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Klimawandel und Hitze Klimaforscher: «Manchmal frage ich mich, was ich hier mache»

Reto Knutti gehört zu den prominentesten Stimmen in der Schweizer Klimaforschung. Er ordnet ein, welche Konsequenzen die vergangene Hitzewelle hat – und spricht über Anfeindungen und Zweifel.

Reto Knutti

Klimaforscher

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Reto Knutti ist seit 2012 Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Schwerpunkte seiner Forschung sind Veränderungen im Klimasystem durch Treibhausgase und die Arbeit mit Klimamodellen. Knutti ist zudem Mitglied des «Intergovernmental Panel on Climate Change», dem sogenannten Weltklimarat der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie.

SRF: Ist das, was wir erlebt haben, der Klimawandel?

Reto Knutti: Was wir jetzt sehen, ist ganz klar das, was wir seit Jahrzehnten voraussagen. Hitzetage nehmen zu, die Hitzewellen werden länger, sie werden intensiver, sie werden häufiger. In Europa ist die Erwärmung doppelt so hoch wie im globalen Mittel, an manchen Orten hatten wir sogar eine Verfünffachung der Hitzetage. Das ist eindeutig ein Aspekt der Klimaerwärmung.

Haben Sie das Gefühl, die Menschen sind sich bewusst, was da auf sie zukommt?

Ich glaube nicht. Oder sie haben es vielleicht in einem abstrakten Sinn gehört anhand einer Zahl, aber nicht unbedingt, was es heisst, wenn es da ist. Das ist auch menschlich. Wir lernen sehr viel aus der Erfahrung und nicht analytisch.

Könnte man nicht einfach sagen, es ist eben heisser?

Hitze wird unterschätzt. Es sterben in einem heissen Sommer in der Schweiz mehrere hundert Menschen an Hitze, sie ist ein grosses Risiko für die Gesundheit. Und sie ist ein ökonomisches Problem. Wir haben bis zu eine Milliarde Franken Produktionseinbussen – nicht nur der Leute draussen, sondern auch derer, die in Innenräumen arbeiten.

Man kann nicht mit Weltuntergang argumentieren.

Haben Sie das Gefühl, so eine Hitzewelle verändert etwas?

Kurzfristig gibt es Aufmerksamkeit für das Thema. Aber das ist oft medial getrieben und hält ein paar Wochen an. Für die langfristige Veränderung der Gesellschaft und der Politik kann man nicht mit Weltuntergang argumentieren. Wir müssen versuchen, Lösungen, Technologien, einen politischen Rahmen zu bieten, sodass die Lösungen zum Klimaschutz oder auch zur Anpassung kostengünstig, attraktiv und sinnvoll werden. Erst darüber geht Veränderung.

Person in einem Anzug spricht vor einem neutralen Hintergrund.
Legende: Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Keystone / ANTHONY ANEX

Um das Thema gibt es harte Auseinandersetzungen. Sie exponieren sich als Forscher stark. Erleben Sie viele Anfeindungen?

Man wird schon ab und zu angegriffen, wenn man sich äussert, aber damit kann ich leben. Die Leute, die mich angreifen, sind nicht grundsätzlich uneinig mit den Fakten. Sie sehen sich in ihrem Weltbild, in ihrer Identität verletzt. Sie haben das Gefühl, da will mir jemand mein Fleisch verbieten, obwohl das nicht wahr ist. Wenn man weiss, wie das psychologisch abläuft, dann kann man das eigentlich gut einordnen.

Es ist offensichtlich, dass die langfristigen Umweltfragen auf die lange Bank geschoben werden

In der Vergangenheit hat die Klimabewegung für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Wie nehmen Sie es heute wahr?

Die Klima- und Nachhaltigkeitsdiskussion ist nicht tot, aber sie ist doch sehr beschränkt im Moment. Es dominieren Zölle, Lieferketten, künstliche Intelligenz, die AHV, Militär und Kriege. Es ist offensichtlich, dass die langfristigen Umweltfragen auf die lange Bank geschoben werden. Aber es wird wieder aufkommen, das Problem geht nicht weg. Im Gegenteil: Es wird sich akzentuieren. Ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren wieder neuen Schwung finden.

Gelingt es Ihnen immer, das zu akzeptieren?

Manchmal gibt es schon Momente, in denen man denkt: Was mache ich hier eigentlich? Nach 30 Jahren Vorträgen und 1000 Medienberichten komme ich mir vor wie eine alte Schallplatte oder ein Wanderprediger, der immer das Gleiche erzählt. Aber Politik ist das lange Bohren in dicke Bretter, hat ein berühmter Mann mal gesagt [Anm. d. Red. Soziologe Max Weber]. Also machen wir weiter.

Das Gespräch führte Franziska Kohler.

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10v10, 30.6.2026, 21:50 Uhr ; 

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