Eine Expertenrunde hat Ihre Fragen zu Mobilität und Verkehr in der Schweiz beantwortet. Die wichtigsten vier Erkenntnisse:
Güterverkehr
Aus der Community kommt die Frage, ob verändertes Konsumverhalten oder Preisregeln den Güterverkehr dämpfen können. Tobias Arnold, Leiter Fachbereich Verkehr und Raum bei Interface, hält fest: «Unser Konsumverhalten hat natürlich einen direkten Einfluss auf den Güterverkehr. Und da zeigt sich keine Trendumkehr: E‑Commerce boomt.» Preisliche Hürden wie kostenpflichtige Retouren könnten eine Wirkung entfalten, gleichzeitig wollten Anbieter im Wettbewerb attraktiv bleiben und setzten weiterhin auf schnelle Lieferfristen und kulante Rücksendungen.
Als wirksam beschreibt Arnold die Bündelung: «Schlussendlich verhält es sich bei den Gütern ähnlich wie bei den Menschen.» In Basel und St. Gallen kooperieren Logistikunternehmen und Velokuriere; die Waren kommen per Zug und Lastwagen an den Stadtrand und werden «anschliessend zum Beispiel mit dem Cargobike feinverteilt».
Homeoffice
Im Chat wird gefragt, ob Homeoffice nicht wieder vermehrt zur Verkehrsentlastung beitragen kann. Arnold sagt: «Homeoffice kann in der Tat einen Beitrag zu weniger Pendlerverkehr leisten.» Zugleich zeigten neuere Untersuchungen, «dass das Bild oft etwas komplexer ist»: Wer nur noch ein‑ bis zweimal pro Woche ins Büro müsse, sei eher bereit, weiter weg zu wohnen; die eingesparte Pendelzeit werde zudem häufig für zusätzliche Freizeitaktivitäten genutzt – mit entsprechendem Freizeitverkehr. Sein Schluss: «Homeoffice allein kann einen wichtigen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten, es braucht aber die richtigen Begleitmassnahmen, damit es nicht zu ungewünschtem Mehrverkehr in anderen Bereichen kommt.»
Autobahn-Ausbaupläne
Mehrere Zuschriften kritisieren neue Autobahn-Ausbaupläne. Ulrich Seewer leitet den Direktionsbereich 2 (Mobilität, Raum und Infrastruktur) beim Bundesamt für Raumentwicklung. Er verweist auf die fachliche Grundlage: «Das Gutachten von Professor Weidmann hat gezeigt, dass auch der Ausbau der Autobahnen für ein funktionierendes Verkehrssystem wichtig ist.»
Weiter ordnet Seewer ein: «Ausbau ist immer Ultima Ratio. Es werden nur Ausbauten vorgeschlagen, wenn alle anderen Massnahmen wie zum Beispiel Verkehrsmanagement oder Verlagerung auf den ÖV nicht helfen.» Staus seien teuer und belasteten Wirtschaft, Verkehr und Umwelt. Gleichzeitig gelte: «Tatsache ist, dass der Verkehr aufgrund des Wirtschafts‑ und Bevölkerungswachstums weiter wachsen wird.»
ÖV auf dem Land
Im Chat wird gefragt, ob der öffentliche Verkehr auf dem Land das Auto vollständig ersetzen kann, auch in Situationen, in denen schnelle Verfügbarkeit entscheidend ist. Thomas Bollinger, Projektleiter Elektromobilität beim TCS, verweist zunächst auf die Kosten: «Ein durchschnittliches Auto kostet in der Schweiz pro Monat gerundet 1000 Franken. Für dieses Geld kann man sich sehr gut ein Taxi leisten, wenn es wirklich darauf ankommt.»
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Problematisch werde es dort, wo in Randzeiten keine Taxis verfügbar seien. Vollständig autonome Fahrzeuge könnten künftig Abhilfe schaffen, «aber das wird sicher noch einige Jahrzehnte brauchen». Wenn eine schnelle Mobilitätslösung zwingend sei und vor Ort kein Angebot bestehe, müsse man abwägen: «Zieht man um, so müsste das gesparte Geld für das Auto dann in die höhere Miete in der Agglomeration investiert werden.»