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Nach Skandal an Unispital Fachexperte: «Patienten sollten nicht allzu sehr vertrauen»

Nicht wenige Menschen dürften sich nach den Vorfällen am Universitätsspital Zürich (USZ) die Frage stellen: Können wir als Patientinnen und Patienten den Ärztinnen und Spitälern noch vertrauen – oder sind wir dem Gesundheitssystem ausgeliefert? Oliver Peters, Fachexperte und Co-Autor des Untersuchungsberichts sowie ehemaliger BAG-Vizedirektor, erklärt, warum blindes Vertrauen falsch ist und welche Konsequenzen der Skandal für Schweizer Spitäler haben könnte.

Oliver Peters

Co-Autor Untersuchungsbericht

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Oliver Peters war von 2013 bis 2016 Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) und von 2016 bis 2022 stellvertretender Generaldirektor des Universitätsspitals Waadt (CHUV). Heute amtet er als Mitglied verschiedener Aufsichtsgremien (u.a. VR HOCH – Health Ostschweiz). Peters hat in der Administrativuntersuchung zu den Vorkommnissen am Universitätsspital Zürich vorwiegend den Governance-Teil betreut.

Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission UK16/20

SRF News: Welchen Einfluss hat so ein Vorfall auf das Vertrauen der Patienten und Patientinnen in die Ärzteschaft?

Oliver Peters: Das ist sicherlich nicht gut fürs Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Aber Patientinnen und Patienten sollten auch nicht allzu sehr vertrauen, sondern sich vor jedem Eingriff, der mit Risiken verbunden ist, vergewissern, dass das Spital, in dem sie sich behandeln lassen, tatsächlich genügend Erfahrung hat mit dem betreffenden Eingriff. Das ist sehr wichtig und wird häufig unterschätzt.

Die Details zum Skandal in USZ-Herzklinik

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  • Die Ergebnisse eines Untersuchungsberichts belegen ein dramatisches Ausmass: Am Universitätsspital Zürich ist es in der Herzchirurgie zwischen 2016 und 2020 zu schweren Verfehlungen und unerwarteten Todesfällen gekommen.
  • Aufsehenerregend ist im Bericht die Übersterblichkeit im untersuchten Zeitraum. Statistischen Berechnungen zufolge war die Sterberate im Vergleich mit anderen Universitätsspitälern um 68 bis 74 Fälle höher – auf Basis von 4500 Operationen.
  • Über 300 Todesfälle während der Amtszeit von Klinikleiter Francesco Maisano wurden zudem genauer untersucht. Gemäss Analyse kam es dabei zu 75 chirurgisch problematischen Eingriffen, zu 64 «eher nicht zu erwartenden» Todesfällen und zu 11 «nicht zu erwartenden» Todesfällen.
  • Zudem kam in 13 Fällen ein Medizinprodukt unangemessen zum Einsatz, insbesondere das von Maisano mitentwickelte Cardioband. Diese Vorfälle – die besonders auffälligen Todesfälle sowie der unangemessene Einsatz des Cardiobands – hat das USZ der Staatsanwaltschaft gemeldet. Die Ermittler sollen prüfen, ob strafrechtlich relevante Verfehlungen vorliegen.

Wie können sich Patientinnen und Patienten vor Behandlungsfehlern schützen?

Sie sollten sich vergewissern, dass bei ihrer Behandlung keine wirtschaftlichen Interessen vorhanden sind oder diese möglichst klein gehalten werden. In einem guten Spital werden die Patienten, unabhängig von ihrer Versicherungsklasse oder ihren finanziellen Möglichkeiten, vom kompetentesten Arzt behandelt und nicht von dem, der am meisten Geld in Rechnung stellen darf. Patientinnen sollten sich auch vergewissern, dass die Kultur, die sie im Spital erleben, einen guten Eindruck macht: Also die Zusammenarbeit, die Kommunikation zwischen den Menschen, die sie behandeln, und die Art und Weise, wie ihre Anliegen ernst genommen werden.

