Der 28. Mai ist für Jelena Kalbermatten ein aussergewöhnliches Datum. Es ist ihr Geburtstag – und gleichzeitig jährt sich der bisher schlimmste Tag in ihrem Leben.
Vor einem Jahr hat ein Bergsturz ihr Heimatdorf Blatten unter sich begraben. Ihr Elternhaus wurde zerstört und mit ihm das Leben, das sie bis dahin gekannt hatte – ein Gefühl, das rund 300 weitere Blattnerinnen und Blattner mit ihr teilen.
Bald ein Jahr später denkt die 23-Jährige immer noch viel an ihre Heimat. «Es ist ein ständiges Auf und Ab. Zwischendurch gibt es auch schöne Momente, und dann plötzlich schmerzt es wieder.»
Wir haben uns einfach mitten auf der Strasse umarmt und geweint, ohne uns etwas zu sagen.
Unmittelbar nach der Katastrophe sucht Jelena vor allem Halt bei den Menschen, die gerade das Gleiche durchmachen. «Am Tag nach dem Bergsturz bin ich den Eltern eines früheren Schulkollegen begegnet. Wir haben uns einfach mitten auf der Strasse umarmt und geweint, ohne uns etwas zu sagen.»
Jelena kommt in der ersten Zeit bei ihrer Grossmutter in Ferden unter, einer der drei anderen Lötschentaler Gemeinden. Die 23-Jährige erfährt viel Solidarität und Mitgefühl und ist überwältigt, wie viele Menschen an sie denken. «Mir haben so viele Leute geschrieben, ich habe ganz viele liebe Nachrichten bekommen.»
Auch Nicole Kalbermatten versucht nach der Katastrophe, wieder etwas Stabilität zu finden. Sie ist die Präsidentin der lokalen Musikgesellschaft im Dorf und entfernt mit Jelena verwandt. Nachdem Nicole und ihre Familie ihr Zuhause beim Bergsturz verloren haben, wohnen sie vorübergehend in einer Ferienwohnung in der Nachbargemeinde Wiler im Lötschental. Ihre Kinder sind zu diesem Zeitpunkt vier und sechs Jahre alt. «Mir war es am allerwichtigsten, dass es ihnen gut geht. Zum Glück gab es bei der Ferienwohnung ein grosses Trampolin, auf dem die Kinder spielen konnten. Das hat geholfen.»
Abends, wenn die Kinder im Bett sind, beginnt sich bei Nicole im Kopf alles zu drehen. «Ich muss an so viele Dinge denken, die wir beim Bergsturz verloren haben und die wir nie wieder zurückbekommen.»
Ich habe gar keine Bilder mehr aus meiner Kindheit.
Nicole meint damit Dinge, die sich nicht ersetzen lassen. Sie trauert vor allem um die Fotoalben und um eine Festplatte mit Bildern von ihrer Hochzeit und von Familienurlauben. Weil auch ihre Eltern das Haus beim Bergsturz verloren haben, sind alle Bilder von ganz früher weg. «Ich habe gar keine Bilder mehr aus meiner Kindheit.»
Nicole vermisst ausserdem die Kisten, in denen sie Erinnerungen ihrer eigenen Kinder aufbewahrt hat. «Ihre ersten Schuhe, das erste Kleidchen nach der Geburt, das Büschel Haare nach dem ersten Mal Haareschneiden …». Bei der Katastrophe ging viel Familiengeschichte verloren. «Mein Opa hat früher selbst Möbel und Truhen geschnitzt. Ich gäbe viel dafür, sie wiederzubekommen.»
Viele Spenden – vieles originalverpackt
Die Solidarität mit den Menschen aus Blatten ist nach der Katastrophe gross. 68 Millionen Franken Spendengelder sind insgesamt zusammengekommen. Beim Bahnhof Gampel entsteht eine grosse Spendenbörse für Kleider und Gegenstände.
«Das erste Mal, als ich dort war, war es ein riesiges Durcheinander – riesige Hügel von Kleidern», erzählt Jelena Kalbermatten. «Es war enorm viel Material, vieles musste zuerst aussortiert werden.»
Jelena wird trotzdem fündig: Sie nimmt sich ein neues Paar Marken-Turnschuhe und ein Bikini, das noch originalverpackt ist. «Viele haben offenbar Sachen gespendet, die sie online bestellt und dann nicht zurückgeschickt haben.»
Auch Nicole Kalbermatten geht mit ihren Kindern an die Spendenbörse. Auf einer Bühne liegen viele Kinderspielsachen. «Ich habe meinen beiden Kindern einen grossen Sack gegeben und ihnen gesagt, sie sollen sich holen, was sie wollen.» Ihr Sohn nimmt Spielautos und Lego, ihre Tochter Plüschtiere und Barbies. Nicole staunt, dass sie nicht noch mehr einpacken. «Es hat gar nicht so viel gebraucht, um sie wieder glücklich zu sehen.»
Strenge Sicherheitsauflagen für Rückkehr
Ein paar Monate nach dem Bergsturz, Anfang August, dürfen einige Blattnerinnen und Blattner für ein paar Stunden zurück in ihre Häuser. Nicht alle Gebäude wurden verschüttet, viele stehen bis heute unter Wasser. Für die Rückkehr gelten strenge Sicherheitsauflagen – es braucht Boote, Taucher und die Gefahrenlage muss stimmen.
Nicole Kalbermatten begleitet eine Freundin, die zurück in ihre Wohnung darf. Was sie dort sehen, hat nicht mehr viel mit der Wohnung von früher zu tun. «Es war schimmlig, nass und überall war Sand.» Ein paar Dinge unter dem Dach können sie noch retten, das meiste ist zerstört. «Obwohl es nicht meine Wohnung war, hat es mir das Herz zerrissen.»
