Ein Untersuchungsbericht zählt 74 Personen im Unispital Zürich, die nach einer Herzoperation verstorben sind und die in anderen Kliniken jedoch überlebt hätten. Der renommierte Herzchirurg Thierry Carrel spricht von einem «Erdbeben».
SRF: Wie haben Sie auf den Untersuchungsbericht reagiert?
Thierry Carrel: Der Bericht ist erschütternd für das schweizerische Gesundheitswesen. Was dort für Zustände geherrscht haben, ist unglaublich. Ich empfinde eine unendliche Traurigkeit für die Patienten, die ihr Leben verloren haben, und eine gewisse Wut, dass es so lange gedauert hat, bis die Missstände aufgeklärt wurden.
Der Bericht spricht von 75 Todesfällen. Sie schätzten die Zahl früher höher ein.
Ja. Der Bericht vergleicht die Zahlen mit einem Durchschnitt verschiedener Kliniken. Würde man eine ausgezeichnete Klinik als Massstab nehmen, zum Beispiel Bern, wäre die Zahl der vermeidbaren Todesfälle deutlich höher. Ich bin damals von 100 bis 200 Personen ausgegangen, die in Bern wahrscheinlich nicht gestorben wären.
Wie konnte es so weit kommen?
Es fängt mit der Wahl des damaligen Klinikdirektors an. Er hatte weder einen Facharzttitel noch eine Habilitation, was eigentlich eine Vorbedingung sein müsste.
Die Begründung für einen Eingriff schien primär das Erforschen eines neuen Geräts gewesen zu sein und nicht zwingend die Genesung des Patienten.
Man hat seine Forschungsinteressen und deren Potenzial für den Ruf der Klinik massiv überbewertet.
Der Chirurg hat Implantate ohne Zulassung an Patienten getestet, an deren Entwicklungsfirma er beteiligt war. Wurde die Forschung über das Wohl der Patienten gestellt?
Ja, es sieht so aus. Die Begründung für einen Eingriff schien primär das Erforschen eines neuen Geräts gewesen zu sein und nicht zwingend die Genesung des Patienten.
Ist solche Forschung für ein Spital lukrativ?
Eine Studie ist zuerst teuer. Wenn das Produkt aber Marktreife erlangt, kann es sehr interessant werden. Im Fall des «Cardioband» sind bei einem Transfer 700 Millionen Franken geflossen. Das kann sehr profitabel sein. Solche Entwicklungen sind wichtig, aber es braucht absolute Transparenz.
Haben Sie am Untersuchungsbericht mitgearbeitet?
Nein, ich wurde auch nicht befragt. Das hat mich im ersten Moment erstaunt, da ich interimistisch in der Leitung der Klinik war nach dem Abgang des Klinikleiters. Vermutlich gibt es gute Gründe dafür, die ich nicht kenne. Ich habe viele Patienten aus Zürich auch behandelt, denen es schlecht gegangen ist. Ich habe einzelne von diesen Patienten mit diesen fehlbaren Implantaten auch persönlich betreut.
Wie lässt sich das Vertrauen der Patienten nun zurückgewinnen?
Vertrauen ist schneller zerstört als wiederaufgebaut. Das braucht Zeit, tiefgehende Aufarbeitung und viele persönliche Gespräche.
Ein gut aufgeklärter Patient ist das Wichtigste.
Es ist gut, wenn Patienten jetzt mehr Fragen stellen zur Erfahrung des Chirurgen oder zu den verwendeten Geräten. Ein gut aufgeklärter Patient ist das Wichtigste.
Für Sie sind dieser persönliche Kontakt und das Vertrauen sehr wichtig?
Ja, ich könnte mir nicht vorstellen, einen Patienten zu operieren, den ich nicht am Vortag noch einmal persönlich besucht habe. Es ist mir wichtig, dass der Patient seinem Chirurgen noch einmal in die Augen schauen kann und überzeugt ist: Der Entscheid für die Operation ist richtig. Das ist die letzte Vertrauensmarke vor dem Eingriff.
Das Gespräch führte Karoline Arn.