Ich würde auf jeden Fall schauen, dass ich in einem Spital operiert werde, an dem genügend Operationen eines bestimmten Typs gemacht werden.

Sind Patientinnen und Patienten den Fachleuten auch ein Stück weit ausgeliefert?

Das ist sicher so. Daher ist es ein guter Ansatz, davon auszugehen, dass nicht der wundersame Arzt allein entscheidend ist. Das Vertrauen in den Arzt ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass das Spital in der Lage ist, solche Behandlungen regelmässig durchzuführen, die Ergebnisse der Behandlungen regelmässig zu messen und darauf zu reagieren, wenn irgendwelche Qualitäten und Messwerte schlechter werden. Die Erfahrungen des Spitals und die Anzahl Behandlungen, die in einem bestimmten Bereich gemacht werden, sind besonders wichtige Kriterien. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat eine Website, auf der man die entsprechenden Fallzahlen anschauen und vergleichen kann.

Vorfall am Unispital Zürich: ein krasser Einzelfall?

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Nach dem Skandal am Universitätsspital Zürich stellen sich wohl viele Patientinnen und Patienten die Frage, ob es sich dabei um einen krassen Einzelfall handelt oder man auch in anderen Spitälern damit rechnen muss, dass Menschen sterben, weil das System auf mehreren Ebenen versagt hat.

Dazu sagt Peters: «Wir haben in allen Spitälern die Möglichkeit von Führungsproblemen. Wir haben in allen Spitälern die Möglichkeit von Interessenkonflikten, insbesondere bei klinischer Forschung und experimentellen Behandlungen. Es kann überall Qualitätsprobleme geben. Aber was den besonderen Fall hier ausmacht, war eine sehr, sehr nachlässige Regelung von Interessenkonflikten und ein durchgängig ungenügender Schutz von Patienten.»

Was ist Ihr Rat an Patientinnen und Patienten, die nach dem Vorfall am Unispital Zürich nun verunsichert sind?

Wenn Sie eine Unsicherheit haben, auf jeden Fall eine Zweitmeinung in einem anständigen Spital einholen, das diese Operationen auch durchführt.

Potenzielle «Red Flags»

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Peters hat für Patientinnen und Patienten drei Ratschläge, wenn es um mögliche «Red Flags» geht:

  1. «Ein Warnsignal ist es für mich immer dann, wenn den Patientinnen und Patienten irgendwelche wundersamen Behandlungen versprochen werden, die allein dieser Arzt machen kann. Es gibt keine Wunder in der Medizin, es gibt Erprobtes und Nicht-Erprobtes.»
  2. «Alles, was nach wirtschaftlichen Interessen riecht: Also immer dann, wenn dem Patienten eine bessere Behandlung versprochen wird, wenn er mehr bezahlt.»
  3. «Wenn die Patientin oder der Patient in einem klinischen Forschungsprojekt nicht ausführlich und ausdrücklich über alle Risiken aufgeklärt wird, die mit dieser Forschung oder dem Experiment zusammenhängen.»

Hat der Vorfall am Unispital Zürich nun Folgen für andere Spitäler in der Schweiz?

Ich denke, dieser Fall muss Folgen haben. Zum einen müssen Interessenkonflikte in allen Spitälern wasserdicht geregelt sein, um auszuschliessen, dass Eigeninteressen Patienten schaden. Zum anderen glaube ich, dass nach dieser Affäre die Ansprüche an Spitaldirektionen und Mitglieder von Verwaltungen gestiegen sind. Diese Personen müssen sich bewusst sein, dass sie eine wesentliche Verantwortung dafür tragen, dass die Qualität und das Risikomanagement in ihren Spitälern und Organisationen gewährleistet sind und dass sie rechtzeitig eingreifen müssen, wenn es Führungsprobleme gibt oder die Zahlen plötzlich nicht mehr stimmen.

Das Gespräch führte Reena Thelly.

SRF 4 News, 6.5.2026, 16 Uhr ; 

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