Nicht wenige Menschen dürften sich nach den Vorfällen am Universitätsspital Zürich (USZ) die Frage stellen: Können wir als Patientinnen und Patienten den Ärztinnen und Spitälern noch vertrauen – oder sind wir dem Gesundheitssystem ausgeliefert? Oliver Peters, Fachexperte und Co-Autor des Untersuchungsberichts sowie ehemaliger BAG-Vizedirektor, erklärt, warum blindes Vertrauen falsch ist und welche Konsequenzen der Skandal für Schweizer Spitäler haben könnte.
SRF News: Welchen Einfluss hat so ein Vorfall auf das Vertrauen der Patienten und Patientinnen in die Ärzteschaft?
Oliver Peters: Das ist sicherlich nicht gut fürs Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Aber Patientinnen und Patienten sollten auch nicht allzu sehr vertrauen, sondern sich vor jedem Eingriff, der mit Risiken verbunden ist, vergewissern, dass das Spital, in dem sie sich behandeln lassen, tatsächlich genügend Erfahrung hat mit dem betreffenden Eingriff. Das ist sehr wichtig und wird häufig unterschätzt.
Wie können sich Patientinnen und Patienten vor Behandlungsfehlern schützen?
Sie sollten sich vergewissern, dass bei ihrer Behandlung keine wirtschaftlichen Interessen vorhanden sind oder diese möglichst klein gehalten werden. In einem guten Spital werden die Patienten, unabhängig von ihrer Versicherungsklasse oder ihren finanziellen Möglichkeiten, vom kompetentesten Arzt behandelt und nicht von dem, der am meisten Geld in Rechnung stellen darf. Patientinnen sollten sich auch vergewissern, dass die Kultur, die sie im Spital erleben, einen guten Eindruck macht: Also die Zusammenarbeit, die Kommunikation zwischen den Menschen, die sie behandeln, und die Art und Weise, wie ihre Anliegen ernst genommen werden.
Ich würde auf jeden Fall schauen, dass ich in einem Spital operiert werde, an dem genügend Operationen eines bestimmten Typs gemacht werden.
Sind Patientinnen und Patienten den Fachleuten auch ein Stück weit ausgeliefert?
Das ist sicher so. Daher ist es ein guter Ansatz, davon auszugehen, dass nicht der wundersame Arzt allein entscheidend ist. Das Vertrauen in den Arzt ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass das Spital in der Lage ist, solche Behandlungen regelmässig durchzuführen, die Ergebnisse der Behandlungen regelmässig zu messen und darauf zu reagieren, wenn irgendwelche Qualitäten und Messwerte schlechter werden. Die Erfahrungen des Spitals und die Anzahl Behandlungen, die in einem bestimmten Bereich gemacht werden, sind besonders wichtige Kriterien. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat eine Website, auf der man die entsprechenden Fallzahlen anschauen und vergleichen kann.
Was ist Ihr Rat an Patientinnen und Patienten, die nach dem Vorfall am Unispital Zürich nun verunsichert sind?
Wenn Sie eine Unsicherheit haben, auf jeden Fall eine Zweitmeinung in einem anständigen Spital einholen, das diese Operationen auch durchführt.
Hat der Vorfall am Unispital Zürich nun Folgen für andere Spitäler in der Schweiz?
Ich denke, dieser Fall muss Folgen haben. Zum einen müssen Interessenkonflikte in allen Spitälern wasserdicht geregelt sein, um auszuschliessen, dass Eigeninteressen Patienten schaden. Zum anderen glaube ich, dass nach dieser Affäre die Ansprüche an Spitaldirektionen und Mitglieder von Verwaltungen gestiegen sind. Diese Personen müssen sich bewusst sein, dass sie eine wesentliche Verantwortung dafür tragen, dass die Qualität und das Risikomanagement in ihren Spitälern und Organisationen gewährleistet sind und dass sie rechtzeitig eingreifen müssen, wenn es Führungsprobleme gibt oder die Zahlen plötzlich nicht mehr stimmen.
Das Gespräch führte Reena Thelly.