Ein Bericht, der am Dienstag veröffentlicht wurde, bringt schwerwiegende Verfehlungen in der Herzklinik am Universitätsspital Zürich ans Licht. Es geht um Vorkommnisse während der Amtszeit des ehemaligen Klinikdirektors Francesco Maisano, gegen den schwere Vorwürfe erhoben werden.
Nach dem Vorfall stellt sich generell die Frage, ob die Verantwortung, die Führungspersonen in Spitälern tragen, ein gesundes Mass überschritten hat. Die Einschätzung dazu von Prof. Karl-Olof Lövblad, der den Verein der leitenden Spitalärzte der Schweiz präsidiert.
SRF News: Wie umfassend ist das Aufgabenfeld eines Klinikleiters, einer Klinikleiterin?
Karl-Olof Lövblad: Das Aufgabenfeld ist sehr gross. Der Klinikleiter ist zuständig für Lehre, Forschung, Dienstleistung und Administration. Gerade der Bereich Administration ist mit der Zeit sehr umfangreich geworden. Das bedeutet, Klinikleiter haben viel Verantwortung in extrem vielen Gebieten. Oft spezialisieren sie sich mit der Zeit, sei es auf Forschung, Lehre oder die administrative Arbeit, und geben Verantwortungen ab.
Wie viel Einfluss haben Personen in diesen Positionen letztlich?
Der Gestaltungsspielraum ist schon relativ gross. Man hat viel Verantwortung. Wenn man es gut macht, kann man den Mitarbeitenden Inputs und Impulse geben. Man muss aber auch Arbeiten abgeben können.
Ist die Verantwortung teils auch einfach zu gross?
Ich bin da gespalten. Es ist klar: Die Verantwortung hat deutlich zugenommen. Ich denke, es kann sich zum Teil lohnen, diese Verantwortung auf mehrere Personen zu verteilen. Man muss aber aufpassen, dass es nicht zu internen Machtkämpfen führt. Denn dann hätte man ein Problem mit einem anderen ersetzt.
Es gibt einen Wettbewerb zwischen den Spitälern. Man setzt auf die profiliertesten Personen. Werden die Führungskräfte nach den richtigen Kriterien rekrutiert?
Die Spitäler müssen schon wählen können, welche Profile sie haben wollen. Es gibt immer auch Differenzen zwischen den Spitälern in ihrem Gebiet. Es braucht aber gewisse Standards. Das heisst, die Führungskräfte müssen auch ein gewisses Niveau in der administrativen Arbeit haben.
Wir haben immer empfohlen, dass die Leute Management-Kurse besuchen.
In Zukunft braucht es hier wohl eine bessere Begleitung für die leitenden Chefärzte, damit sie diese Standards erreichen. Wir haben immer empfohlen, dass die Leute Management-Kurse besuchen. Früher war es häufig so, dass man in der Medizin fast von einem Tag auf den anderen zum Chef oder Leiter befördert wurde. Manchmal waren einige Leute extrem gut im Umgang mit Menschen. Aber ab und zu war das nicht der Fall und dann kann es zu Problemen kommen.
Wird unterschätzt, wie wichtig diese Management-Kenntnisse sind?
Ja. Es wird von allen Seiten unterschätzt. Man sieht es ja in unterschiedlichen Fällen. Es braucht sehr viel, auch menschliche Fähigkeiten. Es wird verlangt, dass wir gute Leiter, Lehrer, Forscher, Dienstleister, Administratoren und dann vielleicht auch zwischenmenschlich exzellent sind in all diesen Bereichen. Das ist ab und zu relativ schwierig. Es gibt solche Leute. Das ist klar. Aber man kann die Leute wahrscheinlich auch ausbilden. Das braucht jedoch Zeit.
Das Gespräch führte Livia Middendorp.