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Folgen des Heimatverlusts Angst, Wut und schlaflose Nächte – Mitholz kämpft mit Umsiedlung

Leere Häuser, schwindende Nachbarschaften: Eine Studie zeigt, was die Umsiedlung in Mitholz BE mit den Menschen macht.

Viele Häuser stehen bereits leer, Vereine verlieren Mitglieder, vertraute Wege verschwinden: In Mitholz im Berner Oberland ist der Abschied allgegenwärtig.

Häuser im alpinen Stil mit umliegenden Wiesen und Bäumen.
Legende: Der Wegzug findet schleichend statt. Immer wieder steht ein neues Haus leer und die Nachbarschaft geht langsam verloren. Keystone/Peter Schneider

Seit der Bund nach einer neuen Risikobeurteilung 2018 die vollständige Räumung des Munitionslagers beschlossen hat, lebt das Dorf in Unsicherheit. Bis spätestens 2032 müssen alle Menschen, deren Häuser im Sicherheitsperimeter stehen, wegziehen.

Neid und Spannungen im Dorf

Welche Folgen das für die Bevölkerung hat, zeigt nun eine sozialwissenschaftliche Begleitstudie. Sie zeichnet das Bild eines Dorfes, das sich schon heute langsam auflöst.

Die Räumungsarbeiten wirkten sich stark auf die Lebensqualität der Menschen dort aus, resümiert Studien-Autorin Astrid Wallner.

Für die Menschen ist Mitholz ihr Zuhause, ihr Grund und Boden, ihr Netzwerk.
Autor: Astrid Wallner Studienautorin

Zwar gebe es in Mitholz weder Läden noch Schulen noch ein Zentrum. «Aber für die Menschen dort ist Mitholz ihr Zuhause, ihr Grund und Boden, ihr Netzwerk – so gesehen geht für sie sehr viel verloren.»

Studie mit persönlichen Gesprächen

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Die Räumung des Munitionslagers Mitholz ist nicht nur ein technisches Projekt. Sie wirkt sich auch auf die Gesellschaft aus. Wie genau – das zeigt eine sozialwissenschaftliche Studie, welche das Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universität Bern CDE) durchgeführt hat.

Von November 2022 bis Juli 2023 führten die Forschenden mit der Bevölkerung persönliche Gespräche. Sämtliche Haushalte im Sicherheits- und Evakuationsperimeter waren telefonisch oder per Brief angefragt worden. Mit 24 von insgesamt 61 kontaktierten Haushalten konnten Gespräche geführt werden.

Daneben fanden auch Gespräche mit Personen aus dem VBS-Projektteam, dem Gemeinderat und verschiedenen Organisationen statt.

Ausserdem entstünden durch die Räumungsarbeiten Spannungen im Dorf, sagt Wallner. Manche beneiden jene, die bleiben dürfen. Andere jene, die selbst entscheiden können, ob sie gehen oder bleiben. Und wieder andere beneiden diejenigen, die gar keine Wahl mehr haben.

Luftbild einer Landschaft mit markierten Zonen und Bezeichnungen.
Legende: Im Sicherheitsperimeter ist ein Wegzug innerhalb der nächsten zehn Jahre ein Muss. SRF

Viele Befragte berichten von Schlafstörungen, Ängsten, Wut und Trauer. Dies seien Reaktionen darauf, dass sich die eigene Situation und die Umgebung auf eine Weise verändere, die man als belastend empfinde, erklärt Astrid Wallner. Sie spricht in diesem Zusammenhang von Solastalgie: «Wenn man der Veränderung eines Ortes nachtrauert, obwohl man noch dort lebt.»

Unabhängige Beratungsstelle gefragt

Die Studienautorin kommt zum Schluss: Betroffene müssen nicht nur finanziell entschädigt werden. Genauso wichtig sind unabhängige Beratungs- und Unterstützungsangebote, die den Menschen beim Umgang mit dem Verlust ihrer Heimat helfen.

«Wichtig ist, dass diese Anlaufstelle unabhängig ist», betont Astrid Wallner. Also nicht etwa eine Person, die im Auftrag des VBS arbeite.

Luftaufnahme einer Felslandschaft mit Strassen und Gebäuden.
Legende: Spätestens ab 2030 wird ein Teil der Bevölkerung von Mitholz umgesiedelt, weil die geschätzten 3500 Tonnen Munition weg müssen. Keystone/Anthony Anex

Die Studie zeigt zudem: Das Vertrauen in die Behörden hat sich seit der neuen Gefahreneinschätzung von 2018 nur teilweise erholt. Zwar wird die Kommunikation des Bundes heute von der Mitholzer Bevölkerung mehrheitlich positiv bewertet. Das grundlegende Misstrauen vieler Betroffener bleibt jedoch bestehen.

Studie weist über Mitholz hinaus

Laut Wallner reichen die Studien-Erkenntnisse von Mitholz weit über das Kandertal hinaus. Nach dem Bergsturz von Blatten VS stellten sich ähnliche Fragen: Was bedeutet der Verlust der Heimat? Wann ist eine Rückkehr möglich? Und welche Unterstützung brauchen Betroffene?

In Mitholz ist eine Rückkehr erst ab 2047 angedacht. Ob sie selbst je zurückkehren werden, daran glauben viele Betroffene nicht. Umso wichtiger sei ihnen, dass die Verbindung zu Mitholz nicht ganz abreisse.

«Viele wünschen sich, dass dereinst ihre Enkel wieder in Mitholz wohnen», sagt Wallner. Die Hoffnung auf eine Rückkehr bleibt – wenn auch oft erst für die nächste Generation.

Regionaljournal Bern, Freiburg, Wallis, 01.07.2026, 17:30 Uhr ; 

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