«Evakuierungen sind nach unserer Einschätzung in den nächsten Jahren wenig wahrscheinlich bis unwahrscheinlich», verkündete der Geologe Reto Thöny an der Bevölkerungsinformation. Mitverantwortlich für diese erfreuliche Nachricht sind Drainagen im Entwässerungsstollen, die die Rutschung stark bremsen.
Obwohl ein Leben in Brienz wieder möglich ist, ist kein Jubel ausgebrochen. Noch vor wenigen Monaten war die Lage eine andere: Der Hang bewegte sich bis zu 17 Meter pro Tag und galt laut dem Brienzer Mediensprecher Christian Gartmann als «hochdynamisch und riskant».
Am Umsiedlungsprojekt halten die Behörden weiterhin fest und haben den Betroffenen gar ein neues Anmeldefenster bis zum 9. März 2026 zur Verfügung gestellt. Rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung hatte sich bereits angemeldet. Diese hätten nun die Möglichkeit, aufgrund der neuen Gefahrenlage das Verfahren abzubrechen, betonte Roland Tremp von der Projektgruppe für die Umsiedlung – dafür ernten die Behörden Kritik.
Die Situation ist frustrierend für diejenigen, die Brienz verlassen wollen.
Einige fordern die Sistierung des gesamten Projekts, weil nun eine langfristige Rückkehr ins Dorf gesichert scheint. Andere wollen trotzdem schnellstmöglich weg und kritisieren die Behörden, die bürokratischen Hürden hierfür zu kompliziert zu gestalten. «Die Situation ist frustrierend für diejenigen, die Brienz verlassen wollen», so die Stimme eines Brienzers.
Umsiedlung hat ihren Preis
Diejenigen, die sich für eine Umsiedlung entscheiden, müssen ihre alten Häuser in Brienz abreissen lassen. So will es das Waldgesetz, auf dessen Grundlage die Umsiedlungsfinanzierung aufgebaut ist. Es regelt den Umgang mit Naturgefahren.
Unsere Psyche ist angeschlagen. Irgendwann entscheidet sich der Mensch, Schritte nach vorne zu machen.
Bei einer Gefährdung sind gemäss Waldgesetz Massnahmen möglich. Dazu gehören auch Umsiedlungen, weil dabei das Schadenspotenzial aufgelöst werden kann und somit kein Risiko mehr besteht. Dies ist entscheidend für die finanzielle Unterstützung. 90 Prozent der Kosten würden so den Betroffenen gedeckt.
Für viele Bewohnerinnen und Bewohner bleibt die Situation trotz Entspannung belastend. Ein Brienzer erklärt, nicht alle könnten in ein intaktes Zuhause zurückkehren. Einige Häuser seien stark beschädigt und erforderten erhebliche Investitionen. Und weiter: «Unsere Psyche ist angeschlagen. Irgendwann entscheidet sich der Mensch, Schritte nach vorne zu machen.»
Heute können wir zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Aus dieser Belastung heraus wächst bei einigen Betroffenen auch der Unmut. Ein weiterer Brienzer fordert, man solle es wie im Wallis nach dem Bergsturz von Blatten handhaben und alle Betroffenen fair auszahlen. Daraufhin entgegnet der Gemeindepräsident von Albula/Alvra GR: «Wir haben versucht, faire Lösungen zu erarbeiten.»
Hoffnung, dass die Umsiedlung nochmals überdacht wird
Wenn auch die Kritik an der Umsiedlung die Stimmung im Saal etwas drückte, so betonten die Behörden auch immer wieder, welch grosses Glück Brienz gehabt habe. «Heute können wir wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken», sagte Gemeindepräsident Daniel Albertin. Manche würden sich nun wohl nochmals überlegen, ob sie für eine präventive Umsiedlung ihr Zuhause und ihre Heimat aufgeben wollen.
Wie viele letztlich in Brienz bleiben oder wegziehen, bleibt nach der jüngsten Entspannung am Hang ungewisser denn je.