Was kaum jemand weiss: In Binningen im Baselbiet ist der weltgrösste Düngerhändler zu Hause. Das eher verschwiegene Familienunternehmen Ameropa hat einen Marktanteil von rund 12 Prozent am internationalen Handel mit Düngemitteln. Verwaltungsratspräsident Andreas Zivy ist seit 40 Jahren in der Branche. So etwas wie die aktuelle Nahost-Krise habe er noch nie erlebt.
SRF News: Wie sehr sind Sie vom Iran-Krieg betroffen?
Andreas Zivy: Wir haben sechs Schiffe, die in der Strasse von Hormus blockiert sind. Theoretisch könnte man mit dem Kapitän über das Handy sprechen. Aber wir sind in Kontakt mit den Reedereien, bei denen wir die Schiffe gechartert haben. Das sind unsere Vertragspartner, und diese halten uns auf dem Laufenden.
Der Kapitän hat die Vollmacht. Er entscheidet, ob er fahren will oder nicht.
Was ich nicht gewusst habe: Der Kapitän hat die Vollmacht. Er entscheidet, ob er fahren will oder nicht. Wenn er der Meinung ist, dass er mit genügender Sicherheit durch die Strasse von Hormus kommt, könnte er fahren. Aber seit die Strasse blockiert ist, ist von unseren sechs Schiffen noch keines gefahren.
Was bedeutet die Krise finanziell für Ihr Unternehmen Ameropa?
Für ein Schiff, das steht, muss man die Miete zahlen. Man muss Versicherungen zahlen. Man muss die laufenden Kosten zahlen. Das alles ist bei einem grossen Schiff im Moment rund eine halbe Million Dollar pro Woche. Unsere Schiffe sind aber unterschiedlich gross, so dass wir aktuell mit Kosten von über 20 Millionen Dollar rechnen.
Wenn morgen eine Rakete ein Schiff trifft, das Schiff mitsamt Ware versinkt und nichts mehr wert ist, müssen Sie versichert sein, damit der Schaden ersetzt wird.
Allein die Kriegsversicherung ist extrem teuer. Wenn morgen eine Rakete ein Schiff trifft, das Schiff mitsamt Ware versinkt und nichts mehr wert ist, müssen Sie versichert sein, damit der Schaden ersetzt wird. Eine solche Kriegsversicherung kostet pro Woche ein halbes Prozent des Warenwertes. Das sind Schiffe mit etwa 60'000 Tonnen Dünger, wobei eine Tonne etwa 500 Dollar kostet. Dann beträgt der Warenwert etwa 30 Millionen Dollar.
Sie handeln nicht nur mit Dünger aus der Golfregion, sondern sind weltweit tätig. Wie wirkt sich da der massiv gestiegene Düngerpreis aus?
Teilweise haben wir profitiert, teilweise darunter gelitten. In gewissen Ländern hatten wir Lagerbestände, die noch nicht verkauft waren. Dort konnten wir wegen des höheren Preises Gewinne machen.
Andererseits hatten wir zum Beispiel Verträge in Indien mit offenem Ursprung. Das heisst, man muss die Verträge erfüllen, auch wenn der arabische Golf nicht liefert. Darum mussten wir anderswo Dünger suchen und diesen zu einem höheren Preis einkaufen.
Welche Auswirkungen erwarten Sie für die globale Nahrungsmittelproduktion?
In unserer Branche heisst es, dass die Hälfte der Nahrung letztlich zustande kommt, weil es Düngemittel gibt. Nun ist es so, dass Harnstoff der weltweit am häufigsten verwendete Stickstoffdünger ist. Und 40 Prozent des Harnstoffs, der zwischen den Ländern gehandelt wird, kommt aus dem arabischen Golf. Dieser Handel steht aber im Moment still. Dann kommen weitere erschwerende Umstände dazu. Es ist ein ziemliches Gewitter, das sich da zusammengebraut hat für die Landwirtschaft auf der Welt.
Heute haben wir einen physischen Unterbruch der Düngemittelversorgung. Das habe ich noch nie erlebt.
Wir haben schon früher ähnliche Entwicklungen gehabt, bei denen sich die Preise plötzlich verdoppelt oder verdreifacht haben. Aber bis jetzt waren es immer psychologische Blasen. Zum Beispiel 2008 kurz vor der Finanzkrise: Da sind die Düngemittelpreise plötzlich explodiert. Das war aber reine Spekulation, es gab nie einen Unterbruch. Heute haben wir einen echten Unterbruch, einen physischen Unterbruch der Düngemittelversorgung. Das habe ich noch nie erlebt.
Das Gespräch führte Tobias Bossard.