Ausgerechnet die Partei, die 2008 nach der Abspaltung der BDP praktisch bei null anfangen musste, steht heute wieder an der Spitze der Bündner Politik. Mit neu 35 Sitzen kontrolliert die SVP seit gestern fast ein Drittel des Parlaments.
Der Kampf um die Reizthemen
Lange stand der SVP ihre eigene Vergangenheit im Weg. Die BDP, entstanden aus der Bündner SVP, besetzte dasselbe politische Terrain und verdrängte ihre Mutterpartei zeitweise fast vollständig. Nachdem die SVP 2006 noch 32 Sitze gehalten hatte, stürzte sie 2010 auf vier Mandate ab, während die neu gegründete BDP auf Anhieb 26 Sitze gewann. Auch 2014 und 2018 kam die SVP lediglich auf neun Sitze.
Erstmals Rückenwind erhielt die SVP durch die Einführung des Proporzwahlrechts im Jahr 2022, das ihre kantonsweite Wählerstärke besser in Sitze ummünzen konnte.
Erst mit der Fusion von BDP und CVP 2021 zur Mitte eröffnete sich für die SVP zusätzlicher politischer Spielraum. Diesen nutzte sie konsequent. Die Partei besetzte Themen, die in Graubünden besonders emotional diskutiert werden: Migration, Sicherheit, Tempo 30 und den Wolf. Damit traf sie insbesondere in ihren ländlichen Hochburgen einen Nerv.
Kurz vor den diesjährigen Wahlen machte sie sich zudem die Diskussion um mutmassliche Mafia-Strukturen im Misox zunutze. Die SVP habe gespürt, «wo der Schuh drückt», sagte Parteipräsident Roman Hug nach dem Wahlerfolg vom Sonntag.
Gleichzeitig inszenierte sich die SVP als Gegenpol zum politischen Establishment. Einen ihrer grössten Triumphe feierte sie 2025 mit der Abschaffung der Ruhegehälter für Regierungsmitglieder. 65 Prozent der Stimmberechtigten stellten sich hinter die SVP – gegen Regierung und sämtliche andere Parteien.
Auch im Grossen Rat kultivierte sie ihre Rolle als Aussenseiterin. Oft stand sie mit ihren Forderungen alleine da. Doch genau diese Rolle machte sie sichtbar. Kaum eine grössere Debatte kam ohne Wortmeldungen aus den Reihen der SVP aus.
Die Partei profitierte dabei längst nicht mehr nur von ihrer eigenen Basis. Ein Blick auf die Panaschierstatistik zeigt, dass sie auch von Wählerinnen und Wählern anderer bürgerlicher Parteien zusätzliche Stimmen erhielt. Die SVP hatte sich damit über ihr Stammklientel hinaus etabliert.
Der letzte Schritt zurück an die Macht
Lange blieb der Partei allerdings der Zugang zur Macht verwehrt. Seit dem Bruch von 2008 sass mit Eveline Widmer-Schlumpf keine SVP-Vertretung mehr in der Bündner Regierung. Mehrere Anläufe scheiterten. Erst mit Valérie Favre Accola gelang nun die Rückkehr in die Exekutive. Die Partei war stärker als je zuvor, die nationale Debatte um die 10-Millionen-Initiative spielte ihren Kernthemen in die Hände – und mit Valérie Favre Accola trat eine kantonsweit bekannte Politikerin an, die als Mitglied der Davoser Regierung über Exekutiverfahrung verfügte und auch Wählerinnen und Wähler aus der politischen Mitte ansprach.
Der gestrige Wahlsonntag war damit mehr als ein weiterer Wahlerfolg. Er markiert den vorläufigen Höhepunkt eines politischen Aufstiegs, der vor 18 Jahren mit einer Abspaltung begann. Erstmals seit dem Bruch von 2008 stellt die SVP wieder eine Regierungsrätin und gleichzeitig die stärkste Fraktion im Grossen Rat. Aus der Abspaltung von einst ist die prägende politische Kraft Graubündens geworden.