Der Bahnwagen in der Werkstatt neben den Bahngleisen in Winterthur hat den Jahrgang 1911 – und man sieht ihm sein Alter an. Viel ist nicht mehr davon übrig: Das Dach und die Seitenwände fehlen fast komplett, er besteht praktisch nur noch aus einem Holzskelett.
Daneben arbeitet Simon Adelmaninger konzentriert an einem langen Holzbalken. Der 22-jährige Österreicher ist Wagnerlehrling im vierten Lehrjahr: «Ich bin ein Holzmensch und interessiert am alten Handwerk.» Der Schreinerberuf war ihm zu 08/15, deswegen sei er auf die Wagnerei gestossen.
Holzschlitten, Kutschen und Gartenmöbel
Wagner arbeiten mit Massivholz und biegen dieses in Form – etwa für Holzschlitten, Kutschen, Gartenmöbel oder eben auch Bahnwagen. Seit das Holzrad von Stahl- oder Gummirädern abgelöst wurde, hat auch die Wagnerei als Beruf an Bedeutung verloren. In der ganzen Schweiz lassen sich aktuell lediglich sieben Lernende zur Wagnerin oder zum Wagner ausbilden.
Doch für Simon Adelmaninger war das eine Chance – denn in Österreich gibt es nur noch eine einzige Wagnerlehrstelle. Da diese besetzt war, fand er den Lehrbetrieb für seine Zweitausbildung im Thurgauer Sulgen. Und aktuell arbeitet er mit den übrigen sechs Lernenden, die in dem fast ausgestorbenen Beruf noch ausgebildet werden, in Winterthur an einem gemeinsamen Projekt: Die Restaurierung des Bahnwagens von 1911. Dieser gehört dem Verein Historische Mittel-Thurgau-Bahn.
Der Wagen stammt ursprünglich aus dem Thurgau, kam vor 60 Jahren zur Sursee-Triengen-Bahn und war dann dort im Betrieb. «Danach stand er lange still und vermoderte», sagt Daniel Rutschmann vom Verein Historische Mittel-Thurgau-Bahn: «Jetzt machen wir eine Totalsanierung.» 90 Prozent des Holzes muss ersetzt werden. Der Wagenkasten wird quasi neu aufgebaut.
Die Wagnerlernenden rekonstruieren die Seitenwände nach historischen Richtlinien, die beim Bau genau dokumentiert wurden. Gut eine halbe Million Franken kostet die Restaurierung des Bahnwagens. Die Summe finanziert der Verein Historische Mittel-Thurgau-Bahn aus Spenden und einem Beitrag aus dem Thurgauer Lotteriefonds.
Wagner als Bonus zum Schreinerberuf
Rutschmann rechnet mit rund 10'000 Arbeitsstunden für die sechs jungen Männer und die einzige weibliche Lernende, Jasmin Murer. Die 17-Jährige aus Wolfenschiessen (NW) steht im dritten Lehrjahr ihrer Wagnerinnenausbildung.
Sie wollte Schreinerin werden und habe sich für diesen Lehrbetrieb entschieden, weil hier viel mit Massivholz gearbeitet werde: «Dass ich Wagnerin werde kann, ist ein Zusatzbonus zum Schreinerberuf.» Jasmin Murer mache sich keine Sorgen, dass ihr Beruf aussterben könnte: «Sollte das passieren, hätte ich immer noch eine Schreinerausbildung. Ich würde also nichts verlieren.»
Weil aus vielen Wagnerbetrieben Schreinerbetriebe wurden, wurde die moderne Wagnerausbildung mit der Schreinerlehre zusammengelegt, sagt Thomas Koch, der in seinem Wagnereibetrieb im Zürcher Glattfelden zwei Lernende ausbildet: «Die Grundkurse sind dieselben. Mit dieser Ausbildung können die Lernenden auch in jeder Schreinerei arbeiten.»
Dennoch ist Thomas Koch zuversichtlich, dass die Wagnerei in der Schweiz eine Zukunft hat: «Man kann an speziellen Orten und an historischen Objekten arbeiten. Es gibt durchaus junge Leute, die so etwas suchen.»