Ein Roboterarm saugt Schrauben aus einer kleinen Kiste, schiebt sich ein Stück nach rechts und lässt die Schrauben in ein anderes Fach fallen. Möglich wird dies durch ein am Roboter montiertes Staubsaugerrohr, über das ein Netz gespannt ist, das einer Socke gleicht.
Jago Irányi hat diese Konstruktion zusammen mit Mitstudierenden entwickelt – und das Programm geschrieben, das dem Roboter die Befehle gibt. Der ETH-Student absolviert in Zürich einen Master in Robotik und forscht in diesem Rahmen auch in der «Learning Factory».
Das neue Lern- und Forschungszentrum auf einem Industrieareal in der Stadt Zug läuft aktuell im Pilotbetrieb. Geplant ist ein Neubau auf dem Areal, in dem das Labor fix installiert ist.
Dem Projekt von Jago Irányi liegt ein reales Problem des Schraubenhandels- und Logistikunternehmens Bossard zugrunde: «Heute bringt ein Lieferroboter die Schrauben zur Montagestation. Hineinlegen muss man sie aber von Hand», sagt Jago Irányi.
«Kleines, feines Material, zum Teil auch aus Plastik, kann eine Roboterhand nicht greifen.» Deshalb seien sie auf die Idee mit dem Netz auf dem Staubsauger gekommen, das den nötigen Unterdruck für das Ansaugen der Teile erzeugt.
Ein Spielplatz
Jago Irányi gefällt es, dass er in Zug an Lösungen für konkrete Probleme tüfteln kann. Er arbeitet gratis, fühlt sich aber nicht ausgenützt – im Gegenteil: «Das hier ist eine einmalige Gelegenheit, um zu lernen. Es ist ein Spielplatz, auf dem man auch Fehler machen darf.»
110 Millionen Franken kostet das geplante Zentrum. Werden alle Gelder gesprochen, soll es bis 2035 im Vollbetrieb sein. Neun im Kanton Zug ansässige Unternehmen sind Teil davon, darunter neben der Firma Bossard auch der Haushaltsgerätehersteller V-Zug oder das Baustoffunternehmen Holcim. Weiter sind die ETH Zürich und der Kanton und die Stadt Zug beteiligt.
Neben der Nähe zur Industrie setzt das geplante Lern- und Forschungszentrum auf die Verbindung von Theorie und Praxis. Die Studierenden der ETH arbeiten mit Lernenden und Fachleuten aus den beteiligten Unternehmen zusammen.
Jago Irányi ist von diesem Konzept überzeugt: «Ich kann mich unmittelbar mit einem Spezialisten aus der Branche austauschen, und wir kommen schnell zu Lösungen. Diese Möglichkeit habe ich unter Studierenden nicht.»
Komische Ideen
«Am Anfang haben die Studierenden zum Teil Ideen, die für uns komisch anmuten», sagt Urs Güttinger, der beim Unternehmen Bossard die technische Abteilung führt. Nach ein, zwei Monaten wachse aber das Verständnis für die Bedürfnisse der Industrie.
Und manchmal seien es gerade die aussergewöhnlichen Ideen, die zum Erfolg führten: «Der Roboter mit dem Staubsauger als Greifer wirkte am Anfang auch komisch. Am Ende war er der einzige, der funktionierte.»
Urs Güttinger verspricht sich von der Beteiligung an der «Learning Factory» innovative Produkte, die sein Unternehmen an den Markt bringen kann: «Wir sind ein sehr traditionelles Unternehmen, neue Gedanken und Inspirationen tun uns gut.»
Der Kanton Zug als grösster Geldgeber habe vor allem Interesse an einem ETH-Standort im Kanton, sagt die Regierungsrätin Silvia Thalmann-Gut. «Es ist ein Bildungsprojekt, mit dem wir das Wissen aus der Hochschule zu unseren Industrieunternehmen bringen.»
Das Projekt für das Lern- und Forschungszentrum ist auf zehn Jahre angelegt und wird danach allenfalls verlängert und ausgebaut.