«Wir sind Teil dieses Universums», sagt die renommierte Berner Weltraumphysikerin Kathrin Altwegg. «Schaut man in einer dunklen Nacht in den Himmel, kommt man sich bei all den Sternen winzig vor.»
Das habe die Menschen immer fasziniert. Darum sei die Astronomie die älteste Wissenschaft – und gleichzeitig die aktuellste, dank immer neuerer Forschungsmöglichkeiten.
Spuren von Leben
Obwohl Altwegg pensioniert ist, geht sie regelmässig an die Universität Bern. Ihr Herz hängt noch immer an Rosina, dem Berner Massenspektrometer an Bord der legendären ESA-Raumsonde «Rosetta». Die Mission endete 2016 mit einem kontrollierten Absturz auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko.
Doch die Datenflut beschäftigt die Forschung bis heute: Über zwei Millionen Massenspektren wurden zur Erde geschickt. «Rosina war wie mein drittes Kind», sagt Altwegg, Mutter zweier Töchter.
Die wissenschaftliche Ausbeute ist spektakulär. Auf dem Kometen wurden wichtige Bausteine des Lebens gefunden. Dieses Kometenmaterial ist älter als unser Sonnensystem, es ist also universell und kommt vermutlich im ganzen Universum vor.
Aus wissenschaftlicher Sicht bringt uns die bemannte Raumfahrt nicht weiter.
Darum sei die Chance, dass es anderswo Leben gibt, gross. «Man darf sich aber keine Aliens vorstellen, wir sprechen von Mikroben», präzisiert Altwegg.
Dichtestress im All
Kritisch blickt die Physikerin auf den aktuellen Hype der bemannten Raumfahrt und das neue Wettrennen zum Mond. «Aus wissenschaftlicher Sicht bringt uns die bemannte Raumfahrt nicht weiter», stellt sie klar.
Es handle sich primär um politische Machtkämpfe und Prestigeprojekte. Der Mensch hinterlasse Spuren, welche die Resultate verfälschen können: Auf dem Mond liegen bereits über 200 Tonnen von Menschen gemachter Abfall, auch Fäkalien von Astronauten. Roboter seien für die Erforschung von Himmelskörpern besser geeignet.
Ich staune und geniesse die Schönheit der Sterne. Sie haben mich mein Leben lang begleitet.
Gleichzeitig warnt Altwegg vor zu vielen Satelliten in der Weltumlaufbahn. Schon jetzt seien Tausende Ausweichmanöver nötig, um Kollisionen zu verhindern. Die Forschung gehe davon aus, dass ab 2032 jedes Jahr ein Mensch sterbe, weil ihm Weltraumschrott auf den Kopf falle.
Als Frau in einer Männerdomäne
Altweggs persönlicher Weg war auch von Widerständen geprägt. Als sie in den 1970er-Jahren als einzige Frau ihres Jahrgangs Physik studierte, musste sie einiges aushalten. Ein Professor riet ihr gar, lieber Strümpfe zu verkaufen, statt Physik zu studieren. «Ich musste mich ständig beweisen», reflektiert sie.
Eindrücke aus Kathrin Altweggs Karriere
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Erst eine Professorin als Mentorin gab ihr das nötige Selbstvertrauen. Jungen Frauen rät sie heute: «Traut euch das zu! Und sucht euch den richtigen Chef und Partner.»
Das Rätsel um Anfang und Ende
In ihrer Forschung hat sich Altwegg auch mit den ganz grossen Fragen nach dem Anfang und dem Ende beschäftigt. Zwar könne man dank dem James-Webb-Teleskop schon sehr weit zurückschauen und komme dem Urknall erstaunlich nahe. Doch die Naturwissenschaft stösst an ihre Grenzen. «Wir verstehen gerade einmal fünf Prozent des Universums.»
Ob am Anfang ein Schöpfer stand, bleibt für sie eine Frage der Perspektive: «Die Naturwissenschaft fragt nach dem Wie, die Theologie nach dem Warum.» Wenn Altwegg heute in einer klaren Nacht nach oben schaut, vergisst sie die Formeln: «Ich staune und geniesse die Schönheit der Sterne. Sie haben mich mein Leben lang begleitet.»