Neue Vorfälle an der ETH - «Schlaffer Hintern»: Wie ein Professor Mitarbeitende schikanierte
Sex-Wetten, Einschüchterungen, Mobbing: Dies und weitere Formen von Machtmissbrauch werfen ehemalige Mitarbeitende einem Professor vor. Wegen des unangemessenen Verhaltens entschuldigte sich die damalige Rektorin schriftlich bei Betroffenen. Jetzt werden neue Vorwürfe laut.
«Ich hasse hässliche Frauen. Ich will nicht mit hässlichen Frauen arbeiten.»
«Schlaffer Hintern!»
Solche Sprüche werfen ehemalige Mitarbeitende einem Professor des Departements für Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC) an der ETH Zürich vor. Er habe die Körper von Studentinnen und Doktorandinnen kommentiert, sexualisierte Wetten und Witze gemacht, die angebliche Jungfräulichkeit von Mitarbeiterinnen thematisiert, eine von ihnen gepackt und in die Luft gehoben. Eine Mitarbeiterin habe er in sein Ferienhaus eingeladen.
SRF Investigativ hat mit rund 15 Personen gesprochen, die in verschiedenen Positionen an seinem Lehrstuhl tätig waren, seit die ETH ihn vor über zehn Jahren zum Professor berufen hatte. Viele Schilderungen zeigen, mit welcher Alltäglichkeit er sich über Frauen ausliess.
Legende:
Sein sexualisiertes Verhalten sei «an der Tagesordnung» gewesen, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. «Er äusserte sich sehr despektierlich.» Auch für die Männer seien die anzüglichen Sprüche «höchst unangenehm» gewesen.
SRF/Samira Gisiger
Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner berichten von Fragen zu ihrem Liebesleben oder von Wetten wie dieser: «Wenn du mit dieser Studentin schläfst, gebe ich dir sechs Flaschen Wein.» Einige signalisierten dem Professor, dass seine Kommentare unerwünscht seien, andere getrauten sich nicht oder merkten erst später, dass sie etwas hätten sagen müssen.
Der Professor widerspricht: An so eine Wette könne er sich nicht erinnern. Sprüche wie «Fucking Bitch» habe er nie gemacht. Auch eine Einladung ins Ferienhaus habe es nie gegeben.
So hat SRF Investigativ recherchiert
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SRF Investigativ hat für diese Recherche über mehrere Monate Gespräche geführt mit rund 15 Personen, die in verschiedenen Positionen am Lehrstuhl des Professors tätig waren, seit die ETH ihn vor über zehn Jahren zum Professor berufen hat. Ausserdem hat die Redaktion mit Personen ausserhalb des Lehrstuhls gesprochen, die mit dem Fall vertraut sind. Alle Gesprächspartner wollen anonym bleiben, hauptsächlich aus Angst vor beruflichen Konsequenzen.
Nicht alle Aussagen lassen sich unabhängig überprüfen, sie decken sich aber. So mag ein als problematisch wahrgenommener Spruch des Professors nur von einer Person gehört und der Redaktion geschildert worden sein, doch andere Personen schildern andere, sehr ähnlich gelagerte Sprüche oder Erlebnisse. Wo möglich, hat SRF Investigativ die Aussagen mit Dokumenten verifiziert sowie mit Personen, die die Vorfälle miterlebt haben und bezeugen können.
Manipulatives Verhalten
Viele der rund 15 ehemaligen Mitarbeitenden beschreiben zudem ein manipulatives Verhalten. Der Professor habe Leute gegeneinander ausgespielt. «Er sagte zu mir, ich sei viel besser als die anderen Doktorierenden. Die seien dumm. Später fand ich heraus, dass er den anderen dasselbe gesagt hatte», sagt einer. Eine andere schildert «wiederholtes verletzendes Reden über Mitglieder des Lehrstuhls oder des Departements» – offen oder hinter deren Rücken. «Dies führte zu einem grossen Vertrauensverlust und einer Kultur des Misstrauens.»
Legende:
Manche fühlten sich eingeschüchtert. Mit angedeuteten Entlassungen habe er ein «Klima der Angst» erzeugt, wie mehrere Personen sagen. Sie fühlten sich dem Professor ausgeliefert. Ohnmächtig.
