Schon 2029 sollen in einem neuen Blatten wieder Menschen leben. Es eilt also. «Was mehr hinterfragt wird, ist vielleicht die Geschwindigkeit dieses Wiederaufbaus», sagt Valentin Werlen, der Gemeindepräsident von Ferden, dem Dorf zuunterst im Lötschental.
Das Versprechen, das Dorf wieder aufzubauen, ist im Lötschental im Wallis unbestritten. Kaum hatte sich der Staub des Bergsturzes über Blatten gelegt, setzten mächtige Walliser den Ton. «Man muss an den Wiederaufbau und an die Zukunft des Tals glauben, sonst braucht man gar nicht erst anzufangen», sagte etwa Ständerat Beat Rieder der lokalen Zeitung.
Nach dem Schock folgen Fragen
Kritik blieb aus. Hinterfragt wurde kaum etwas, auch nicht im Walliser Kantonsparlament. «Meine Wahrnehmung ist, dass Kritik durchaus möglich gewesen wäre», sagt Christian Rieder, Gemeindepräsident des Lötschentaler Dorfes Kipper. Er sitzt für die Mitte Oberwallis im Kantonsparlament.
Doch Marie-Claude Schöpfer, im Kantonsparlament für die sozialliberale Partei Neo, ist sicher, dass nun eine Diskussion einsetzen wird – «jetzt, nachdem der erste grosse Schock verdaut ist», sagt sie.
Lebbar machen wird nicht möglich sein, wenn ich diesen geringen Wohnraum Zweitheimischen zur Verfügung stellen muss.
Fragen sind: Wie gross ist das neue Blatten? Wie viele der 300 Blattnerinnen und Blattner wollen dorthin zurück? Für wen reicht der knappe Platz dort und auch in den anderen Dörfern Wiler, Kippel, Ferden? Und wo sollen jene hin, die ihre Zweitwohnungen durch den Bergsturz verloren haben?
Koordiniertes Vorgehen?
Christian Rieder sagt: «Wir wollen den Erhalt der Schule, wir wollen den Erhalt der Tourismuswirtschaft, der Landwirtschaft. Wir wollen es hier wohnbar, lebbar machen. Das wird nicht möglich sein, wenn ich diesen geringen Wohnraum Zweitheimischen zur Verfügung stellen muss.» Auf das Tal kommt ein Verteilkampf zu.
Was in Blatten gebaut wird, betrifft das ganze Tal. Ein übergeordnetes Herangehen an die Zukunft des Lötschentals in Sachen Mobilität, Umwelt, Wohnraum und Naturgefahren würde sich anbieten.
Mit dem Wort ‹Jahrhundereignis› entledigt man sich einer Auseinandersetzung darüber, was sich an Ähnlichem wiederholen kann.
Doch bisher sei alles Handeln ausschliesslich auf Blatten fokussiert. Absprachen darüber hinaus seien zuweilen inexistent, sagen Leute aus dem Tal.
«Da lauert eine Gefahr. Da lauert aber auch eine Chance», sagt Christian Rieder. Erste Gespräche fänden jetzt statt, beispielsweise über die Lötschentaler Langlaufloipe. Die werde vom Tal geplant und weitere übergeordnete Diskussionen und Entscheide gebe es durchaus im Tourismus oder bei der Landwirtschaft.
Das Tal muss Antworten auf Fragen für alle Dörfer finden, der Kanton für das Lötschental und alle anderen Walliser Bergtäler.
Weitere gefährdete Standorte
Zudem habe Blatten ein Präjudiz an Solidarität, Hilfe mit Geld und rascher Gesetzgebung für den Wiederaufbau geschaffen, sagt Marie-Claude Schöpfer. Es gebe etliche weitere gefährdete Standorte im Wallis.
Doch mit dem Wort «Jahrtausendereignis» entledige man sich einer Auseinandersetzung darüber, was sich in Zeiten der schnellen Erwärmung des Alpenraums an Ähnlichem wiederholen könne, sagt sie. Die Wissenschaft ist sich sicher: Steinschläge, Murgänge und Bergstürze häufen sich.
«So ein Ereignis wird es höchstwahrscheinlich tausend Jahre nicht mehr geben», sagt Christian Rieder aus Kippel. Für Blatten allein mag das sogar gelten.