Mit Tränen in den Augen steht Verena Hofmann vor den Überresten ihres Hauses in Brienz. Kaputte Mauern, aufgerissene Holzböden, der Garten weggeschwemmt vom Milibach, der über die Ufer kam. Zwei Jahre nach dem verheerenden Unwetter im Berner Oberländer Dorf ist das ehemalige Zuhause der Rentnerin immer noch eine Ruine.
«Es ist entsetzlich. Das war mein Zuhause – und jetzt ist einfach nichts mehr.» Seither lebt die 77-Jährige provisorisch in einer Mietwohnung. Die Hoffnung hat sie aber noch nicht aufgegeben, dass sie dereinst wieder zurückkehren kann an den Ort, an dem sie 52 Jahre lang gelebt hatte. Nur: Das Haus steht in der roten Zone, ein Neubau ist hier nicht möglich.
Wenn die Hoffnung auf der Umleitung des Bachs ruht
Damit Verena Hofmann ihr altes Zuhause wieder aufbauen könnte, müsste der Milibach direkt neben ihrem Haus umgeleitet werden. Die Gefahr, dass bei einem erneuten Gewitter der Bach wieder über die Ufer kommt, ist derzeit zu gross. Aufgrund des Klimawandels werden verheerende Unwetter immer häufiger, wie Klimaszenarien des Bundes zeigen. Der Brienzerin macht diese Entwicklung Sorgen: «Der Mensch hat viel zu dieser Entwicklung beigetragen: Alles ist zubetoniert und zugepflastert. Wo will der Regen da noch abfliessen?»
Die Gemeinde Brienz plant zwar eine Verlegung des Milibachs raus aus dem Dorf. So stünden ein Dutzend zerstörte Häuser nicht mehr in der roten Zone und dürften wieder aufgebaut werden. Die Bachverlegung ist allerdings ein aufwendiges Projekt und kann noch fünf bis zehn Jahre dauern.
Die Gemeinde hat den betroffenen Anwohnerinnen und Anwohnern angeboten, das Land abzukaufen, damit diese nicht so lange warten müssen und an einem anderen Ort neu bauen können. Für Verena Hofmann ist dies keine Option: «Wir würden nicht genug Geld erhalten, um an einem anderen Ort Bauland zu kaufen. Wir sind darauf angewiesen, auf unserem Boden zu bleiben.»
Weil die geplante Verlegung des Bachs noch Jahre dauern dürfte, ist höchst ungewiss, ob die 77-jährige Brienzerin einen allfälligen Neubau ihres Hauses am alten Standort noch erleben wird. Aber sie gibt sich kämpferisch: «Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also darf man hoffen. Bis zum unter Umständen bitteren Ende.» Ein grosser Trost wäre Verena Hofmann, wenn wenigstens ihre Tochter dereinst wieder ins Haus zurückkehren könnte.
Wenn das Einkommen des Bergführers mit den Gletschern schmilzt
Durch die Klimaerwärmung haben die Gletscher in der Schweiz in den letzten zehn Jahren ein Viertel ihrer Eismasse verloren. Das zeigen Untersuchungen des Schweizer Gletschermessnetzes Glamos von verschiedenen Hochschulen. Mit dem Wegschmelzen der Eismassen schwindet auch das Einkommen des Bergführers Philipp Schmidt im Oberwallis. Er steht am Fuss des Rhonegletschers und schüttelt seinen Kopf: «Das gibt einem schon zu denken, wie rasch der Gletscher hier wegschmilzt und wie stark die Veränderungen zu spüren sind.»
Mehr Regen statt Schneefall im Winter, mehr Steinschlag und Extremniederschläge mit Murgängen im Sommer: Für Bergführer Schmidt wird der Job immer gefährlicher. Deshalb beginnt er, sich neue Standbeine aufzubauen. Früher führte er im Hochwinter zwischen Dezember und Februar viele Gäste auf Skitouren oder Variantenabfahrten. Nun ist er stattdessen immer öfter als Naturgefahrenbeobachter im Einsatz für die Gemeinden im Goms. Er muss die Lawinengefahr für Strassen und Bahnlinien beurteilen.
Philipp Schmidts Frau Susanne ist froh, dass er so nicht nur auf sein Einkommen als Bergführer angewiesen ist. Durch immer wechselhaftere Bedingungen im Winter mit Wärmeeinbrüchen, Regen und neuerlichem Überfrieren würden die Verhältnisse heikler und schwieriger abschätzbar. «Mein Mann ist ja vorsichtig unterwegs, aber die Gefahren durch Lawinen werden immer unberechenbarer mit dem Klimawandel. Davor habe ich am meisten Angst.»
