Thomas Baumgartner ist ein erfahrener Veterinär. Der Mitbesitzer einer der grössten Tierkliniken im Schweizer Mittelland hat schon viel erlebt. Und er hat vollstes Verständnis für eine enge, liebevolle Beziehung zwischen Mensch und Haustier. Aber was ihm und seinem Team vor ein paar Wochen passiert ist, hat jedes Mass an Nachsicht überschritten.
«Wir hatten einen sehr intensiven Patienten, einen 70 Kilo schweren Hund, den wir über drei Tage behandelt haben. Als klar wurde, dass wir ihn ins Tierspital Bern verlegen mussten, wurde es schwierig», erzählt Baumgartner. Der schwere Hund konnte nicht gehen, mehrere Angestellte der Tierklinik mussten beim Einladen in ein Auto helfen.
Heftiger Shitstorm und Anzeige bei der Polizei
Die Besitzerfamilie hat das Elend und spürbare Ende des Hundes kurzerhand dem Team der Tierklinik zum Vorwurf gemacht. «Sie haben uns mehrfach vorgeworfen, dass wir den Hund wie einen Sack Kartoffeln in den Wagen gelegt oder geworfen hätten. Aber das stimmt einfach nicht», sagt Tierarzt Baumgartner.
Als die Beleidigungen in konkrete Drohungen übergingen, bin ich zur Polizei gegangen.
Vor allem den jüngeren Angestellten der Tierklinik, von denen die allermeisten selber ein Haustier besitzen, haben die Anschuldigungen und massiven Drohungen in den Sozialen Medien und Onlinerezensionen schwer zu schaffen gemacht: «Sie haben sich in der Klinik tagelang Mühe gegeben, haben alles getan für den Hund – und dann bekommen sie solche Reaktionen. Das ist für die Jungen zum Teil sehr, sehr schwierig.»
Baumgartner erzählt: «Als dann in Onlinekommentaren und -rezensionen die Beleidigungen in konkrete Drohungen übergingen, bin ich zur Polizei gegangen und habe Anzeige erstattet.»
Der geschilderte Fall der Tierklinik Sonnenhof in Derendingen SO ist zwar ein Einzelfall – die weitaus meisten Tierbesitzerinnen und -besitzer sind verständnisvoll und im Umgang mit Tierschicksalen vernünftig. Aber die Alarmzeichen der Veterinäre an die Adresse ihres Branchenverbandes nehmen zu.
Früher war man hoch respektiert und hat die Tierbesitzer persönlich gekannt.
«Früher war der Tierarzt ein Beruf im Dorf oder in der nahen Umgebung. Man war hoch respektiert und hat die Tierbesitzer persönlich gekannt. Heute sind die Tierärztinnen und -ärzte in grossen Kliniken organisiert und eher in grösseren Ortschaften anzufinden», erklärt Roberto Mossi. Er ist selber Tierarzt in Bellinzona und Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte. «Das ist nicht besser oder schlechter. Es hat sich einfach geändert.»
Hilfe bei renitenten Tierbesitzern: «SOS for Vets»
Um die Mitglieder des Branchenverbandes schneller und gezielter zu unterstützen, haben Mossi und sein Team die Helpline «SOS for Vets» eingerichtet. Dort finden Tierärztinnen und Tierärzte juristische Hilfe für den angemessenen Umgang mit schwierigen Klientinnen und Klienten.
Sowohl für Roberto Mossi im Tessin als auch für seinen Berufskollegen Thomas Baumgartner im Mittelland ist klar: Eine wichtige Aufgabe ihres Berufes ist die Aufrichtigkeit gegenüber ihren Klienten. So schwierig sie auch ist. «Man muss die Leute manchmal auffordern, dem Leiden eines Tieres ein Ende zu setzen. Das gehört zu unserem Beruf», so Baumgartner.