Viele Häuser stehen bereits leer, Vereine verlieren Mitglieder, vertraute Wege verschwinden: In Mitholz im Berner Oberland ist der Abschied allgegenwärtig.
Seit der Bund nach einer neuen Risikobeurteilung 2018 die vollständige Räumung des Munitionslagers beschlossen hat, lebt das Dorf in Unsicherheit. Bis spätestens 2032 müssen alle Menschen, deren Häuser im Sicherheitsperimeter stehen, wegziehen.
Neid und Spannungen im Dorf
Welche Folgen das für die Bevölkerung hat, zeigt nun eine sozialwissenschaftliche Begleitstudie. Sie zeichnet das Bild eines Dorfes, das sich schon heute langsam auflöst.
Die Räumungsarbeiten wirkten sich stark auf die Lebensqualität der Menschen dort aus, resümiert Studien-Autorin Astrid Wallner.
Für die Menschen ist Mitholz ihr Zuhause, ihr Grund und Boden, ihr Netzwerk.
Zwar gebe es in Mitholz weder Läden noch Schulen noch ein Zentrum. «Aber für die Menschen dort ist Mitholz ihr Zuhause, ihr Grund und Boden, ihr Netzwerk – so gesehen geht für sie sehr viel verloren.»
Ausserdem entstünden durch die Räumungsarbeiten Spannungen im Dorf, sagt Wallner. Manche beneiden jene, die bleiben dürfen. Andere jene, die selbst entscheiden können, ob sie gehen oder bleiben. Und wieder andere beneiden diejenigen, die gar keine Wahl mehr haben.
Viele Befragte berichten von Schlafstörungen, Ängsten, Wut und Trauer. Dies seien Reaktionen darauf, dass sich die eigene Situation und die Umgebung auf eine Weise verändere, die man als belastend empfinde, erklärt Astrid Wallner. Sie spricht in diesem Zusammenhang von Solastalgie: «Wenn man der Veränderung eines Ortes nachtrauert, obwohl man noch dort lebt.»
Unabhängige Beratungsstelle gefragt
Die Studienautorin kommt zum Schluss: Betroffene müssen nicht nur finanziell entschädigt werden. Genauso wichtig sind unabhängige Beratungs- und Unterstützungsangebote, die den Menschen beim Umgang mit dem Verlust ihrer Heimat helfen.
«Wichtig ist, dass diese Anlaufstelle unabhängig ist», betont Astrid Wallner. Also nicht etwa eine Person, die im Auftrag des VBS arbeite.
Die Studie zeigt zudem: Das Vertrauen in die Behörden hat sich seit der neuen Gefahreneinschätzung von 2018 nur teilweise erholt. Zwar wird die Kommunikation des Bundes heute von der Mitholzer Bevölkerung mehrheitlich positiv bewertet. Das grundlegende Misstrauen vieler Betroffener bleibt jedoch bestehen.
Studie weist über Mitholz hinaus
Laut Wallner reichen die Studien-Erkenntnisse von Mitholz weit über das Kandertal hinaus. Nach dem Bergsturz von Blatten VS stellten sich ähnliche Fragen: Was bedeutet der Verlust der Heimat? Wann ist eine Rückkehr möglich? Und welche Unterstützung brauchen Betroffene?
In Mitholz ist eine Rückkehr erst ab 2047 angedacht. Ob sie selbst je zurückkehren werden, daran glauben viele Betroffene nicht. Umso wichtiger sei ihnen, dass die Verbindung zu Mitholz nicht ganz abreisse.
«Viele wünschen sich, dass dereinst ihre Enkel wieder in Mitholz wohnen», sagt Wallner. Die Hoffnung auf eine Rückkehr bleibt – wenn auch oft erst für die nächste Generation.