Die Reise nach Brienz beginnt in Chur. Mit dem Mittagskurs will niemand mitfahren; nur die SRF-Reporterin sitzt im Postauto. «Das Dorf Brienz kann vom Montag an wieder normal bewohnt und betreten werden», hatte die Gemeinde Albula/Alvra Ende letzter Woche mitgeteilt. Die Nachricht verbreitete sich rasch.
Neu herrscht «Phase Grün». Über 14 Monate nach der Evakuierung ist Brienz wieder zugänglich; die rund 80 Bewohnenden konnten ab Freitag zurückkehren. Ein Bergsturz droht laut den Bündner Behörden nicht mehr unmittelbar. Kurz vor Brienz taucht das Postauto in die bekannte Szenerie ein – und der Rutsch ist wieder sichtbar.
An der Postautohaltestelle steht niemand. Das Dorf wirkt ausgestorben – nur ein Dutzend Journalistinnen und Journalisten ist da. Es ist still im Dorf. Brienz rutsche nur noch im Millimeterbereich, sagen die Geologen. Sie haben Entwarnung gegeben, die Lage habe sich beruhigt.
Dennoch betonen die Verantwortlichen, dass es in den nächsten Jahren immer wieder zu Evakuierungen kommen könne. Das Messhäuschen, welches die Bewegung am Berg beobachtet, steht weiterhin bei der Kirche.
Und in der Dorfkirche fehlt der über 500 Jahre alte, goldene Flügelalter noch immer. Ende 2024 wurde der spätgotische Altar zerlegt und zum Schutz an einen geheimen Ort gebracht.
Das Dorf bleibt fast menschenleer. Auf dem Friedhof besucht eine Frau wieder die Gräber.
Viele Häuser haben die Fensterläden weiterhin geschlossen. Und vor Ort ist Daniel Albertin. Er ist Präsident der Gemeinde Albula, zu der auch Brienz gehört. Für ihn sei dieser Montag ein Freudentag: «Es ist ein gutes Gefühl für die Behörden – aber ein richtig gutes Gefühl für die Brienzerinnen und Brienzer und die Zweitheimischen.» Trotz der Entwarnung mahnt er zur Vorsicht: «Man kann nicht abschliessend sagen, die Gefahr ist weg.» Darum habe er Verständnis für jene, die mit dieser Unsicherheit nicht leben wollen und deshalb nicht zurückziehen.
Dass kaum jemand unterwegs ist, überrascht Albertin nicht: «Die Brienzerinnen und Brienzer mussten sich neu orientieren», sagt er. Viele hätten inzwischen neue Wohnungen, ein neues Umfeld, die Kinder besuchten anderswo die Schule. Eine Rückkehr brauche Zeit. Auch das einzige Restaurant im Dorf bleibt vorerst geschlossen.
Nicht weit entfernt wohnt Esther Schwarzmann aus Wolfshausen (ZH). Seit 30 Jahren ist sie hier Mieterin. Sie strahlt: «Endlich wieder in meine eigenen vier Wände zu kommen, ist ein herrliches Gefühl.» Sie wolle so schnell wie möglich zurück, erzählt sie. Alles sei wie zuvor: keine Risse, keine Schäden. «Ich war immer zuversichtlich, dass ich wieder zurück kann.»
Sollte erneut eine Evakuierung nötig werden, werde sie den Anweisungen der Fachleute folgen. Sie habe hier nicht ihren Hauptwohnsitz und müsse nicht jedes Mal das ganze Hab und Gut zügeln. «Für mich ist das hier eine Ferienwohnung», sagt sie. Die Freude über die Rückkehr ist spürbar, auch wenn die Unsicherheit bleibt. Heute zeigt sich Brienz ruhig wie eh und je. Und das Dorf bleibt still.