Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Gestrandet am Persischen Golf Die Zeche für den Krieg zahlen auch 20'000 Seeleute

Die Strasse von Hormus ist blockiert. Damit stecken nicht nur Güter und Energierohstoffe fest, sondern auch Seeleute.

Der Seemann Ali, der in Wahrheit anders heisst, sitzt seit Wochen auf seinem Schiff fest. In einer Mitteilung an die International Transport Workers' Federation ITF, die Gewerkschaft der Seeleute, schildert er die Umstände:

«Lebensnotwendige Vorräte aufgebraucht»

Box aufklappen Box zuklappen

«Ich schreibe, um dringend darüber zu informieren, dass sich das Schiff derzeit in einer kritischen Lage befindet, was die Vorräte an Bord und den Gesundheitszustand der Besatzung betrifft. Die lebensnotwendigen Vorräte auf dem Schiff sind komplett oder grösstenteils aufgebraucht.

Eine sofortige Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser ist notwendig. An Bord treten vermehrt gesundheitliche Probleme auf. Trotz wiederholter Kommunikation mit Hilfsorganisationen und den betroffenen Parteien wurden bisher keine wirksamen Massnahmen ergriffen.»

Zahlreiche solche Meldungen würden in ihrer Londoner Zentrale derzeit eingehen, sagt Stephen Cotton, der Generalsekretär von ITF Global: «Gewisse Schiffe sind schon länger unterwegs, die Vorräte an Lebensmitteln, Wasser und auch Treibstoff wurden knapp.» Auf anderen sei die Lage je nach Route noch nicht so prekär.

Konstante Alarmbereitschaft

Der Persische Golf sei nun ein geschlossener Ozean. Cotton vergleicht die Lage mit dem Spiel «Sesseltanz»: «Als die Musik stoppte, waren alle Schiffe im Golf – ob entladen oder beladen – an ihrem Standort festgesetzt.» Die Schiffe lägen nun vor Anker, nach Möglichkeit im Einflussbereich von Raketen-Abwehrstellungen.

Dennoch sind sie Zielscheiben für Angriffe. Sie hätten Nachweise von Drohnen oder Raketen ganz in der Nähe von Schiffen, schildert Cotton: «Das ist unglaublich bedrohlich. Die Crews sind in konstanter Alarmbereitschaft – und je länger dieser Zustand andauert, umso grösser wird deren Belastung.»

Grosse Sorgen machten sich auch die Familien der Seeleute, wie der Generalsekretär von ITF Global berichtet. Wenn die Seeleute Kontakt zu ihren Familien hätten – viele aus den Philippinen oder aus Indien –, seien sie mit vielen besorgten Fragen konfrontiert. Auf die hätten sie auch keine Antworten.

Rund 20'000 Seeleute sind derzeit im Persischen Golf festgesetzt, grossen Risiken ausgesetzt und stehen unter einem hohen Leidensdruck.
Autor: Arsenio Dominguez Generalsekretär der International Maritime Organization (IMO)

Mit seinen Bedenken ist der Gewerkschafter nicht allein. Auch Arsenio Dominguez, der Generalsekretär der IMO, der Schifffahrtsorganisation der UNO, setzte sich an einer Sonderkonferenz vehement für die blockierten Seeleute ein. «Rund 20'000 Seeleute sind derzeit festgesetzt, grossen Risiken ausgesetzt und stehen unter hohem Leidensdruck», sagt er.

Immer wenn in Konflikten die Schifffahrt zum Kollateralschaden werde, müsse die Welt mit negativen Auswirkungen rechnen, von der Wirtschaft bis zur Lebensmittelsicherheit, so Dominguez. «Das untermauert die Wichtigkeit einer freien Schifffahrt und die Freiheit ihrer Seeleute.»

Küstenlandschaft mit Felsen und drei Booten im Meer.
Legende: Generell sei es auch mit militärischem Schutz lebensgefährlich, die Strasse von Hormus zu passieren, erklärt der Gewerkschafter Stephen Cotton. Bild: Strasse von Hormus in einer Archivaufnahme. Keystone/AP/Bill Folex

Grundsätzlich sind die Staaten, unter deren Flagge die festgesetzten Schiffe fahren, für die Rechte der Seeleute an Bord zuständig. Allerdings fahren viele unter Billigflaggen von Panama, Liberia oder den Marshall-Inseln. Die sitzen kaum am Verhandlungstisch mit den Kriegsparteien.

Sie seien mehr oder weniger aktiv an den Gesprächen von Gewerkschaften, Schiffseignern oder internationalen Organisationen beteiligt, sagt Cotton. «Sie verdienen vor allem Geld mit den Flaggen, können aber kaum den Schiffen militärischen Geleitschutz durch die Strasse von Hormus sichern.»

Banges Hoffen

ITF Global versuche mit Schiffseignern und anderen Organisationen, eine Waffenruhe zu erreichen, damit die Schiffe den Golf verlassen könnten – mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Die Zeit drängt, man überlegt sich, wie man die Seeleute rasch retten könnte.

Cotton seufzt: «Man könnte sie ausfliegen. Doch die Schiffe mit ihrer teuren Fracht und stets laufenden Motoren können nicht ohne Besatzung bleiben.» Es bräuchte neue Crews an Bord. Das sei eine grosse Herausforderung.

Deshalb hofft er, dass sich die Kriegsparteien im Sinne einer funktionierenden Weltwirtschaft auf einen Friedensplan einigen. Damit die Seeleute nicht länger für Aktionen anderer die Zeche bezahlen müssten.

Diskutieren Sie mit:

Rendez-vous, 27.3.2026, 12:30 Uhr;stal;herb

Meistgelesene Artikel