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Geschäft pleite, Lohn weg Undercover im Konkurs-Business

Sie übernehmen verschuldete Unternehmen und helfen, Gläubiger zu prellen. Firmenbestatter und Konkursreiter kosten die Allgemeinheit Hunderte Millionen Franken. SRF Investigativ recherchiert verdeckt und trifft auf einen der aktivsten Bestatter der Schweiz.

Bis die Sätze fallen, die alles beweisen, dauert es knapp vier Minuten. Eben noch hat der Mann am Telefon erklärt, wegen der Schulden, da könne man schauen, das sei kein Problem. Dafür sei er Spezialist.

Und dann sagt er, unaufgeregt, als gäbe er Postgut auf: «Man nennt mich den ‹Bestatter›. Ich übernehme Firmen und beerdige sie.»

Was der Mann nicht weiss: Sein Geschäftsmodell schildert er einem Reporter von SRF Investigativ – und nicht dem verschuldeten Veloersatzteilhändler, als den sich der Journalist ausgegeben hat. 

Ein Firmenbestatter lässt Gläubiger auflaufen

Der Geschäftsmann aus Basel ist beruflich so etwas wie ein Blitzableiter für unangenehme Fragen. Für seine Kunden lässt er Schulden verschwinden, ganze Firmen sogar. Oder genauer: Er lässt Gläubiger auflaufen. Denn er ist Firmenbestatter.

So gehen Firmenbestatter vor

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Firmenbestatter übernehmen Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten und sitzen das Konkursverfahren aus. Typischerweise funktioniert das so: 

In einer Firma häufen sich Schulden. Statt seiner gesetzlichen Pflicht nachzukommen und die Bilanz zu deponieren, wendet sich der Inhaber an einen Firmenbestatter. Dieser nimmt dem Chef die Firma ab, tritt also in eine Gesellschaft mit desolaten Finanzen ein. 

Dafür kassiert der Bestatter eine Gebühr. Der ursprüngliche Inhaber scheidet aus der Firma aus und kann gegenüber Gläubigern nun sagen, mit dem Unternehmen habe er nichts mehr zu tun. Wenn die Firma später Konkurs macht und das Verfahren eingestellt wird, weil es keine Aktiven mehr zu verwerten gibt, steht sein Name nicht im Handelsregister. Mit der Zwangsauflösung hat er formell nichts zu tun – und schont seine Bonität bei Banken oder späteren Vermietern. 

Der Bestatter wiederum sitzt das Konkursverfahren aus, bis die Firma stirbt, er beerdigt sie also. Den Rufschaden und die straf- und zivilrechtlichen Risiken nimmt er in Kauf. 

Macht ein Unternehmer mehrmals auf diese Weise Konkurs, spricht man von einem Konkursreiter.

Und er ist einer der Aktivsten der Schweiz, wie Recherchen von SRF zeigen: Zwischen 2020 und 2025 hat der «Bestatter» mit 44 Firmen Konkurs gemacht. Mit Baugeschäften im Baselbiet und Mittelland, mit Beratungs- und Immobiliengesellschaften in Zürich und im Appenzell, mit Restaurants in Basel, Bern oder der Zentralschweiz.

Das Bild zeigt eine Schweizer Karte mit 44 Einträgen. Am meisten Konkurse gab es im Raum Basel.
Legende: Zwischen 2020 und 2025 hat der «Bestatter» mit 44 Firmen in der Schweiz Konkurs gemacht. SRF

Im Schnitt waren die Firmen tot, ein Jahr nachdem der Mann aus Basel Gesellschafter wurde oder in den Verwaltungsrat eingetreten war. 

Die Gläubiger sahen keinen Rappen

Oftmals waren es nur noch leere Firmenhüllen: Die Konkursbeamten fanden weder genug Geld noch Autos oder Grundstücke, die sie hätten verwerten können, um Gläubiger auszuzahlen.

Diese Firmen haben Konkurs gemacht

«Mangels Aktiven eingestellt» heisst es in diesen Fällen im Handelsregister. Mit anderen Worten: Wer Geld von der Firma fordert, wird es nie wieder sehen. 

Experte spricht von Absicht

Zu den Geschäften des Baslers sagt Serge Trefzger, Leiter des Bereichs Data Management bei der Wirtschaftsauskunft CRIF: «Das passiert mit Absicht. Wenn jemand so häufig und in so vielen verschiedenen Branchen Konkurs macht, muss man von krimineller Energie ausgehen.» 

Mann in blauem Hemd schaut zur Seite.
Legende: Serge Trefzger von der Wirtschaftsauskunft CRIF. SRF

Der «Bestatter» ist nicht allein: Jedes Jahr ermittelt Trefzger, wer die meisten Konkurse gemacht hat. «Konkursreiter» nennt Trefzger solche Leute und stellt fest: Jedes Jahr werden es mehr Konkurse. Und jedes Jahr werden es mehr Konkursreiter, die drei oder mehr Firmen an die Wand gefahren haben. Oder sogar: zehn Firmen und mehr. 

