Ein mögliches Verbot von Sexkauf sorgt in der Schweiz seit Jahren für Diskussionen. Nun hat eine Studie der ZHAW 200 Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zu ihrer Haltung befragt. Ergebnis: Eine grosse Mehrheit lehnt ein Verbot ab. Studienautorin Virginia Beljean erklärt, warum.
SRF News: Was sind die Gründe für die Ablehnung?
Virginia Beljean: Viele Befragte glauben, dass sich ihre Sicherheitslage im Fall eines Verbots verschlechtern würde. Sie fürchten eine Zunahme von Gewalt, da sich Kontakte in weniger transparente Bereiche verlagern würden. Ein wichtiger Grund für die Ablehnung ist auch die Angst vor Einkommenseinbussen und damit dem Verlust der Lebensgrundlage.
Wie sieht die Lebensrealität der Sexarbeitenden in der Schweiz aus?
Diese gehen sehr weit auseinander. Nach wie vor gilt Sexarbeit als ein weibliches Phänomen. Immer häufiger wird sie aber auch von anderen Geschlechtern betrieben. Es gibt sehr gut verdienende Sexarbeitende, andere leben in sehr prekären Situationen.
Insbesondere für migrantische Sexarbeitende ist es nicht so einfach, einen neuen Job zu finden.
Viele Befragte fürchten sich im Falle eines Verbots vor einer Zunahme von Gewalt. Können Sie weiter ausführen?
Sie gehen davon aus, dass sich institutionalisierte Schutzmechanismen wie Sicherheitspersonal oder Beratungsstellen verringern würden. Durch die Kriminalisierung der Nachfrageseite könnten sich Kontakte in abgelegene Bereiche wie Parks verschieben. Das würde weniger Sichtbarkeit und Schutz bedeuten.
Ihre Befragung hat gezeigt, dass Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus teilweise anders auf ein Sexkaufverbot reagieren würden als solche mit sicherem Status. Was sind die Gründe dafür?
Sexarbeitende mit unsicherem Aufenthaltsstatus sind meist viel vulnerabler als solche, die etwa über die Schweizer Staatsbürgerschaft verfügen. Sie erhoffen sich von einem Verbot einen besseren Schutz vor Gewalt, Abhängigkeiten und repressiven Strukturen. Die Folgen eines Sexkaufverbots wären aber schwer vorhersehbar.
Risiken wie Verdrängung, Polizeikontrollen oder eine Abschiebegefahr wurden in Befragung womöglich weniger stark berücksichtigt als die Schutzlogik. Personen mit einem unsicheren Schutzstatus sind gleichzeitig viel mobiler. Für sie hätte ein Verbot weniger grosse Konsequenzen.
Hat Ihre Studie auch gezeigt, ob Sexarbeitende einer anderen Beschäftigung nachgehen würden, wenn sie eine Alternative hätten?
Ein Teil der Befragten hat angegeben, dass sie im Fall eines Verbots einen Berufswechsel anstreben würden. Insbesondere für migrantische Sexarbeitende ist es aber nicht so einfach, einen neuen Job zu finden. Oft sind es Personen, deren Ausbildung in der Schweiz nicht anerkannt wird. Zum anderen gibt es viele Sexarbeitende, die dies lediglich im Nebenerwerb machen.
Eine wirksame Politik muss Sexarbeitende als Expertinnen ihrer Lebensrealität anerkennen und mit ihnen eine Form der Regulierung erarbeiten.
Welche Folgerungen ziehen Sie aus Ihrer Studie für die politische Debatte?
Ein zentraler Punkt ist die Frage, ob Sexarbeit als Erwerbsarbeit anerkannt werden soll. In meiner Untersuchung würden sich dies mehr als die Hälfte der Befragten wünschen – obwohl sie die Absicht hinter einem Sexkaufverbot verstehen. Deshalb ist es wichtig, dass man den Ausstieg aus der Sexarbeit nicht als einziges Ziel verfolgt.
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden müssen verbessert werden, etwa durch Zugang zu Beratungsstellen, Bildung und rechtlichem Schutz. Eine wirksame Politik muss Sexarbeitende als Expertinnen ihrer Lebensrealität anerkennen und mit ihnen eine Form der Regulierung erarbeiten.
Das Gespräch führte Silvan Zemp.