Ein Bijou war das Gebäude an der Rue de Genève 85 noch nie. Neun Geschosse Beton, 80 meist kleine Wohnungen im Erdgeschoss, ein düsterer Waschsalon und eine schummrige Pizzeria. Doch erst in den letzten Jahren wurde der Block zu einem Schandfleck im Zentrum von Lausanne, zu einem Rückzugsort für Drogendealer.
Die hygienischen Verhältnisse in und ums Gebäude waren katastrophal. Das Quartier litt unter den Drogendealern und ihren Kunden. Allein im Jahr 2024 kam die Polizei 33 Mal, beschlagnahmte 16 Kilogramm Kokain und Marihuana und kontrollierte über 180 Nigerianer und Gambier. Doch die Situation verbesserte sich nicht.
28 Einsätze mit bis zu 50 Polizisten
Bis sich letztes Jahr Polizei und Staatsanwaltschaft zusammentaten und nicht mehr nur wegen Drogenhandels ermittelten, sondern auch wegen Geldwäsche und Verstössen gegen die Meldepflicht.
Das sei entscheidend gewesen, sagt der Waadtländer Generalstaatsanwalt Eric Kaltenrieder. Ab diesem Zeitpunkt seien sie sehr effizient gewesen. Stadt- und Kantonspolizei führten letztes Jahr 28 Einsätze an der Rue de Genève durch. Jedes Mal mit 40 bis 50 Polizistinnen und Polizisten. Die Staatsanwaltschaft eröffnete 144 Strafverfahren wegen Drogenhandels und sie verklagte den Hausbesitzer, den Hausverwalter und den Portier wegen Geldwäscherei.
Die genauen Beträge würden noch untersucht. Generalstaatsanwalt Kaltenrieder rechnet mit mehreren Millionen Franken. Ferner stiessen die Ermittler auf einen Sozialversicherungsbetrug. Mit Schein-Mietverträgen erschwindelten Sozialhilfebezüger, die meisten aus Eritrea, insgesamt gegen 1.9 Millionen Franken.
Verbindungen zur organisierten Kriminalität?
Sie seien überrascht gewesen, was alles ans Licht gekommen sei, sagt der Lausanner Sicherheitsdirektor Pierre‑Antoine Hildbrand. Der FDP-Politiker zieht einige Lektionen aus der Grossaktion von Polizei und Staatsanwaltschaft. «Man sollte frühzeitig das Umfeld rund um den Drogenhandel ins Visier nehmen», sagt Hildbrand. «Und sich zum Beispiel fragen, ob auch der Hausbesitzer vom Verbrechen profitiert.»
Die grösseren Strafverfahren rund um das Wohnhaus laufen noch. Auch ob es Verbindungen zur organisierten Kriminalität gibt, wird noch untersucht. Derweil hat sich die Sicherheitslage im Quartier beruhigt. Das Gebäude an der Rue de Genève 85 steht inzwischen grösstenteils leer. Es ist wieder ein gewöhnlicher Betonblock.