SRF/Samira Gisiger
«Sein Motto war: ‹Teile und herrsche.›»
«Er hat mich spüren lassen, dass ich von ihm abhängig bin.»
«Diese Hilflosigkeit!»
Langer Zeitraum – viele Betroffene
In den über zehn Jahren an der ETH scheint sich der Professor immer wieder unangemessen verhalten zu haben. Insbesondere Doktorierende verliessen den Lehrstuhl. Sie kehrten der ETH den Rücken oder mussten sich an einem anderen Lehrstuhl einen neuen Betreuer suchen.
Auch weniger von ihm abhängige Personen in höheren Positionen sagen, sie hätten den Lehrstuhl wegen des Professors verlassen: «Er missbrauchte seine Macht.»
Ich wollte niemandem absichtlich schaden.
Die ihm konkret vorgeworfenen Sprüche und Vorfälle bestreitet der Professor. Er sagt: «Zu Beginn meiner Professur gab es Probleme. Ich hatte während einer kurzen Zeit einen zu informellen Kontakt mit meinem damals sehr kleinen Kreis von männlichen Mitarbeitenden, bei dem auch Gespräche stattfanden, die ich heute als unangemessen bezeichnen würde.» Solche «unprofessionellen Gespräche» gebe es seither nicht mehr. «Ich mag Fehler gemacht haben, aber ich wollte niemandem absichtlich schaden.»
Das Erlebte war für einige Betroffene derart unzumutbar, dass sie sich gegen den Professor zur Wehr setzten. SRF Investigativ weiss von Meldungen ab 2017 beim Departement sowie von sechs Personen, die sich bis heute bei der ETH über ihn beschwert haben.
Offiziell im Bild war die ETH-Leitung spätestens ab 2019. Ihr lagen mittlerweile mehrere Beschwerden vor. In einer gemeinsamen E-Mail an den ETH-Präsidenten versuchten die Betroffenen, zusätzlich Gehör zu verschaffen. «Wir sind überzeugt, dass es in Zukunft weitere Opfer geben wird, wenn Sie jetzt nicht handeln.»
Es folgten Gespräche mit Doktorierenden unter der Leitung der damaligen Rektorin Sarah Springman. Im Anschluss anerkannte Springman in persönlichen Briefen deren «schwierige Erfahrungen» und den «psychischen Stress». Man «bedaure dies zutiefst» und nehme die Vorwürfe «extrem ernst». Und: «Die Schulleitung hat bereits die notwendigen und angemessenen Massnahmen ergriffen, um jegliches unangemessenes Verhalten Ihres ehemaligen Professors in Zukunft zu verhindern.»
Legende:
Solche Briefe schickte die damalige Rektorin Sarah Springman an Betroffene. Die Schwärzungen und Hervorhebungen erfolgten durch SRF zwecks Quellenschutz und Verständlichkeit.
Anonym/SRF
Gemäss Informationen von SRF Investigativ durfte der Professor danach eine Zeit lang keine Doktorierenden anstellen und musste ein Coaching besuchen. Der Professor bestätigt das. Er habe im Rahmen einer Zielvereinbarung ab 2019 ein zweijähriges «Leadership Development» absolviert. Dieses sei halbjährlich überprüft worden.
Seiner Karriere taten die Beschwerden und Massnahmen keinen Abbruch. Sein Departement übertrug ihm bald mehr Verantwortung.
Ausführliche Stellungnahme des Professors und der ETH
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Der Professor spricht gegenüber SRF Investigativ von «Fehlern» in seinen Anfangsjahren an der ETH: «Es tut mir leid, was damals passiert ist, und ich habe mich bei allen Betroffenen entschuldigt. Die Vorwürfe wurden untersucht – mit dem Resultat, dass in meiner Forschungsgruppe kein professionelles Arbeitsklima herrschte, aber auch, dass ich niemanden sexuell belästigt hatte. Ich habe im Rahmen der Untersuchung vollumfänglich kooperiert. Seit 2019 habe ich intensiv an meinem Führungsverhalten gearbeitet, um allfällige frühere Fehler zu vermeiden. Die Situation war danach eine andere.» Von Vorwürfen nach 2019 wisse er – abgesehen von einer Beschwerde im Jahr 2025, die ebenfalls untersucht worden sei und ihn entlastet habe – nichts.
