Eigenständig einkaufen – für viele Routine. Für Menschen mit Sehbehinderung dagegen stellt dies oft eine Herausforderung dar. Ein Forschungsprojekt der Ostschweizer Fachhochschule will das ändern: Ein smarter Einkaufswagen führt Sehbehinderte mithilfe von Künstlicher Intelligenz durch den Laden. Derzeit läuft eine Testphase.
Die Migros-Filiale in Hinwil im Kanton Zürich steht den Forschenden zu Testzwecken zur Verfügung. Dort steht der smarte Einkaufswagen. «Wir unterstützen Sie bei Ihrem Einkauf. Starten Sie nun die Fahrt», meldet sich das System per Sprachassistenz.
Der KI-Einkaufswagen sieht aus wie ein gewöhnlicher. Dort, wo sich normalerweise der Kindersitz befindet, ist die Elektronik. Entwickelt hat ihn Chantal Keller in ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Ost in Rapperswil-Jona.
«Links und rechts an den hinteren Rädern haben wir Motoren angebracht», erklärt sie. «An der Front haben wir einen Lidar-Sensor montiert, der die Fahrtplanung übernimmt und Hindernisse erkennt. Zusätzlich gibt es seitlich Kameras, die Produkte in den Regalen identifizieren.»
Der Prototyp kombiniert Sensorik, eine Sprachassistenz und eine Produktedatenbank. Vorgängig wurde er mit einer digitalen Kopie der Filiale trainiert, damit er sich im Laden zurechtfindet.
Einkaufen wie mit einem digitalen Blindenhund
«Soll ich drücken?» Eine junge Frau, die von Geburt an blind ist, testet den Einkaufswagen. Sie will anonym bleiben. Alleine einkaufen ist für sie undenkbar. «Entweder gehe ich mit meiner Mutter, ich stelle jemanden an oder ich bestelle online», sagt sie. In einem Laden stünden viele Wagen herum. «Und ein Wagen hat keine Augen, er ruft nicht ‹Ich stehe im Weg›.»
In der Schweiz leben rund 380’000 Menschen mit einer Sehbehinderung. Umfragen bei Blindenverbänden hätten gezeigt, dass selbstständiges Einkaufen ein echtes Bedürfnis sei, sagt Dario Schafroth, Professor für Laborautomation und Mechatronik an der Ostschweizer Fachhochschule.
Viele Betroffene wollten nicht nur online bestellen, sondern selbst einkaufen gehen. «Sie wollen Teil der Gesellschaft sein und ihren Einkauf selbstständig erledigen.»
Vor dem Einkauf hat die Testperson mit einer Sprach-App ihren Einkauf eingegeben und an den Einkaufswagen übermittelt. Der KI-Einkaufswagen führt die Testperson wie ein digitaler Blindenhund durch die Regale. «Es ist anders, als wenn ein Mensch dich einfach zum Regal führt und dir das Produkt in die Hand drückt», sagt sie.
Weiter Weg bis zur Marktreife
Der KI-Einkaufswagen wurde vor 18 Monaten entwickelt, seit einem halben Jahr läuft die Testphase. Bis das Projekt bereit für den Markt sei, sei es noch ein langer Weg, sagt Schafroth. Bislang flossen 200’000 Franken Fördergelder in das Forschungsprojekt. Die Finanzierung sei eine grosse Herausforderung. Ein starker Partner fehle noch.
Das Marktpotenzial sei gross, nicht nur für sehbehinderte Menschen, sondern auch für ältere Personen mit kognitiven und bewegungsbezogenen Einschränkungen. Die KI-Technik müsse dort ansetzen, wo Menschen im Alltag an Grenzen stossen, damit ein selbstständiger Einkauf selbstverständlich werde.
Für die Testperson ist der Nutzen bereits spürbar: «Einfach selber ein Produkt nehmen und in den Wagen legen – das ist vielleicht schwierig nachvollziehbar: Aber es ist einfach ein richtig tolles Gefühl.»