Eine gutbeschneite Piste runterkurven – eine schöne Vorstellung. Die Realität sieht aber oft anders aus: Überlaufene Pisten werden schnell zur Hoch-Risiko-Zone.
Jedes Jahr verletzen sich rund 66'000 Snowboarderinnen und Skifahrer auf Schweizer Pisten. Die Rettungshelikopter fliegen und in den Spitälern wird teils fast im Akkord operiert.
Marcel Bundi ist Chefarzt am Regionalspital Surselva in Ilanz. Routine-Eingriffe wie bei einem Leistenbruch gehören zu seinem Alltag.
«Zum Glück haben wir jeweils am Morgen dieser Wintersporttage auf dem Notfall noch nicht so viel zu tun. So können wir die Zeit für einheimische Patientinnen und Patienten nutzen, die eine Spitalbehandlung oder Operation brauchen», sagt Bundi gegenüber SRF.
Am Vortag sind 50 Notfallpatienten reingekommen, so viele wie sonst in ein bis zwei Wochen – das bedeutet: fast ein Dutzend Operationen. Das ist viel für ein Regionalspital, und auch für den Arzt. «Alle Eingriffe sind ungeplant. Man muss schauen, dass man Material und Personal bereit hat», so der Chefarzt.
Nach einer halben Stunde ist der erste Job erledigt. Weiter geht's ins Büro. Kaputte Kniegelenke beschäftigen Marcel Bundi häufig dieser Tage. «Beispielsweise ein Kreuzbandriss oder gerissene Seitenbänder. Häufig sehen wir auch ein Bruch vom Unterschenkelknochen, sogenannte Tibiafrakturen.»
Je nach Pistenverhältnissen gibt es andere Verletzungen, beobachtet Marcel Bundi. «Lange war der Schnee auf den Pisten sehr hart und eisig. In dieser Zeit sahen wir häufiger Verletzungen vom Schulterbereich, Oberarm- oder Schlüsselbeinbrüche. Auch Handgelenkfrakturen oder Kopfverletzungen waren häufiger anzutreffen.»
Pisten-Patrouille im Einsatz
Ganz in der Nähe, auf dem Bergrücken Crap Sogn Gion: Etwa 11'000 Menschen sind auf der Piste. Unfall-freie Tage gibt es aktuell kaum.
Pisten-Patrouilleur Manuel Coray und seine Kollegin haben im Skigebiet Flims-Laax einen Einsatz: Ein Teenager braucht Hilfe, vermutlich ein Armbruch. Ruhig, aber schnell läuft es. Der Patient hat starke Schmerzen und braucht einen Helikopter. Darum wird die Piste abgesperrt. Es dauert eine Weile, aber dann kommt die Rettung aus der Luft.
Vorsicht vor Übermut
Die Zahl solcher Einsätze der Rega ist in den letzten Jahren tendenziell leicht angestiegen. 1440 Wintersport-Verunfallte wurden in dieser Saison bisher transportiert. Laut Beratungsstelle für Unfallverhütung passiert fast die Hälfte der Unfälle, wenn es eisig und hart ist. Oft ist aber Übermut das grösste Problem.
«Es ist zwar reizvoll, sich mit Kollegen zu messen und einander zu übertreffen», sagt Christoph Leibundgut von der Beratungsstelle für Unfallverhütung. «Doch gerade deshalb braucht es in der Gruppe eine vernünftige Stimme, die sagt: ‹Heute ist die Sicht schlecht, lasst uns vorsichtiger sein.›»
Ein gutes Dutzend Einsätze hat die Pisten-Patrouille im Skigebiet Flims-Laax ungefähr pro Tag. Für sie gibt es einiges zu koordinieren, zu untersuchen und zu betreuen. Keine einfache Aufgabe. Denn das nächste Missgeschick kommt so sicher wie der nächste Frühling.