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Keine Gefahr mehr Ausgangslage für die Brienzer Bevölkerung dreht sich um 180 Grad

Brienz im Albulatal ist wieder langfristig bewohnbar. Doch die Freude darüber hält sich bei der Bevölkerung in Grenzen – denn im November war die Situation noch eine andere.

«Evakuierungen sind nach unserer Einschätzung in den nächsten Jahren wenig wahrscheinlich bis unwahrscheinlich», verkündete der Geologe Reto Thöny an der Bevölkerungsinformation. Mitverantwortlich für diese erfreuliche Nachricht sind Drainagen im Entwässerungsstollen, die die Rutschung stark bremsen.

Das hat es mit dem Entwässerungsstollen auf sich

Box aufklappen Box zuklappen
Tunnelöffnung mit grossem Rohr davor.
Legende: Der Stollen soll das Wasser im Hang ableiten und dadurch die Rutschung verlangsamen oder sogar stoppen. Keystone / GIAN EHRENZELLER

Seit 2024 bauen die Behörden am 2.3 Kilometer langen Tunnel unterhalb des Bergdorfes. Der 40-Millionen-Franken-Stollen soll die Rutschungen verlangsamen.

Messungen zeigten bereits im letzten Sommer die Wirkung der Entwässerung. Im Dezember lagen die Rutschbewegungen schliesslich bei 10 bis 25 Zentimetern pro Jahr – dem tiefsten Wert seit 15 Jahren.

Teilweise seien aus den Bohrungen 1500 Liter Wasser pro Minute herausgeströmt, so Thöny. Insgesamt habe die Rutschung um das Zehnfache reduziert werden können, und dies, obwohl erst 25 Prozent der angedachten Bohrungen ausgeführt seien.

Obwohl ein Leben in Brienz wieder möglich ist, ist kein Jubel ausgebrochen. Noch vor wenigen Monaten war die Lage eine andere: Der Hang bewegte sich bis zu 17 Meter pro Tag und galt laut dem Brienzer Mediensprecher Christian Gartmann als «hochdynamisch und riskant».

Am Umsiedlungsprojekt halten die Behörden weiterhin fest und haben den Betroffenen gar ein neues Anmeldefenster bis zum 9. März 2026 zur Verfügung gestellt. Rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung hatte sich bereits angemeldet. Diese hätten nun die Möglichkeit, aufgrund der neuen Gefahrenlage das Verfahren abzubrechen, betonte Roland Tremp von der Projektgruppe für die Umsiedlung – dafür ernten die Behörden Kritik.

Die Situation ist frustrierend für diejenigen, die Brienz verlassen wollen.
Autor: Einwohner von Brienz

Einige fordern die Sistierung des gesamten Projekts, weil nun eine langfristige Rückkehr ins Dorf gesichert scheint. Andere wollen trotzdem schnellstmöglich weg und kritisieren die Behörden, die bürokratischen Hürden hierfür zu kompliziert zu gestalten. «Die Situation ist frustrierend für diejenigen, die Brienz verlassen wollen», so die Stimme eines Brienzers.

Umsiedlung hat ihren Preis

Diejenigen, die sich für eine Umsiedlung entscheiden, müssen ihre alten Häuser in Brienz abreissen lassen. So will es das Waldgesetz, auf dessen Grundlage die Umsiedlungsfinanzierung aufgebaut ist. Es regelt den Umgang mit Naturgefahren.

Unsere Psyche ist angeschlagen. Irgendwann entscheidet sich der Mensch, Schritte nach vorne zu machen.
Autor: Einwohner von Brienz

Bei einer Gefährdung sind gemäss Waldgesetz Massnahmen möglich. Dazu gehören auch Umsiedlungen, weil dabei das Schadenspotenzial aufgelöst werden kann und somit kein Risiko mehr besteht. Dies ist entscheidend für die finanzielle Unterstützung. 90 Prozent der Kosten würden so den Betroffenen gedeckt.

Mann trägt Karton zu einem Holzhaus in den Bergen.
Legende: Wer abreissen will, braucht dafür ein Baugesuch. Ausserdem ist ein Schadstoffscreening nötig – dieses ist aufwendig und teuer. Keystone / Gian Ehrenzeller

Für viele Bewohnerinnen und Bewohner bleibt die Situation trotz Entspannung belastend. Ein Brienzer erklärt, nicht alle könnten in ein intaktes Zuhause zurückkehren. Einige Häuser seien stark beschädigt und erforderten erhebliche Investitionen. Und weiter: «Unsere Psyche ist angeschlagen. Irgendwann entscheidet sich der Mensch, Schritte nach vorne zu machen.»

Heute können wir zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Autor: Daniel Albertin Gemeindepräsident Albula/Alvra GR

Aus dieser Belastung heraus wächst bei einigen Betroffenen auch der Unmut. Ein weiterer Brienzer fordert, man solle es wie im Wallis nach dem Bergsturz von Blatten handhaben und alle Betroffenen fair auszahlen. Daraufhin entgegnet der Gemeindepräsident von Albula/Alvra GR: «Wir haben versucht, faire Lösungen zu erarbeiten.»

Hoffnung, dass die Umsiedlung nochmals überdacht wird

Wenn auch die Kritik an der Umsiedlung die Stimmung im Saal etwas drückte, so betonten die Behörden auch immer wieder, welch grosses Glück Brienz gehabt habe. «Heute können wir wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken», sagte Gemeindepräsident Daniel Albertin. Manche würden sich nun wohl nochmals überlegen, ob sie für eine präventive Umsiedlung ihr Zuhause und ihre Heimat aufgeben wollen.

Frau in gestreiftem Hemd schaut aus dem Fenster.
Legende: Die Aussage vom letzten Mai über wiederkehrende Evakuierungen in Brienz/Brinzauls gilt unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr. Keystone / GIAN EHRENZELLER

Wie viele letztlich in Brienz bleiben oder wegziehen, bleibt nach der jüngsten Entspannung am Hang ungewisser denn je.

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Regionaljournal Graubünden, 6.2.2026, 6:31 Uhr ; 

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