Eigentlich war es der Wolf, der Allison Meier dazu gebracht hat, sich für den Hirtenberuf zu interessieren. Die 31-jährige gelernte Schneiderin hält seit kurzer Zeit zwei Schafe, die Opfer eines Wolfsangriffs geworden waren. «Ein Schaf hatte sich dabei ein Bein gebrochen und wäre geschlachtet worden.» Sie habe sich entschieden, die beiden Tiere zu behalten – und überlege sich nun, diesen Weg einzuschlagen.
Allison will am Informationsabend in Bellinzona hören, was man in diesem Kurs alles lernen kann. Sie traue sich das Hirtinnensein grundsätzlich zu, habe aber vor dem Wolf auch Respekt: «Ja, ich habe auch etwas Angst, angesichts der vielen Wölfe im Tessin braucht es etwas Kaltblütigkeit.»
«Dorthin zurück, wo ich herkomme»
Keine Angst vor dem Wolf hat Luciano. Ihn beschäftige eher, wie es sei, nach über 45 Jahren wieder die Schulbank zu drücken. Der Ingenieur steht kurz vor der Pensionierung und will sozusagen zurück zu seinen Wurzeln. Luciano ist im Wallis als Bauernbub aufgewachsen. «Ich will dorthin zurück, wo ich herkomme. Der Kurs ermöglichte mir, im Sommer auf der Alp zu arbeiten. Das wäre mein Ziel.»
Doch nicht nur Quereinsteiger wie Allison oder Luciano sind nach Bellinzona gekommen, um sich vor Ort beim Bauernverband über den Hirtenkurs zu informieren.
Auch der Schäfer Donald Krocynski aus dem Bleniotal ist zusammen mit seinem 20-jährigen Sohn Larry hier. Ihn interessiere vor allem der theoretische Teil, sagt Donald, und auch das Diplom am Ende sei wichtig.
Im Kurs lernt man nicht nur viel über verschiedene Schaf-, Ziegen- und Rinderrassen, sondern auch über den Umgang mit Herdenschutzhunden. Diese werden wegen des Wolfes immer wichtiger, können aber für Touristinnen und Touristen auch gefährlich werden, da sie die Herde um jeden Preis schützen.
Sem Genini ist Sekretär des Tessiner Bauernverbandes und hofft, dass sich viele Interessierte nach dem Informationsabend anmelden. Denn Hirten würden dringend gebraucht und die Arbeit werde immer anspruchsvoller.
30 Personen am Infoabend
Das liege nicht nur an der Präsenz des Wolfs, sondern auch daran, dass sich die Gesellschaft verändert habe. «Auf einigen Alpen hier gibt es nicht mal Internetempfang», sagt Genini. Nicht zuletzt darum sei es vor 40 Jahren noch einfacher gewesen, Leute für den Hirtenberuf zu finden.
Dennoch hofft Genini, mit dem neuen Kursangebot genügend Nachwuchs zu finden. Fast 30 Personen hätten sich für diesen Infoabend interessiert, das sei nicht schlecht, meint der Bauernsekretär.
Auch Teilzeit möglich
Er hofft, dass sich in den nächsten Tagen und Wochen noch weitere Quereinsteiger anmelden werden. Schliesslich müsse man diesen Beruf nicht zwingend zu 100 Prozent ausüben. «Es lohnt sich auch für Menschen, die derzeit nicht berufstätig sind und es sich einrichten können, diesen und vielleicht auch den nächsten Sommer auf der Alp zu verbringen.»
Eine Quereinsteigerin ist sich bereits sicher. Schneiderin Allison hat sich noch am selben Abend entschieden, aufs Hirten umzusatteln. «Ich freue mich sehr, auch, dass es bald losgeht, sodass ich gleich mitmachen kann.»
Auch Larry, der Sohn des Schäfers, überlegt sich, den Hirtenkurs zu besuchen. Er hat gerade seine Lehre als Förster abgeschlossen. Aber das Hirtenleben fasziniere ihn: die Einsamkeit auf der Alp, diese ruhige, eigene Welt.