Darum gehts: Der Mord im Könizbergwald sorgte schweizweit für Entsetzen. Eine Mutter wurde verurteilt, ihre achtjährige Tochter im Wald mit einem Stein getötet zu haben. Trotz vieler Spuren konnten daraus wenig handfeste Beweise abgeleitet werden. Aus diesem Grund kam es zu einem Indizienprozess.
Der Tatort als Ausgangspunkt der Ermittlungen: Wenn Polizei und Forensik an einen potenziellen Tatort gelangen, wissen sie oft nur wenig über das Geschehene. Deshalb geht es zunächst darum, möglichst viele Informationen zu sammeln, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen. «Man versucht, möglichst offen in einen solchen Fall hineinzugehen», sagt Jörg Arnold, stellvertretender Direktor des Forensischen Instituts Zürich (FOR). Zunächst wird der Fundort dokumentiert, anschliessend werden die verstorbene Person und mögliche Spuren untersucht. Dabei suchen die Ermittler nach allem, was später wichtig werden könnte: Blutspuren, DNA, Haare, Fasern oder Gegenstände.
Viele Spuren bedeuten nicht automatisch klare Antworten: Oft entsteht der Eindruck, moderne DNA-Technologien könnten jeden Mordfall rasch aufklären. Doch das ist nicht immer der Fall. Im Könizbergwald-Fall erschwerten zwei Faktoren die Auswertung der Spuren. Zum einen kannten sich Täterin und Opfer bereits vor der Tat. In der Forensik spricht man von einer sogenannten «Tatortberechtigung». Das bedeutet: Spuren zwischen den beteiligten Personen können auch aus alltäglichen Kontakten stammen und lassen sich nicht automatisch mit der Tat in Verbindung bringen. Zum anderen gab es am Tatort viel Blut des Opfers. Das kann eine Auswertung der Spuren grundsätzlich erschweren, denn Blut enthält viel genetisches Material.
Wenn Täterspuren untergehen: Besonders schwierig wird die Spurenauswertung, wenn im Verhältnis nur wenig DNA der Täterschaft vorhanden ist. Im Labor wird genetisches Material vervielfältigt. Ist jedoch deutlich mehr Opfer-DNA vorhanden, könne diese die Täterspuren regelrecht verdrängen, sagt Jörg Arnold: «Opferspuren wirken wie eine Lawine, die alles zudeckt, was der Täter oder die Täterin hinterlassen hat». Sind Täter und Opfer vom gleichen Geschlecht, kann das die Spurenauswertung zusätzlich erschweren. Dadurch falle eine Methode weg, die bei vielen Sexual- und Gewaltdelikten eingesetzt werde, sagt der Experte. Nämlich die gezielte Suche nach männlicher DNA über das Y-Chromosom. Das kann in Mischspuren helfen, männliche Täteranteile trotz grosser Mengen an weiblicher Opfer-DNA sichtbar zu machen.
Zeit und Witterung als zusätzliche Faktoren: Grundsätzlich können auch äussere Einflüsse die Spurensuche erschweren. Feuchtigkeit, Wärme und UV-Strahlung lassen biologisches Material mit der Zeit zerfallen. Besonders im Freien können dadurch wertvolle Hinweise verloren gehen. Wie stark solche Faktoren ins Gewicht fallen, hängt jedoch vom Einzelfall ab. Entscheidend ist oft auch, wie viel Zeit zwischen Tat und Entdeckung vergeht.
Keine Spur erzählt die ganze Geschichte: Der Fall im Könizbergwald zeigt: Die grösste Herausforderung besteht nicht immer darin, Spuren zu finden. Oft ist es deutlich schwieriger, ihre Bedeutung richtig einzuordnen. Deshalb dürfen sich Ermittlerinnen und Ermittler nicht zu früh auf eine Theorie festlegen. Erst das Zusammenspiel vieler verschiedener Spuren und Untersuchungen ermöglicht es, ein möglichst vollständiges Bild der Tat zu rekonstruieren.