Auf dem Rhonegletscher ist die schützende Schneeschicht diesen Sommer so früh weggeschmolzen wie erst ein Mal. Ist der Schnee erst mal weg, zerfällt der Gletscher umso schneller. «Früher konnte man hier im Juni noch Skitouren machen, jetzt ist alles schon schneefrei. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren verstärkt», stellt Philipp Schmidt fest.
Um die Zukunft für die vierköpfige Familie finanziell besser abzusichern, prüft er weitere Einnahmemöglichkeiten. «Ich könnte mir auch vorstellen, in einem Skigebiet als Pistenpatrouilleur oder Skilehrer zu arbeiten.»
So wäre er der Unberechenbarkeit des Wetters und den zunehmenden Naturgefahren durch den Klimawandel weniger ausgesetzt. Gerade in den Bergen sind die Menschen diesbezüglich besonders gefährdet. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen.
Wenn der Winzer Oliven statt Reben pflanzt
Anpassen muss sich auch Winzer Julien Guillon in Ayent in der Nähe von Sion. Er reisst in seinen Rebbergen immer mehr alte Traubenstöcke aus und pflanzt stattdessen Olivenbäume. «Ich mache dies wegen des Klimawandels. In den letzten Jahren wurde es immer heisser und trockener hier.»
Der Winzer schätzt, dass ein Olivenbaum etwa 80 Prozent weniger Wasser benötigt als eine Rebe. Die Bäume sorgen nicht nur für ein zusätzliches Einkommen, sondern auch für mehr Schatten und mehr Feuchtigkeit im Boden. Zudem habe er weniger Probleme mit Schädlingen, weil er keine reinen Rebenmonokulturen mehr habe, so Guillon.
Mittlerweile hat er schon über 600 Olivenbäume gepflanzt. Auch andere Winzer und Bauern haben diese neuen Kulturen für sich entdeckt. Allein in der Romandie kamen dieses Jahr über zehntausend neue Bäume dazu. Schweizweit sind es mittlerweile 40'000. Da die Winter in der Schweiz nicht mehr so kalt sind wie früher, gibt es auch kaum Probleme mit Frostschäden. Olivenbäume überstehen Temperaturen von bis zu minus 15 Grad.
Wenn eine Gefahrenzone die Existenzgrundlage bedroht
Im Fall des Rebbaus sind die Auswirkungen des Klimawandels ein schleichender Prozess. Im Fall des Campings Arolla waren sie im Gegensatz dazu umso unvermittelter. Der Campingplatz im Walliser Tal Val d’Hérens musste nach einem Unwetter und einem bedrohlichen Anstieg des Bachs im Sommer 2024 evakuiert werden.
Der Kanton hat aufgrund des Klimawandels seine Gefahrenkarten überarbeitet. Und im Sommer 2025 sodann entschieden, über ein Dutzend Campingplätze zu schliessen. Betroffen auch Arolla. Für die Betreiber Eva und Seb Colli ein schwerer Schlag.
Ihre Existenzgrundlage war von einem auf den anderen Tag weg. Es drohte gar der Konkurs des Betriebs. Dieser konnte nur abgewendet werden dank Nothilfe des Kantons und einer Spendenaktion. Mit einem provisorischen, kleineren Campingbetrieb auf dem Parkplatz eines Hotels können sie nun zwar wieder etwas Geld verdienen und Touristen empfangen. Doch das Geld reicht nicht zum Leben. Seb Colli musste zurück auf seinen erlernten Beruf als Elektriker, damit die junge Familie genügend Geld zum Leben hat.
Die Collis sind nicht die einzigen Betroffenen. Das ganze Val d’Hérens leidet unter der Schliessung des Campings. Die Präsidentin der zuständigen Gemeinde Evolène, Virginie Gaspoz, betont die Wichtigkeit dieser touristischen Einnahmequelle: «Tausende von Übernachtungen gehen verloren, wenn wir statt des Provisoriums nicht bald wieder einen richtigen Camping haben.» Dadurch hätten auch viele andere Gewerbebetriebe im Tal weniger Arbeit und weniger Einnahmen. Langfristig drohe so eine Abwanderung.
Gemeinsam mit dem Ehepaar Colli kämpft nun die Gemeindepräsidentin dafür, dass der Kanton einen neuen, definitiven Standort für den Campingplatz bewilligt. Der gewünschte Standort befindet sich allerdings in einem Waldstück. Dort sind die Auflagen und Hürden für einen möglichen Betrieb besonders hoch.
Eva Colli bleibt trotzdem optimistisch: «Auch wenn es strenge Gesetze gibt: Bei den Behörden braucht es jetzt vor allem gesunden Menschenverstand. Und ich glaube, dass es das noch gibt in unserer Welt.»