Darum geht es: Vor einer Anhörung in Sitten am Donnerstag sind das Betreiber-Ehepaar der ausgebrannten Bar von Crans-Montana und ihre Anwälte von Angehörigen der Brandopfer angegriffen und beschimpft worden. Den beiden Polizisten vor Ort gelang es nicht, die Morettis abzuschirmen. Es war eine angespannte Stimmung, Angehörige riefen: «Du hast meinen Sohn getötet.» Heftige Emotionen, die bereits am Anfang der juristischen Aufarbeitung auftauchen, und diese gar beeinflussen können. Bekommen ein Fall und seine Beteiligten viel Aufmerksamkeit, kann es zur Vorverurteilung kommen und daraus können strafmildernde Umstände entstehen.
Das sagt der Psychologe: Eric Francescotti, Psychologe und Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtspsychologie, hat sich die Bilder angesehen. Von einem Aufeinandertreffen hätte er abgeraten. «Das Drama von Crans-Montana ist noch nicht lange her. Ich denke und hoffe, dass es später einmal Zeit für ein Treffen geben wird.» Das Brandunglück sei mehr als eine Tragödie für die Hinterbliebenen. Dies, weil die Medien viel berichten würden und weil aussergewöhnlich viele Informationen aussergewöhnlich früh in der Öffentlichkeit gelandet seien. «Aber all diese Informationen geben manchen Menschen den Glauben oder die Gewissheit, dass sie die Wahrheit in gewisser Weise kennen. Die Wahrheit muss aber erst noch entdeckt werden», sagt Francescotti.
Das sagt der Strafrechtler: Konrad Jeker ist langjähriger Solothurner Strafverteidiger und Dozent an mehreren Universitäten. Aus seiner Sicht lief am Donnerstag so ziemlich alles schief. «Es kann nicht sein, dass da eine Meute wartet. Und die beschuldigten Personen waren ja vorgeladen, Sie müssen erscheinen.» Solche Szenen seien auch nicht gut für den Prozess und ein Urteil. «Wenn der Druck derart aufgebaut wird, dann ist das schwierig, das auszublenden und trotzdem noch ein völlig sachliches, kühles, objektives Urteil zu fällen.» Laut Jeker kann Bedrängen als Nötigung ausgelegt werden – und das Beschimpfen als Mörder sei auch strafbar.
Das sagen die Anwaltskammern: Die Anwaltskammern der Kantone Wallis, Waadt und Genf haben sich gemeinsam zu Wort gemeldet. Die Präsidenten der drei Anwaltskammern schreiben: sie verurteilten die verbalen und körperlichen Angriffe sowie die Drohungen, denen die Strafverteidiger ausgesetzt waren. Die Aufgabe der Anwälte bestehe darin, jede der Parteien zu vertreten, um ein faires Verfahren zu gewährleisten. Das Verfahren rund um die Brandkatastrophe finde in einem angespannten Klima statt. Das liege auch an der besonders intensiven Medienberichterstattung.