In einem Raum mit kleinen Tischen, Stühlen und Notfallequipment in der Anlaufstelle für Opioid Süchtige in Genf soll bald eine neue Form der Suchtbehandlung starten. Daniele Zullino, Leiter der Abteilung für Suchtmedizin am Universitätsspital Genf, plant hier eine kokaingestützte Behandlung einzurichten. «Das ist die HegeBe-Abteilung, heroingestützte Behandlung. Und daher werden wir beim Kokain von kokaingestützte Behandlung sprechen», erklärt er. Zullino will damit neue Wege im Kampf gegen die Cracksucht gehen.
Genf war die erste Schweizer Stadt, die wegen Crack Alarm schlug. Die Behörden bekamen es mit Süchtigen zu tun, die tagelang nicht essen, nicht trinken und nicht schlafen. Alles dreht sich bei ihnen nur noch um den Stoff. «Wir haben da einen sehr, sehr schnellen Kreislauf zwischen Geld beschaffen, Crack kaufen und dem Konsum», sagt Zullino.
An diese Schwerstsüchtigen komme man kaum mehr heran, ausser vielleicht mit einer Verschreibung und einem sicheren Ort zum Crack-Rauchen – nach dem gleichen Prinzip wie beim Heroinspritzen. «Das wird sehr ähnlich sein, aber dann einfach in einer Kabine mit einem sehr starken spezifischen Abzug, der verhindert, dass auch nur das kleinste Molekül von Kokain» entweicht, so der Suchtmediziner.
Das ist unethisch und gesetzwidrig
Die pragmatische Lösung stösst jedoch auf Gegenwehr – ausgerechnet von einem Pionier der heroingestützten Behandlung aus Zürich. André Seidenberg, ehemaliger Leiter der Drogenpolikliniken und heute 75 Jahre alt, kritisiert das Genfer Vorhaben scharf.
«Man müsste nachweiseisen können, dass der Nutzen der Kokainabgabe grösser ist als der Schaden. Das aber wird gar nicht angestrebt. Das ist unethisch und gesetzwidrig», sagt Seidenberg. Medizinisch sei es schwieriger, mit Kokain umzugehen, obwohl es als Substanz etwas weniger gefährlich sie als Heroin oder andere Opioide. Er hat Daniele Zullino deshalb angezeigt. Weder Zullino noch die Genfer Staatsanwaltschaft äussern zu der Klage.
Zullino sagt: «Was wir machen, ist zwar gefährlich. Aber es ist weniger gefährlich als das, was vorher praktiziert wurde.» Anders als beim Heroin gibt es für Crack keinen Ersatzstoff. Eine Abgabe von Kokain sei nur für Schwerstsüchtige ein Thema.
Auch Zürich arbeitet an Studie
Fakt ist, dass nicht nur Genf über eine Kokainbehandlung nachdenkt. Auch das Gesundheitsdepartement der Stadt Zürich arbeitet an einer Studie. Der Suchtexperte Frank Zobel würde eine Kokainbehandlung trotz der Risiken begrüssen. «Ich verstehe die Klage nicht. Ich verstehe nicht, warum man das macht. Man will Leuten helfen, die in einer sehr gefährlichen Situation heute sind. Und das macht Sinn», sagt er.
Sucht Schweiz hat soeben neue Zahlen zum Kokainkonsum publiziert. Alle Werte zeigen nach oben, auch beim Crack. Der Problemdruck dürfte also noch zunehmen. Ob Genf Vorreiterin bei einer möglichen Lösung wird, liegt in den Händen des Kantons.