Am frühen Morgen des 13. Januars füllt sich der Dorfplatz von Urnäsch. Besucherinnen und Besucher aus der Schweiz und der ganzen Welt warten darauf, die Silvesterchläuse zu sehen. Viele sind zum ersten Mal hier und suchen Orientierung. Freiwillige erklären geduldig, wo man am ehesten eine Gruppe von Silvesterchläusen – sogenannten Schuppel – trifft und wie man sich respektvoll verhält.
Weil die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind, kam es vermehrt zu unangemessenem Verhalten durch die Touristen. Erstmals hängen deshalb grosse Plakate mit Verhaltensregeln: Abstand halten, den Schuppeln nicht zu nahe treten und nach dem Naturjodel – dem Zäuerli – nicht klatschen.
Schon wenige Gehminuten ausserhalb des Dorfes begegnet man den ersten Gruppen. Ein Schuppel mit sieben prächtig geschmückten «Schönen» – jene Chläuse, die kunstvoll verzierte Hauben und reich bestickte Gewänder tragen – überbringt einem Bauernhof die Neujahrswünsche. Viele Menschen stehen im Halbkreis, etliche mit Kamera oder Smartphone.
Die Stimmung ist ruhig, fast andächtig. Eine Besucherin aus der Stadt beschreibt sie als «magisch». Es sei eine «Auszeit», die tief berührend sei. Andere sind von weit her angereist: aus Deutschland, Österreich, Dänemark und sogar aus Taiwan und Japan. Sie alle suchen das Ursprüngliche, das Archaische dieses Brauchs.
Doch nicht alle erleben den Tag ungetrübt. Landwirt Sepp Fuchs, selbst jahrzehntelang Silvesterchlaus, erzählt von zunehmender Respektlosigkeit.
Menschen, die ungefragt in Stuben stehen. Zuschauer, die keinen Platz machen. Einmal sei er sogar über einen Kinderwagen gestürzt, weil er ihn hinter der Maske nicht erkennen konnte.
Im Dorf herrscht inzwischen reger Betrieb. Shuttlebusse fahren im Minutentakt in die abgelegenen Weiler, wo weitere Schuppel unterwegs sind. Eine über 300-jährige Tradition zieht immer mehr Schaulustige an.
Viele Besuchende betonen, wie wichtig ihnen Respekt sei. «Abstand halten, geniessen in Stille», sagt ein Mann aus Bregenz, der zusammen mit seiner Frau angereist ist. «Wir sind dankbar, dass wir dabei sein dürfen.»
Für die Einheimischen bleibt der Tag trotz allem ein Höhepunkt. Das bestätigen ehemalige Silvesterchläuse wie Peter Jäger oder Sepp Fuchs, die auch von ausländischen Fernsehteams interviewt werden. Fuchs sagt gegenüber SRF: «Das ist der schönste Tag in meinem Leben.»
Die Silvesterchläuse sind für Sepp Fuchs weit mehr als ein Spektakel. Sie sind ein Stück Identität, ein Segen, den man weitergeben wolle: «S'isch äfach schöö!»