-
Bild 1 von 6. Der Blick von etwas weiter weg: Der verschüttete Teil Blattens. Bildquelle: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott.
-
Bild 2 von 6. Viele Häuser, die noch stehen, kann man auch heute nicht betreten. Bildquelle: KEYSTONE/Michael Buholzer.
-
Bild 3 von 6. Was einst ein Zuhause war, steht heute zum Teil noch immer unter Wasser. Bildquelle: KEYSTONE/Michael Buholzer.
-
Bild 4 von 6. Der Schuttkegel mit dem sich gebildeten See von oben. Bildquelle: KEYSTONE/Michael Buholzer.
-
Bild 5 von 6. Das Bild von Laurent Gillieron hat kürzlich den Swiss Press Photo Award in der Kategorie Aktualität gewonnen. Bildquelle: Keystone/LAURENT GILLIERON.
-
Bild 6 von 6. Die Bauarbeiten für den Wiederaufbau des Bergdorfes laufen auf Hochtouren. Bildquelle: KEYSTONE/Michael Buholzer.
Auch Jelena will noch einmal in das Haus zurück, in dem sie aufgewachsen ist. Es steht ebenfalls unter Wasser, auf Bildern ragt nur noch das Dach hinaus.
«Wenn ich nah heranzoome, sehe ich, dass sogar die Vorhänge in meinem Zimmer noch hängen. Ich kann mir gut vorstellen, was ich vielleicht noch retten könnte.»
Doch Jelena wird enttäuscht. Ihr Elternhaus liegt in einer roten Zone – sie darf nicht mehr zurück. «Als ich das erfahren habe, hatte ich nochmals ein richtiges Down. Ich habe mich dann definitiv von allem verabschiedet und versucht, abzuschliessen.»
Neuanfang in Davos
Jelena merkt, dass sie dringend Abstand braucht – vom Lötschental und von dem, was passiert ist. «Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich muss einfach mal weg von allem.»
Wenn heute jemand fragt, woher ich komme, sage ich nicht mehr: aus Blatten. Sonst stellen sie mir zu viele Fragen.
Sie entscheidet sich, für mindestens eine Saison nach Davos zu ziehen und als Skilehrerin zu arbeiten. Sie wohnt dort in einer WG und lernt neue Leute kennen.
«Wenn heute jemand fragt, woher ich komme, sage ich nicht mehr: aus Blatten. Sonst stellen sie mir zu viele Fragen. Ich sage nur, ich komme aus dem Lötschental oder aus dem Wallis.»
-
Bild 1 von 2. Jelena Kalbermatten musste «weg von allem», wie sie sagte. Bildquelle: zvg.
-
Bild 2 von 2. In Davos arbeitet sie als Skilehrerin . Bildquelle: zvg.
Im Lötschental dreht sich derweil vieles um den geplanten Wiederaufbau von Blatten. Die Pläne sind ambitioniert. Ab 2029 sollen die ersten neuen Häuser entstehen. Ab 2030 soll das ganze Dorf stehen. Bei der Planung wird auch die Bevölkerung miteinbezogen.
Neuaufbau des Bergdorfes: Hoffnung, aber auch Unsicherheit
Diese Pläne geben vielen Blattnerinnen und Blattnern eine Perspektive – sie machen Hoffnung. Gleichzeitig lösen sie auch Unsicherheit und Diskussionen aus. «Jeder Mensch ist anders und hat eigene Vorstellungen», sagt Nicole Kalbermatten. Was die einen unbedingt wollen, wollen andere auf keinen Fall, zum Beispiel einen autofreien Dorfplatz.
Nicole möchte eines Tages wieder nach Blatten zurückzukehren, um zu bleiben, wieder da zu leben. Doch je länger der Bergsturz her ist, umso grösser werden auch ihre Zweifel, ob die Pläne realistisch sind. Viele Fragen sind noch offen. «Es ist vor allem der Zeitfaktor, der mir Angst macht. Wer sagt uns, dass wir in fünf Jahren wirklich wieder bauen können?»
Nicole weiss nicht, ob sie so lange warten kann, eine Entscheidung zu treffen. Hinzu kommt, dass der Bergsturz etwas mit Nicole gemacht hat. Sie schaut heute die Berge im Lötschental anders an – sie sind nicht mehr nur schön. «Es ist schon so viel passiert hier oben – von Lawinen über Steinschläge. Und seit dem Bergsturz zucke ich bei lautem Grollen zusammen.»
Das neue Blatten wird nicht mehr so sein wie das alte, von dieser Vorstellung muss man wegkommen.
Nicole ist wie auch andere Blattnerinnen und Blattner hin- und hergerissen, wenn es um die Zukunft geht. Sie weiss nicht, wie es für sie und ihre Familie weitergehen soll. «Ich bin trotz allem noch nicht bereit, Blatten ganz abzuschliessen.»
Auch Jelena kann heute nicht sagen, ob sie je nach Blatten zurückkehrt – obwohl sie das Lötschental und das Wallis vermisst. «Das neue Blatten wird nicht mehr so sein wie das alte, von dieser Vorstellung muss man wegkommen. Ich lasse das Ganze einfach auf mich zukommen und höre dann auf mein Herz.»
Der Bergsturz hat das Leben von Jelena und Nicole – wie das aller anderen Blattnerinnen und Blattner – radikal verändert. «Es ist wie ein Bruch in meinem Leben», sagt Jelena. Wie es weitergeht, weiss noch niemand genau. Seit dem Bergsturz macht Jelena kaum noch Pläne. «Es bringt nichts – am Ende kommt sowieso alles anders.»