Wenn jemand so häufig und in so vielen Branchen Konkurs macht, muss man von krimineller Energie ausgehen.
Autor: Serge Trefzger Leiter Data Management, CRIF AG

Per Ende 2025 hat Trefzger 95 Personen ermittelt, die in den zehn Jahren zuvor mit mindestens zehn Firmen Konkurs gemacht haben. 2440 Personen haben mindestens drei Pleiten mitverantwortet.

Zahl der Konkursreiter steigt

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Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Personen, die mindestens drei Konkurse verantwortet haben, um 14 Prozent gestiegen: 2025 waren es 2440 Personen, im Vergleich zu 2145 Personen 2024. Das zeigen Zahlen der Wirtschaftsauskunft CRIF, die SRF Investigativ exklusiv vorliegen. Der Untersuchungszeitraum beträgt zehn Jahre, für das vergangene Jahr also die Zeitspanne 2016–2025.

Auch die Anzahl Personen, die zehn Pleiten und mehr verantwortet haben, nimmt zu: von 68 im Jahr 2023, auf 95 im Jahr 2025.

Zu den Gründen sagt Serge Trefzger, Leiter des Bereichs Data Management bei CRIF: «In den letzten Jahren hat sich eine Art Berufszweig von Leuten entwickelt, deren Geschäft darin besteht, marode Firmen zu übernehmen.»

Statt den Konkurs sofort anzumelden, was sie bei überschuldeten Firmen tun müssten, würden diese Leute den Konkurs verschleppen. Sie deponierten die Bilanz nicht und verlegten stattdessen den Firmensitz. Mit der eigentlich toten Gesellschaft würden sie Waren auf Rechnung kaufen, die sie dann nicht bezahlen können.

Mit dieser Verschleppungstaktik vergrössere sich der Schaden für die Gläubiger. «Dass es immer mehr dieser Vollzeit-Konkurssammler gibt, deutet darauf hin, dass das Geschäft attraktiv ist», so Trefzger. Aus Sicht der Steuerzahler sei das «natürlich bedenklich».

Für den Staat sind Firmenbestatter und Konkursreiter ein teures Ärgernis: 2022 etwa ging die Kantonspolizei Zürich davon aus, dass allein auf ihrem Kantonsgebiet binnen vier Jahren 240 Millionen Franken Schaden entstanden sind. Weil Firmenchefs Löhne, Lieferanten, Mieten nicht bezahlt und sie stattdessen über einen Bestatter entsorgt haben. Und wenn zum Beispiel Steuern nicht bezahlt worden sind, gehen die Kosten zulasten der Allgemeinheit. 

So viele Konkursreiter gibt es

Alleine das Gesellschaftskapital der 44 Pleitefirmen des «Bestatters» beträgt 3.7 Millionen Franken, so viel sind alle Stammanteile und Aktien Wert, die mit den Konkursen vernichtet worden sind. Diese Zahl sagt noch nichts darüber aus, wie hoch die Forderungen der Gläubiger der Gesellschaften waren.

Strafverfolger ermitteln wegen diverser Delikte

Seit rund fünfzehn Jahren gehen Strafverfolgungsbehörden stärker gegen das Phänomen vor. Da für die Firmenentsorgungen kein eigener Straftatbestand existiert, ahnden die Behörden Straftaten, die begangen werden, bevor ein Unternehmer sich seiner Firma entledigt oder nachdem ein Bestatter eine Gesellschaft übernommen hat; laut Experten typischerweise Misswirtschaft oder Unterlassung der Buchführung. 

Neues Gesetzespaket gegen Konkursreiterei und Firmenbestattungen

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Seit 2025 gilt ein neues Gesetzespaket, um Konkursreiterei und Firmenbestattungen zu bekämpfen. Konkursämter müssen Strafanzeige erstatten, wenn sie bei Konkursverfahren Hinweise auf Straftaten erkennen. Zudem können Behörden ihre Forderungen neuerdings direkt auf Konkurs betreiben. Das bedeutet: Bezahlen Unternehmen zum Beispiel ihre Steuern nicht, kann das den Tod einer Firma nach sich ziehen. 

Nach einem Jahr lässt sich noch nicht sagen, ob die neuen gesetzlichen Massnahmen wirklich helfen. Das zeigt eine nicht repräsentative Umfrage von SRF Investigativ bei kantonalen Konkursämtern und beim Bundesamt für Justiz. Die Wirksamkeit der Gesetzgebung lasse sich erst in einigen Jahren beurteilen, heisst es von den Behörden. 

