Wenn andere Ökonominnen oder Ökonomen an ein Rednerpult schreiten, tanzt Kate Raworth mit Zylinder und langem Mantel unter Applaus auf die Bühne. Für die einen ist sie ein Star, für die anderen eine Fantastin. Die Ökonomin an der Oxford-Universität hat ihre Theorie an der sogenannten «ClimateWeek» in Zürich vorgestellt und in Szene gesetzt.
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Bild 1 von 2. Star oder Fantastin? Auf jeden Fall Ökonomin an der Oxford-Universität: Kate Raworth mit Donut. Bildquelle: SRF/Klaus Ammann.
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Bild 2 von 2. Mutter Erde formt den Kreis, Finanzmarkt macht die Gewinnkurve. Bildquelle: SRF/Klaus Ammann.
Am Tag sei sie Donut-Ökonomin, am Abend werde sie zur Zirkusdirektorin, ruft sie in die Menge. Was das Publikum nun erlebe, sei kein «Circ-me, kein Circ-you, sondern ein Circ-us» – also eine Darbietung, zu der alle Anwesenden beitragen könnten.
Ziel: Auf dem Ring des Donuts leben
Raworth erklärt die «Donut-Ökonomie» folgendermassen: Gegen innen werde der Donut vom sozialen Fundament begrenzt: Im Loch des Donuts fehle es etwa an Bildung, Geschlechtergerechtigkeit und Nahrung. Niemand dürfe deshalb ins Loch fallen, betont die Professorin-Zirkusdirektorin und fordert das Publikum auf, es ihr nachzusagen.
Gleichzeitig dürfe die Menschheit die sogenannten planetaren Grenzen nicht überschreiten. Dazu gehören der Verlust der Artenvielfalt, der Klimawandel oder die Versauerung der Ozeane. Allerdings sei die Artenvielfalt in den letzten fünfzig Jahren um fast drei Viertel zurückgegangen, gleichzeitig sei immer noch nur ein kleiner Teil der weltweiten Gelder nachhaltig ausgerichtet.
Das Ziel der Menschheit müsste sein, auf dem Ring des Donuts zu leben – in der Zone also, in der die sozialen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden, ohne dass die Grenzen der Belastbarkeit der Natur überschritten werden.
Finanzmarkt in der Psychotherapie
In ihrem Zirkus träten deshalb die Natur und der Finanzmarkt gegeneinander an, sagt Kate Raworth und holt zwei Freiwillige auf die Bühne, die prompt verkleidet werden – die gute Mutter Erde ganz in grünen Blättern und der böse Finanzmarkt im schwarzen Anzug mit Zylinder und Taschenrechner.
Mit Schwimmnudeln aus Kunststoff formt Mutter Erde einen Kreis und zeigt damit ihre Kreislauffähigkeit, während der Finanzmarkt die Nudel zu einer steilen Wachstumskurve formt. Die Gegensätze zwischen Natur und Finanzmarkt werden überdeutlich. Der Finanzmarkt ist gierig, Mutter Erde unter Druck. 10 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 85 Prozent des Reichtums, sagt Raworth.
Schliesslich sucht die Ökonomin mit dem Publikum nach den Emotionen, die den Finanzmarkt antreiben. Auch diese Emotionen – Gier, Angst und Macht – werden vom Publikum gespielt. In einer Art Psychotherapie regt sie die Emotionen und letztlich den bösen Finanzmarkt zum Nach- und schliesslich zum Umdenken an.
Unterhaltsam und klamaukig
Selten sind Vorträge über Wirtschaftsmodelle so unterhaltsam und interaktiv. Der Donut, um den sich alles dreht, stellt die bestehenden Ungleichgewichte eingängig dar. Mit der Botschaft, dass Verbesserungen möglich sind, wenn alle ihre Talente einbringen, kommt die Ökonomieprofessorin in der Rolle der Zirkusdirektorin sehr gut an.
Der Versuch, den Finanzmarkt in einer Art Psychotherapie zu heilen, wirkt schliesslich ein bisschen zu einfach und klamaukig. Einige Ökonominnen und Ökonomen kritisieren zudem, dass das Modell wirtschaftliches Wachstum sehr kritisch sieht. Dieses gilt für viele nach wie vor als der Weg zu mehr Wohlstand. Bemängelt wird auch, dass das Modell vor allem Ziele definiert, aber keine klare Strategie, wie diese erreicht werden könnten.