Die neuste Studie malt ein düsteres Bild. Sollte ein neues Kernkraftwerk gebaut werden, wären bis zu 16'000 Arbeitsplätze gefährdet. «Es geht um Stellen im Gewerbe und KMU, die mit Aufträgen für die Solarenergie und Gebäudesanierungen Aufträge erhalten», sagt der Mediensprecher der Schweizerischen Energiestiftung, die diese Untersuchung in Auftrag gegeben hat.
Das Ergebnis einer anderen Studie zeigt das Gegenteil: Ein neues Kraftwerk würde 2905 Arbeitsplätze schaffen. Alexander Keberle, der Leiter Standortpolitik des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, der diese Untersuchung bezahlt hat, begründet: «Ein Kernkraftwerk ist eigentlich eine Stromfabrik und die beschäftigt Leute beim Bau und Betrieb. Ausserdem können Unternehmen mit der Energie aus einem Kernkraftwerk Arbeitsplätze schaffen.»
Die Kernenergie ist hochumstritten
Das Thema Kernenergie ist hochaktuell und hochumstritten. Im Juni entschied das Parlament, dass in der Schweiz wieder Reaktoren gebaut werden dürfen. Ein breites Bündnis aus SP, Grünen, Grünliberalen, Mitte-Frauen und Umweltorganisationen hat daraufhin das Referendum lanciert. Aktuell sammelt es Unterschriften.
Die Studien helfen, sowohl den Atom-Gegnern als auch den -Befürwortern, sagt Politikwissenschaftler Lukas Golder. Beide Seiten versuchen derzeit, ihre Argumente für oder gegen die Kernenergie zu versachlichen, also mit Fakten zu untermauern. Indem sie Studien bei Forschungsinstituten, Hochschulen oder Unis in Auftrag geben, wollen sie von deren hoher Glaubwürdigkeit profitieren.
Studienresultate im Sinne der Auftraggeber
Die atomkritische Schweizerische Energiestiftung und der atomfreundliche Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sind besonders aktiv. Beide haben in den letzten Monaten je zwei Studien publiziert. Sie wollen dabei von der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft profitieren.
Was auffällt: Die Studienergebnisse zur Kernenergie fallen jeweils so aus, wie vom Auftraggeber gewünscht. Bei Economiesuisse sprechen die Resultate beispielsweise für den Bau neuer Reaktoren, bei der Energiestiftung dagegen. Es stellt sich deshalb die Frage, wie sehr sich die Organisationen in die Arbeit der Wissenschaft einmischen.
Organisationen geben Fragestellung vor
Sowohl die Energiestiftung als auch Economiesuisse bestätigen auf Anfrage: Sie geben die Fragestellung vor. Auf das Studiendesign nehmen sie aber keinen Einfluss. Das heisst: Wie die Daten gesammelt und ausgewertet werden, entscheiden allein die Universitäten oder die anderen Institute. Auch bei den Studienresultaten können die Organisationen nicht mitreden. «Wenn eine Institution anbietet, dass die Studienergebnisse mitbestimmt werden können, ist sie kein seriöser Anbieter», erklärt Keberle von Economiesuisse.
Dass politische Akteure Studien in Auftrag geben, komme laut Politikwissenschaftler Lukas Golder immer häufiger vor. Es gebe immer mehr politische Akteure und diese versuchten, die eigene Perspektive mit Studien zu versachlichen. Studien im Interesse von politischen Akteuren sind damit zum neuen Trend in der Politik geworden.