Bis die Sätze fallen, die alles beweisen, dauert es knapp vier Minuten. Eben noch hat der Mann am Telefon erklärt, wegen der Schulden, da könne man schauen, das sei kein Problem. Dafür sei er Spezialist.
Und dann sagt er, unaufgeregt, als gäbe er Postgut auf: «Man nennt mich den ‹Bestatter›. Ich übernehme Firmen und beerdige sie.»
Was der Mann nicht weiss: Sein Geschäftsmodell schildert er einem Reporter von SRF Investigativ – und nicht dem verschuldeten Veloersatzteilhändler, als den sich der Journalist ausgegeben hat.
Ein Firmenbestatter lässt Gläubiger auflaufen
Der Geschäftsmann aus Basel ist beruflich so etwas wie ein Blitzableiter für unangenehme Fragen. Für seine Kunden lässt er Schulden verschwinden, ganze Firmen sogar. Oder genauer: Er lässt Gläubiger auflaufen. Denn er ist Firmenbestatter.
Und er ist einer der Aktivsten der Schweiz, wie Recherchen von SRF zeigen: Zwischen 2020 und 2025 hat der «Bestatter» mit 44 Firmen Konkurs gemacht. Mit Baugeschäften im Baselbiet und Mittelland, mit Beratungs- und Immobiliengesellschaften in Zürich und im Appenzell, mit Restaurants in Basel, Bern oder der Zentralschweiz.
Im Schnitt waren die Firmen tot, ein Jahr nachdem der Mann aus Basel Gesellschafter wurde oder in den Verwaltungsrat eingetreten war.
Die Gläubiger sahen keinen Rappen
Oftmals waren es nur noch leere Firmenhüllen: Die Konkursbeamten fanden weder genug Geld noch Autos oder Grundstücke, die sie hätten verwerten können, um Gläubiger auszuzahlen.
Diese Firmen haben Konkurs gemacht
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Bild 1 von 3. Die Pizzeria im Kanton Bern. In diesem Gebäude in Belp BE ist noch heute eine Pizzeria eingemietet. Über die Vormieterin, ebenfalls eine Pizzeria, wurde im Dezember 2025 der Konkurs eröffnet. Einziger Gesellschafter und Geschäftsführer zum Zeitpunkt des Konkurses war der «Bestatter». Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Die Schlosserei im Kanton Zug. Im Februar 2024 hat das Kantonsgericht Zug den Konkurs über eine Schlosserei eröffnet, die ihren Sitz zuvor in diesem Gewerbegebäude in Hagendorn bei Cham ZG hatte. Noch vor wenigen Wochen war der Briefkasten mit dem Namen der Firma beschriftet. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Das Restaurant im Kanton Schwyz. Dieses Gebäude in Brunnen SZ beheimatete bis Ende 2023 ebenfalls ein Restaurant. Rund anderthalb Jahre sowie einen Umzug in den Kanton Zug später eröffnete das dortige Gericht den Konkurs über die Firma. Der «Bestatter» war der einzige Gesellschafter. Bildquelle: SRF.
«Mangels Aktiven eingestellt» heisst es in diesen Fällen im Handelsregister. Mit anderen Worten: Wer Geld von der Firma fordert, wird es nie wieder sehen.
Experte spricht von Absicht
Zu den Geschäften des Baslers sagt Serge Trefzger, Leiter des Bereichs Data Management bei der Wirtschaftsauskunft CRIF: «Das passiert mit Absicht. Wenn jemand so häufig und in so vielen verschiedenen Branchen Konkurs macht, muss man von krimineller Energie ausgehen.»
Der «Bestatter» ist nicht allein: Jedes Jahr ermittelt Trefzger, wer die meisten Konkurse gemacht hat. «Konkursreiter» nennt Trefzger solche Leute und stellt fest: Jedes Jahr werden es mehr Konkurse. Und jedes Jahr werden es mehr Konkursreiter, die drei oder mehr Firmen an die Wand gefahren haben. Oder sogar: zehn Firmen und mehr.
Wenn jemand so häufig und in so vielen Branchen Konkurs macht, muss man von krimineller Energie ausgehen.
Per Ende 2025 hat Trefzger 95 Personen ermittelt, die in den zehn Jahren zuvor mit mindestens zehn Firmen Konkurs gemacht haben. 2440 Personen haben mindestens drei Pleiten mitverantwortet.
Für den Staat sind Firmenbestatter und Konkursreiter ein teures Ärgernis: 2022 etwa ging die Kantonspolizei Zürich davon aus, dass allein auf ihrem Kantonsgebiet binnen vier Jahren 240 Millionen Franken Schaden entstanden sind. Weil Firmenchefs Löhne, Lieferanten, Mieten nicht bezahlt und sie stattdessen über einen Bestatter entsorgt haben. Und wenn zum Beispiel Steuern nicht bezahlt worden sind, gehen die Kosten zulasten der Allgemeinheit.
So viele Konkursreiter gibt es
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Bild 1 von 3. Die Gesamtzahl aller Personen mit einem Konkurs. Zwischen 2016 und 2025 haben in der Schweiz 73'000 Personen mindestens ein Mal Konkurs gemacht. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. So viele Personen haben drei Konkurse mitverantwortet. Zwischen 2016 und 2025 haben 2440 Personen mindestens drei Firmenkonkurse mitverantwortet. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. So viele Personen haben zehn und mehr Konkurse mitverantwortet. Zwischen 2016 und 2025 haben 95 Personen zehn Firmenkonkurse und mehr mitverantwortet. Bildquelle: SRF.
