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Abstimmung vom 14. Juni Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz»: Sechs Argumente im Faktencheck

Am 14. Juni 2026 entscheiden Volk und Stände über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nach­haltig­keits­initiative)» der SVP. In der Abstimmungskampagne wird intensiv dafür und dagegen argumentiert. Die wichtigsten Argumente auf dem Prüfstand:

1. Argument für das Ja:

Fünf von zehn Eingewanderten arbeiten nicht.
Autor: Pro-Komitee Abstimmungsflyer

2025 sind laut den Zahlen des Staatssekretariats für Migration (SEM) gut 165’000 Personen dauerhaft in die Schweiz eingewandert. Davon kamen gut 88’000 wegen einer Arbeitsstelle ins Land. Der zweithäufigste Einwanderungsgrund war der Familiennachzug. 88’000 ist etwa die Hälfte von 165’000: Auf den ersten Blick scheint die obige Aussage also plausibel.

Allerdings: Der Familiennachzug erfasst etwa zur Hälfte Kinder. Diese dürfen gar nicht arbeiten. Die anderen Angehörigen haben zunächst zwar oft keine Stelle, das ändert sich aber mit der Zeit. Ein Blick auf die Erwerbstätigkeit aller Ausländerinnen und Ausländer zeigt: Von ihnen arbeiten knapp 76 Prozent, von jenen aus EU- und Efta-Staaten gut 81 Prozent.

Zum Vergleich: Bei den Schweizerinnen und Schweizern beläuft sich die Erwerbsquote auf 82 Prozent. Tatsächlich eine viel tiefere Erwerbsquote haben vorläufig Aufgenommene und Flüchtlinge: Sie liegt nach rund fünf Jahren bei etwa 50 Prozent.

Fazit: Die Aussage ist nur als Momentaufnahme und unter Einbezug von Kindern, Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen korrekt. Sie blendet aus, dass mittel- und längerfristig viel mehr als die Hälfte der Zugewanderten arbeiten.

 2. Argument für das Ja:

Auch nach der Annahme der Initiative können jährlich noch 40’000 Personen zuwandern.
Autor: Pro-Komitee Argumentarium

Dieses Argument soll den Vorwurf entkräften, die SVP-Initiative wolle einen starren Deckel für die Zuwanderung. Der Aussage liegt folgende Rechnung zugrunde: Laut Initiative darf die Schweiz vor 2050 (in rund 24 Jahren) nicht mehr als zehn Millionen ständige Einwohnerinnen und Einwohner zählen. Heute sind es gut 9.1 Millionen. Rein rechnerisch könnten bis 2050 also jährlich noch gegen 40’000 Personen dazukommen (genau 37’500).

Diese Zahl muss man aber stark relativieren:

  1. Wegen der Personenfreizügigkeit haben Einwanderer aus EU-Staaten das Recht auf Familiennachzug. So kommen jährlich 28’000 Personen in die Schweiz – das sind schon mehr als die Hälfte der von der SVP genannten 40’000.
  2. Via Familiennachzug von Zugewanderten aus Drittstaaten und von Flüchtlingen kommen nochmals etwa 10’000 Menschen jährlich in die Schweiz.
  3. Die SVP blendet den Geburtenüberschuss aus. Der ist zwar tief, betrug aber zuletzt immer noch über 6000 Personen.

Fazit: Im Prinzip stimmt diese Aussage, dass bis 2050 weiterhin 40’000 Personen zuwandern können allerdings dürften in den Arbeitsmarkt weniger einwandern können. Denn die Zahl blendet viele Faktoren aus. Zieht man diese Faktoren ab, bleibt für die Arbeitsmigration im engeren Sinn kaum etwas übrig.

3. Argument für das Ja:

Die Kriminalität steigt – und die meisten schweren Gewalttaten verüben Ausländer.
Autor: Pro-Komitee Abstimmungswerbung

Die Aussage «Die Kriminalität steigt» ist nicht ganz richtig. 2025 hat die Anzahl aller registrierten Straftaten laut Bundesamt für Statistik um 1.5 Prozent abgenommen – erstmals seit drei Jahren. 2024 war die Zahl der angezeigten Straftaten gegenüber dem Vorjahr noch um acht Prozent gestiegen.

Unbestritten ist: Seit 15 Jahren nehmen die schweren Gewalttaten zu und der Ausländeranteil bei diesen Delikten ist hoch: 2025 betrug er 56 Prozent.

Allerdings: Mehr als ein Drittel der Angezeigten sind Personen ohne ständigen Wohnsitz hier. An ihrer Anwesenheit würde ein Ja zur Initiative kaum etwas ändern.

Fazit: Die Aussagen über die schweren Gewalttaten sind zutreffend. Allerdings werden viele Straftaten von Personen ohne Aufenthaltsrecht begangen. Die Gesamtheit der Straftaten ist leicht rückläufig.

