altersmilde. Im Gegenteil: Bis zu seinem Tod hielt er weiterhin Vorträge, schrieb Bücher und trat regelmässig in den Medien auf. «Wenn man das Glück hat, Schweizer zu sein, weiss zu sein, Intelligenz und Ausbildung zu haben, dann muss man doch kämpfen, dass die kannibalische Weltordnung zerstört wird und dass jedermann wenigstens materiell auf dieser Welt leben kann.»
Selbst seine politischen Gegner attestierten Ziegler stets Charme, Freundlichkeit und eine gute Portion Humor.