Alleine das Gesellschaftskapital der 44 Pleitefirmen des «Bestatters» beträgt 3.7 Millionen Franken, so viel sind alle Stammanteile und Aktien Wert, die mit den Konkursen vernichtet worden sind. Diese Zahl sagt noch nichts darüber aus, wie hoch die Forderungen der Gläubiger der Gesellschaften waren.
Strafverfolger ermitteln wegen diverser Delikte
Seit rund fünfzehn Jahren gehen Strafverfolgungsbehörden stärker gegen das Phänomen vor. Da für die Firmenentsorgungen kein eigener Straftatbestand existiert, ahnden die Behörden Straftaten, die begangen werden, bevor ein Unternehmer sich seiner Firma entledigt oder nachdem ein Bestatter eine Gesellschaft übernommen hat; laut Experten typischerweise Misswirtschaft oder Unterlassung der Buchführung.
Auch gegen den «Bestatter», der in den 1990er-Jahren in den USA zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen Geldwäscherei verurteilt worden ist, läuft eine Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt ermittelt wegen diverser Delikte, wie Unterlagen belegen, die SRF Investigativ vorliegen.
Verfahren läuft seit fast zehn Jahren
Sie zeigen: Die Ermittlungen laufen seit Sommer 2016, seit also fast zehn Jahren. Die Staatsanwaltschaft beantwortet mit Verweis auf das Amtsgeheimnis und laufende Untersuchungen keine inhaltlichen Fragen – und damit auch nicht, was es mit der langen Verfahrensdauer auf sich hat.
Solange das Verfahren läuft und der Geschäftsmann nicht rechtskräftig verurteilt ist, gilt er als unschuldig.
Die Bestattung gibt es für 7000 Franken
Augenscheinlich behindern die Ermittlungen ihn nicht in seinem Tagesgeschäft. Etwas länger als zehn Minuten telefoniert der «Bestatter» mit dem SRF-Reporter, der sich als möglicher Kunde ausgibt.
Der Geschäftsmann fragt nach dem Sitz der Firma, dem Personal, Fahrzeugen, Schulden, ehe er seinen Preis nennt: 7000 Franken, Kosten für Notar und Gebühren inklusive, am liebsten in bar, dafür sind die Schulden weg: «Auf einen Schlag.»
Was ich mache, ist keine Misswirtschaft.
Der «Bestatter» stellt bereits für den nächsten Tag einen Termin in Aussicht, um die Firma zu überschreiben.
Am Ende wird es zwölf Tage und zwei kurzfristig verschobene Sitzungen brauchen, ehe es zum Treffen an einer Autobahnraststätte kommt. Der «Bestatter» trägt Mappe und Handy unter dem Arm, als er zur Überschreibung erscheint. Auf ihn wartet der Reporter mit der Kamera.
«Bestatter» will nichts Verbotenes tun
Der Geschäftsmann ist einverstanden, alle Fragen zu beantworten, denn «Was ich mache, ist keine Misswirtschaft.»
Zwar übernehme er die Firmen, verursache aber nicht weiteren Schaden, etwa indem er Waren auf Rechnung kaufe, die er dann nicht bezahle. Teilweise habe er die Firmen sanieren wollen, doch sie seien überschuldet gewesen, weswegen er nichts mehr habe machen können.
Von einem Strafverfahren gegen sich wisse er nichts, die Firmen hätten so oder so Konkurs gemacht, auch ohne ihn. Im Wesentlichen sagt er also: Was er mache, «ist nicht verboten».
Anwalt widerspricht
«Unsinn» erwidert darauf Christoph Dumartheray, Anwalt aus Basel, der den «Bestatter» seit Jahren beobachtet und einen Klienten im Strafverfahren gegen ihn vertritt.
Das sind klassische Konkursverschleppungen. Und Konkursverschleppungen sind in aller Regel zivil- und strafrechtlich relevant.
Zwar könne er nicht beurteilen, ob die Firmen weiter ausgehöhlt worden seien oder nicht, aber: Ab dem Moment, in dem der «Bestatter» als Geschäftsführer oder Verwaltungsrat Einsitz in die Firmen nehme, müsse er Sanierungsmassnahmen ergreifen oder bei Überschuldung sofort die Bilanz deponieren.
«Das aber tut er genau nicht», sagt Dumartheray. «Er verlegt den Firmensitz und zögert den Konkurs heraus, immer mit dem Ziel, eine möglichst grosse räumliche und zeitliche Distanz zum Vor-Organ zu schaffen.»
Es handle sich also um «klassische Konkursverschleppungen», und diese seien «in aller Regel zivil- und strafrechtlich relevant».
Staatsanwaltschaft ermittelt, Bestatter bestattet
Entscheidend wird sein, ob die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt zum gleichen Schluss kommt. Die Behörde selbst äussert sich nicht. Es bleibt unklar, ob und bis wann mit einer Anklage zu rechnen ist.
Während die Ermittlungen laufen, betreibt der «Bestatter» sein Geschäft weiter.
Die letzte Meldung, die Übernahme einer GmbH-Geschäftsführung, wurde Ende Januar im Schweizerischen Handelsamtsblatt publiziert – drei Tage vor dem Beratungsgespräch, das keines war.