Auch gegen den «Bestatter», der in den 1990er-Jahren in den USA zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen Geldwäscherei verurteilt worden ist, läuft eine Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt ermittelt wegen diverser Delikte, wie Unterlagen belegen, die SRF Investigativ vorliegen.

Verfahren läuft seit fast zehn Jahren

Sie zeigen: Die Ermittlungen laufen seit Sommer 2016, seit also fast zehn Jahren. Die Staatsanwaltschaft beantwortet mit Verweis auf das Amtsgeheimnis und laufende Untersuchungen keine inhaltlichen Fragen – und damit auch nicht, was es mit der langen Verfahrensdauer auf sich hat. 

Solange das Verfahren läuft und der Geschäftsmann nicht rechtskräftig verurteilt ist, gilt er als unschuldig.

Die Bestattung gibt es für 7000 Franken

Augenscheinlich behindern die Ermittlungen ihn nicht in seinem Tagesgeschäft. Etwas länger als zehn Minuten telefoniert der «Bestatter» mit dem SRF-Reporter, der sich als möglicher Kunde ausgibt.

Der Geschäftsmann fragt nach dem Sitz der Firma, dem Personal, Fahrzeugen, Schulden, ehe er seinen Preis nennt: 7000 Franken, Kosten für Notar und Gebühren inklusive, am liebsten in bar, dafür sind die Schulden weg: «Auf einen Schlag.»

Was ich mache, ist keine Misswirtschaft.
Firmenbestatter

Der «Bestatter» stellt bereits für den nächsten Tag einen Termin in Aussicht, um die Firma zu überschreiben.

Am Ende wird es zwölf Tage und zwei kurzfristig verschobene Sitzungen brauchen, ehe es zum Treffen an einer Autobahnraststätte kommt. Der «Bestatter» trägt Mappe und Handy unter dem Arm, als er zur Überschreibung erscheint. Auf ihn wartet der Reporter mit der Kamera.

«Bestatter» will nichts Verbotenes tun

Der Geschäftsmann ist einverstanden, alle Fragen zu beantworten, denn «Was ich mache, ist keine Misswirtschaft.»

Zwar übernehme er die Firmen, verursache aber nicht weiteren Schaden, etwa indem er Waren auf Rechnung kaufe, die er dann nicht bezahle. Teilweise habe er die Firmen sanieren wollen, doch sie seien überschuldet gewesen, weswegen er nichts mehr habe machen können.

Von einem Strafverfahren gegen sich wisse er nichts, die Firmen hätten so oder so Konkurs gemacht, auch ohne ihn. Im Wesentlichen sagt er also: Was er mache, «ist nicht verboten».

Anwalt widerspricht

 «Unsinn» erwidert darauf Christoph Dumartheray, Anwalt aus Basel, der den «Bestatter» seit Jahren beobachtet und einen Klienten im Strafverfahren gegen ihn vertritt.

Das sind klassische Konkursverschleppungen. Und Konkursverschleppungen sind in aller Regel zivil- und strafrechtlich relevant.
Autor: Christoph Dumartheray Rechtsanwalt

Zwar könne er nicht beurteilen, ob die Firmen weiter ausgehöhlt worden seien oder nicht, aber: Ab dem Moment, in dem der «Bestatter» als Geschäftsführer oder Verwaltungsrat Einsitz in die Firmen nehme, müsse er Sanierungsmassnahmen ergreifen oder bei Überschuldung sofort die Bilanz deponieren.

«Das aber tut er genau nicht», sagt Dumartheray. «Er verlegt den Firmensitz und zögert den Konkurs heraus, immer mit dem Ziel, eine möglichst grosse räumliche und zeitliche Distanz zum Vor-Organ zu schaffen.»

Älterer Mann blickt nachdenklich nach oben.
Legende: Anwalt Christoph Dumartheray beobachtet die Geschäfte des «Bestatters» seit Jahren. SRF

Es handle sich also um «klassische Konkursverschleppungen», und diese seien «in aller Regel zivil- und strafrechtlich relevant». 

Staatsanwaltschaft ermittelt, Bestatter bestattet

Entscheidend wird sein, ob die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt zum gleichen Schluss kommt. Die Behörde selbst äussert sich nicht. Es bleibt unklar, ob und bis wann mit einer Anklage zu rechnen ist. 

Während die Ermittlungen laufen, betreibt der «Bestatter» sein Geschäft weiter.

Die letzte Meldung, die Übernahme einer GmbH-Geschäftsführung, wurde Ende Januar im Schweizerischen Handelsamtsblatt publiziert – drei Tage vor dem Beratungsgespräch, das keines war. 

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Kassensturz, 10.3.2026, 21:10 Uhr;liea

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