Zehn Jahre lang stand Monika Ribar an der Spitze der SBB. Zum Abschied spricht die Präsidentin des Verwaltungsrats über den Spagat zwischen erfolgreichem Betrieb und überlasteter Infrastruktur, den Druck durch teure Ausbauprojekte und darüber, was sie als Frau an der Spitze erlebt hat.
SRF News: Der SBB-Infrastruktur-Chef sagte kürzlich, die SBB fahre «auf dem Zahnfleisch». Haben Sie den Unterhalt vernachlässigt?
Monika Ribar: Nein. Aber es gab eine Zeit, nach der Einführung der Bahn 2000, da hat man die Folgen der höheren Frequenzen und der schwereren Züge sicher unterschätzt. Die Abnutzung wurde grösser und es hat sich ein Rückstand im Unterhalt aufgebaut. Wir sagen schon lange, dass wir mehr Mittel bräuchten, damit dieser Rückstand nicht noch grösser wird. Aber er ist grösser geworden.
Warum wird nicht mehr erneuert, wenn es nötig ist?
Weil wir einen klaren Finanzrahmen vom Bund haben. Der Unterhalt wird aus dem Bahninfrastrukturfonds finanziert, und wir müssen uns innerhalb dieses Rahmens bewegen.
Die Berechnungen des Bundes können gar nicht mehr stimmen. Es wird teurer.
Dieser Infrastrukturfonds ist aber limitiert, wir haben nicht genügend Mittel, um alles zu machen, was nötig wäre. Ausserdem werden aus dem Topf auch neue Projekte finanziert.
Der Bund plant mit «Verkehr 45» weitere Ausbauten. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Wir brauchen den Ausbau, um Frequenzen zu erhöhen. Aber die Zeit von der Planung bis zur Realisierung ist dermassen lang. Wenn man sieht, wie Bauen immer teurer geworden ist, müssen wir ehrlich sein und sagen: Die Berechnungen des Bundes können gar nicht mehr stimmen. Es wird teurer. Das ist ein grosses Thema und das wird uns weiter begleiten.
Sollte man beim Ausbau also einen Gang zurückschalten?
Man muss priorisieren und sich vorbehalten, zu prüfen, ob ein Projekt wirklich Sinn ergibt. Ich glaube, das ist der richtige Weg. Die Welt verändert sich, man muss Projekte fortlaufend neu beurteilen und darf nicht sagen, das wurde doch vor zehn Jahren versprochen.
Ein weiteres Sorgenkind ist SBB Cargo. Müsste man das defizitäre Angebot des Einzelwagenladungsverkehrs einstellen?
Die Frage ist berechtigt und wird politisch diskutiert. Ich persönlich stehe aber dahinter, dass man dieses Angebot weiterführt. Aber es muss auf eine neue Produktionsbasis gestellt werden: nicht mehr überall hinfahren – oder nur, wenn es auch bezahlt wird.
Wenn sich im Zug jemand aufgeregt hat, fühlte ich mich immer zuständig.
Es ist wichtig für die Versorgungssicherheit des Landes, dass wir dieses Angebot haben.
Sie waren als Verwaltungsratspräsidentin der SBB und Chefin von Panalpina in einer eher männerdominierten Branche tätig. Was haben Sie da erlebt?
Oh, ich könnte Bücher schreiben! [lacht] Einmal kam nach einem Vortrag ein Mann auf mich zu und fragte: «15'000 Mitarbeitende, wie machen Sie das als Frau?» Ich sagte ihm, das könne ich nicht beantworten, weil ich nicht weiss, wie ich es als Mann machen würde. Wir sind so sozialisiert und es wird noch dauern, bis das verschwindet. Auch wenn vieles besser geworden ist.
Nun geben Sie Ihr Amt ab. Werden Sie in Zukunft entspannter Zug fahren?
Vermutlich. Wenn sich im Zug jemand aufgeregt hat, fühlte ich mich immer zuständig. Dieses Gefühl wird wohl nur langsam verschwinden.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.