In den Schweizer Kinderkliniken zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung. Noch nie seit dem Start der landesweiten Erhebung im Jahr 2009 mussten so viele Kinder und Jugendliche wegen mutmasslicher oder nachgewiesener Misshandlungen medizinisch behandelt werden wie im vergangenen Jahr.
Insgesamt registrierten die 19 Schweizer Kinderkliniken 2380 Opfer, wie die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von 296 Fällen oder 14.2 Prozent.
Gewalt im familiären Umfeld
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmass der Gewalt, die sich meist im engsten Kreis abspielt. Bei knapp 70 Prozent der Fälle stammten die mutmasslichen Täterinnen und Täter aus der eigenen Familie, weitere 14 Prozent kamen aus dem Bekanntenkreis.
Besonders gefährdet sind die Jüngsten: Über 40 Prozent der betroffenen Kinder waren jünger als sechs Jahre. Für einen Säugling im ersten Lebensjahr endete die körperliche Gewalt im Jahr 2025 tödlich.
Am häufigsten: körperliche Gewalt
Am häufigsten dokumentierten die Fachleute mit 756 Fällen körperliche Gewalt, obwohl ihr prozentualer Anteil leicht zurückging. In 699 Fällen zeigt sich eine Vernachlässigung der Kinder.
Mit einem Plus von über 33 Prozent stieg die Zahl der psychischen Misshandlungen besonders stark. 582 Fälle von psychischer Misshandlung wurden registriert. Hier sticht vor allem die Unterkategorie «Miterleben häuslicher Gewalt» heraus, die sich von 198 auf 371 Fälle fast verdoppelte. Sexueller Missbrauch wurde in 325 Fällen erfasst.
Handlungsbedarf beim Kinderschutz
Für die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie zeigt dieser Höchststand, dass ein wirksamer Kinderschutz und die gezielte Unterstützung von Familien dringender denn je sind.
Um gefährdeten Kindern rechtzeitig zu helfen, seien Gefährdungsmeldungen an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) unerlässlich. Diese Meldungen bleiben das zentrale Werkzeug, um verbindliche Unterstützungsmassnahmen zu veranlassen.
Die medizinische Aufarbeitung stellt die Spitäler jedoch vor Hürden. Während sich psychische Misshandlungen meist verlässlich diagnostizieren lassen, bleibt der Nachweis von sexuellem Missbrauch im klinischen Alltag äusserst komplex, wie es in dem Bericht heisst.
2024 hatte sich die Zahl der vermuteten oder bestätigten Kindesmisshandlungen im Vergleich zu 2023 auf hohem Niveau stabilisiert.