Neue Kernkraftwerke in der Schweiz sind nicht zwingend notwendig, um die Energiewende zu erreichen. Der bisherige Weg mit Wasserkraft und Solarenergie, ergänzt durch Windkraft und Speichertechnologien, ist ebenfalls machbar. Zu diesem Befund kommen 19 namhafte Energiespezialistinnen und Spezialisten von der ETH Zürich und dem Paul Scherrer Institut (PSI) in Villigen. Dieses Institut ist das wichtigste Nuklearforschungs-Zentrum der Schweiz. Entsprechend gross ist das Gewicht der Studie, sofern man die Wissenschaft als legitime Stimme im politischen Diskurs betrachtet.
Ein hürdenreicher Weg hin zu neuen AKWs
Die Forschenden halten aber auch fest, dass es sehr wohl Sinn machen kann, neue AKWs zu bauen, beispielsweise um die Abhängigkeit der Schweiz im Winter vom Ausland zu reduzieren. Sollte dieser Weg jedoch eine ernsthafte Option sein, müssten gleich mehrere Bedingungen erfüllt sein, damit sich neue Kernkraftwerke auszahlen: Erstens, die Technologie müsste durch die öffentliche Hand finanziell gefördert werden, so wie das beispielsweise bei anderen Energieformen auch der Fall ist. Zweitens, die Risiken müssten staatlich abgesichert und drittens, die Baukosten für neue Kernkraftanlagen müssten massiv günstiger werden im Vergleich zu den jüngst gebauten AKWs in Frankreich und Finnland.
Die aktuelle Studie ist noch in einem breiteren Kontext zu sehen: Die «Akademien der Wissenschaften Schweiz» haben vor einem Jahr einen Grundlagenbericht zur Kernenergie in der Schweiz publiziert und der Energiekonzern Axpo hat im Frühling seine Auslegeordnung zur Zukunft der Kernkraft vorgelegt. Überall zeigt sich dasselbe Bild: Neue Kernkraftwerke sind grundsätzlich eine Option für die Schweiz. Allerdings ist der Weg dorthin extrem hürdenreich und geprägt von grossen Unsicherheiten. Jederzeit kann ein neuerliches Aus drohen, wie im Fall von Fukushima.
Das Volk entscheidet über den Weg
Gleichzeitig zeigen alle Berichte deutlich, dass es durchaus gangbare Wege ohne Kernenergie gibt, um die Energiewende zu erreichen und die Stromversorgung sicherzustellen. Selbstredend sind auch diese Optionen nicht ohne Herausforderungen. Aber gerade der weitere Ausbau der Solarenergie wird durchwegs als deutlich einfacher betrachtet, da die Technik rasch installiert und breit akzeptiert ist. Der Ausbau von leistungsfähigen Speichersystemen könnte zudem künftig den Nachteil der erneuerbaren Energien – die unregelmässige Stromproduktion – wettmachen.
Der Bundesrat und eine Mehrheit des Parlaments haben sich jüngst dafür stark gemacht, den anspruchsvollsten Weg mit der Variante Kernenergie wieder zu öffnen. Ein Referendum wird voraussichtlich dafür sorgen, dass die Schweizer Stimmbevölkerung sagen kann, ob sie ebenfalls diesen Pfad einschlagen oder doch am bisherigen Weg festhalten will.
Eine Absage an die neue Generation von Kernkraftwerken
Einig sind sich übrigens auch alle drei Berichte mit Blick auf die künftige Generation von Kernkraftwerken. Von ihnen versprechen sich Befürworterinnen und Befürworter sehr viel: Die sogenannte Generation IV soll zuverlässig im Betrieb sein, wenig Abfall produzieren und vergleichsweise preiswert sein, weil sie in Serie gefertigt werden. Doch mehr als Ankündigungen von ambitionierten Start-ups sind diese Versprechen bisher nicht. Der Energiekonzern Axpo, aber auch der grösste Teil der Wissenschaft betrachten diese Anlagen für die Schweiz mit dem Zeithorizont von 2050 für nicht realistisch.