1. Argumente für das Nein:

Unsere Gesellschaft wird älter, es gibt weniger Erwerbstätige und mehr Rentnerinnen und Rentner. Und die Zugewanderten leisten heute bereits einen zentralen Beitrag. Rund ein Drittel der AHV-Beiträge kommen von ihnen, sie beziehen aber nur etwa einen Fünftel davon. Und wenn wir diese Menschen ausschliessen, fehlen genau diese Beiträge zur Zahlung der Renten.
Autor: Adrian Wüthrich am 27.3.2026 Präsident Travail Suisse

Bei der AHV zeigt sich gemäss Berichten ein klares Bild: Die AHV profitiert von der Zuwanderung. Die konkrete Aussage wird in einem Bericht der Industrie- und Handelskammer St. Gallen genannt, die sich auf Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherungen stützt. Demnach zahlt jener Teil der Wohnbevölkerung ohne Schweizer Pass 33 Prozent der AHV/IV-Beiträge (also einen Drittel) ein und bezieht 18.3 Prozent der Leistungen (etwa einen Fünftel).

Auch das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) kommt in einem Forschungsbericht zum Schluss, dass die Zugewanderten die Wohnbevölkerung verjüngen und so die Sozialversicherungen entlasten. Dieser verjüngende Effekt nimmt mit den Jahren zwar ab. Aber selbst 2070 sollten Zugewanderte immer noch mehr Beiträge leisten als erhalten. Und auch eine Studie des Kompetenzzentrums für Demografie (Demografik) im Auftrag des Bundes kommt zum Schluss, dass die AHV durch eine Bevölkerungsbegrenzung deutlich belastet würde.

Fazit: Die in der Aussage genannten Zahlen sind korrekt. Allerdings sind die längerfristigen Prognosen mit Unsicherheiten verbunden, wie alle Studienautoren einräumen.

2. Argumente für das Nein:

Die Jüngeren zahlen in der Regel mehr Krankenkassenprämien, als sie konsumieren. Es fällt eine Quersubventionierung von ungefähr 1.5 Milliarden weg.
Autor: Daniel Lampart am 27.3.2026 Chefökonom des Gewerkschaftsbundes SGB

Daten des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zeigen: Jüngere zahlen mehr Prämien, als sie beziehen – das Prämiendelta beträgt rund -1’780 Franken pro Person und Jahr. Zugewanderte stützen diesen Mechanismus, weil sie mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren (BFS 2024) deutlich jünger sind als die Gesamtbevölkerung (42.5 Jahre).

Wie stark die Initiative diesen Effekt mindert, hängt davon ab, wie stark die Zuwanderung tatsächlich sinkt:

  • Oberes Szenario – aktuelle Erwerbsmigration fällt vollständig weg, rund 80’000 Personen pro Jahr: jährliches Defizit von rund 141 Millionen Franken. Die 1.5 Milliarden wären nach gut 10 Jahren erreicht.
  • Unteres Szenario – es können weiterhin rund 40’000 Personen pro Jahr einwandern: jährliches Defizit von rund 71 Millionen Franken. Die 1.5 Milliarden wären nach rund 21 Jahren erreicht.

Fazit: Der Mechanismus der Quersubventionierung ist empirisch belegt. Der Betrag von 1.5 Milliarden ist aber kein Jahreswert, sondern würde je nach Szenario in rund 10 respektive 21 Jahren erreicht.

3. Argumente für das Nein:

Jedes Jahr verlassen rund 20’000 mehr Menschen den Arbeitsmarkt, als junge Berufsleute nachrücken. Gleichzeitig wird unsere Gesellschaft älter, und der Bedarf an medizinischer Betreuung und Pflege steigt massiv.
Autor: Patrick Hässig am 9.3.2026 GLP-Nationalrat

Gemäss der Alterspyramide des Bundesamts für Statistik (BFS) ist die durchschnittliche Differenz in den nächsten 30 Jahren 18’400 Personen. Die Zahlen des BFS beziehen sich aber auf die Anzahl Personen. Rückschlüsse, wie viele davon arbeiten, sind nicht möglich.

Eine Studie der Universität Basel sowie Berechnungen des Kompetenzzentrums für Demografie (Demografik) gehen davon aus, dass zwischen 2023 und 2029 eine Lücke von 148’000 potenziellen Arbeitskräften besteht. Im Schnitt sind das 21’142 Personen mehr, die jedes Jahr den Arbeitsmarkt verlassen, als neue Arbeitskräfte eintreten.

Fazit: Es werden in der Schweiz jedes Jahr zwischen 18’500 und 21’000 mehr pensioniert, als Junge in den Arbeitsmarkt nachrücken und durch die niedrige Geburtenrate sowie die höhere Lebenserwartung wird die Schweizer Bevölkerung weiter altern dahingehend ist die Aussage zutreffend. Durch diese Entwicklung dürfte auch der Bedarf an medizinischer Betreuung weiter zunehmen, auch für die zugewanderten Menschen, die künftig pensioniert werden.

Abstimmungsdossier

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Legende: SRF

News und Hintergründe zu den Abstimmungen vom 14. Juni 2026.

Tagesgespräch, 18.5.2026, 13 Uhr; flal/wilh

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