Ein warmer Frühsommerabend in Bern. Bundesrat Martin Pfister schaut vom Balkon seines Büros im Bundeshaus Ost. Wo anderen das Marzilibad ins Auge sticht, scannt der Verteidigungsminister mögliche Gefahren. «Das habe ich im Militär gelernt», sagt der ehemalige Miliz-Oberst. «Ich denke immer noch daran, wo die Räume wären, wo etwas passieren könnte.»
Und wenn der Balkon von Bundesrat Pfisters Büro Ziel eines Drohnenangriffs würde? «Wir wären nicht geschützt», sagt Pfister: «Jetzt ist die Armee nicht im Dienst und wir hätten auch die nötigen Mittel nicht im Moment.»
Martin Pfister ist unter Druck
Die Rundschau begleitet Martin Pfister eine Woche lang. Der Verteidigungsminister hat keine leichte Aufgabe. Der Bundesrat will die Armee aufrüsten und veraltete Systeme ersetzen. Aber seine Finanzierungsidee stösst auf breiten Widerstand.
Auch wenn es nach seinem Plan laufen würde: Bis 2028 – laut europäischen Geheimdiensten möglicher Zeitpunkt eines russischen Angriffs auf ein weiteres europäisches Land – wäre die Schweizer Armee nicht vollständig bereit. «Im Bereich der Drohnenabwehr oder kurzen Boden-Luft-Verteidigung können wir es erreichen. Bei den grossen Reichweiten ist es unmöglich. Das ist zuzugeben», sagt Pfister.
Einst zum Korporal gezwungen
Martin Pfister wird zum Podiumsgespräch im Berner Bierhübeli erwartet. Zu Beginn überrascht er mit einem Geständnis. Seine Offizierskarriere startete er einst unfreiwillig, erzählt er im Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten der Zeitung «Bund»: «Korporal wurde ich nicht freiwillig, mein Instruktionsoffizier hat für mich unterschrieben.» Manchmal müsse man eben zum Glück gezwungen werden. Das Publikum lacht.
Doch Bundesrat Pfister ist nicht hier, um gute Laune zu verbreiten. Die Hauptbotschaft: mehr Geld für die Armee. «Im Moment sind unsere wichtigsten Abwehrmittel gegen die wahrscheinlichste Bedrohung nicht vorhanden.» Dafür gibt es Applaus im Saal.
Doch eine aktuelle Umfrage zeigt: Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung wollen nicht mehr Geld für die Armee ausgeben. «Deshalb ist es besonders wichtig, dass ich mich solchen öffentlichen Diskussionen stelle», erklärt er.
Der Bundesrat möchte mehr Geld für Sicherheit und Verteidigung – und deshalb die Mehrwertsteuer temporär um 0.8 Prozentpunkte erhöhen. Das stösst politisch auf breiten Widerstand.
Neutralität erklären
7.30 Uhr auf dem Flughafen Bern-Belp. Bundesrat Martin Pfister fliegt nach Berlin: Treffen mit dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius und den Amtskolleginnen aus Österreich und Luxemburg. Pistorius verfügt mit rund 100 Milliarden Euro über ein Armeebudget, von dem Pfister nur träumen kann.
Der Bundesrat ist auch hier, um die Position der Schweiz als neutrales Land zu erklären. Diese sorgt oft für Spannungen mit benachbarten Ländern.
«Wir sind sehr empfindlich, weil wir neutral sind und kritische Infrastrukturen haben. Deshalb haben auch Deutschland, Österreich und Luxemburg ein Interesse daran, dass wir unsere Hausaufgaben machen.»
Im Verteidigungsministerium in Berlin will uns Pfister etwas zeigen: Auf einem Bild im Foyer ist das zerbombte Berlin nach dem Krieg zu sehen. Die konkrete Kriegserinnerung fehle in der Schweiz, sagt Pfister. Deshalb sei man in anderen Ländern wohl auch eher bereit, deutlich mehr Geld für die Rüstung auszugeben.