Der Professor ergänzt schriftlich, er könne nur auf Dinge reagieren, von denen er wisse. Ihm gegenüber habe seit 2019 niemand Vorwürfe geäussert und über Dritte habe er nichts Derartiges gehört. «Mich macht es betroffen, jetzt über eine SRF-Recherche von solchen Vorwürfen zu erfahren.» Er nehme die Vorwürfe sehr ernst.
Was sagt die ETH dazu, dass die 2019 ergriffenen Massnahmen das Verhalten des Professors offenbar nicht oder nicht genug verändert haben, wie die Recherche von SRF Investigativ zeigt? «Es gab Probleme im Jahr 2019, die wir entschlossen angegangen sind», schreibt die ETH. Der Professor habe daraufhin «intensiv und systematisch an seinem Führungsverhalten gearbeitet». In der Mitarbeitendenumfrage von 2021, die für die ganze ETH Zürich durchgeführt worden sei, habe sich «keine Auffälligkeit» gezeigt. Auch die Resultate einer 2024 durchgeführten externen anonymisierten Befragung seiner Mitarbeitenden im Rahmen eines «Leadership-Feedbacks» seien bei ihm «unauffällig» gewesen.
Der Professor sagt weiter: Er habe «intensiv» an seinem Führungsverhalten gearbeitet. Nach 2019 habe es keine Probleme mehr gegeben. Anders schildern dies Personen, die über die letzten Jahre an seinem Lehrstuhl tätig waren. Der Professor habe weiter Leute gegeneinander ausgespielt und abwertende Sprüche gemacht – darunter auch sexualisierte. Manche fühlten sich ihm ausgeliefert. Eine offizielle Meldung erstatteten sie nicht – das erschien ihnen wirkungslos oder zu riskant.
Eine Beschwerde gab es aber auch in jüngerer Zeit. Im Jahr 2025 warf ihm eine Doktorandin Mobbing vor. Er habe hinter ihrem Rücken gegen sie intrigiert und sie am Lehrstuhl isoliert. Der Professor bestreitet das. Von den Vorwürfen anderer Personen habe er nichts gewusst.
«Zwischenmenschliche Unvereinbarkeit»
Die Hochschule liess die offiziell eingereichten Vorwürfe der Doktorandin vom sogenannten Reporting Office untersuchen, einer 2022 ins Leben gerufenen externen Meldestelle. Diese fand zwar «keine ausreichenden formellen Beweise», um die Vorwürfe zu stützen, anerkannte aber «die gelebte Erfahrung» der Betroffenen. Vermutlich habe eine «zwischenmenschliche Unvereinbarkeit» zu den Vorwürfen geführt, heisst es im Untersuchungsbericht.
Legende:
Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner von SRF Investigativ schildern auch über die letzten Jahre ein schwieriges Klima am Lehrstuhl des Professors – trotz Massnahmen. Er habe weiter abwertende Sprüche gemacht und Leute gegeneinander ausgespielt.
SRF/Samira Gisiger
«Die externe Meldestelle, bei der die Meldung einging, hat kein Mobbing festgestellt», schreibt der Professor. «Ich habe mich nach reiflicher Überlegung und in Absprache mit mehreren ETH-internen Stellen als Doktoratsbetreuer zurückgezogen.»
Zwar könne eine Untersuchung feststellen, dass kein Mobbing vorliege. Das heisse aber nicht, dass es «kein Problem» gebe, sagt die Anwältin Monika Hirzel, die in ihrer Beratungsfirma mit Fällen von Mobbing, Diskriminierung und Belästigungen zu tun hat. Sie führt selbst entsprechende Untersuchungen durch. «Die Voraussetzungen für das Vorliegen von Mobbing sind hoch. Aber bereits einzelne schikanöse Handlungen können ein Warnsignal sein. Eine Untersuchung muss deshalb den Ursachen eines Mobbingvorwurfs nachgehen.»
Das sagt die ETH zum Untersuchungsbericht und neuen Betroffenen
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Die Betroffene gab der Meldestelle Zeugen an. Einige sagen gegenüber SRF Investigativ, die Meldestelle hätte sie nie kontaktiert. Die ETH schreibt dazu: «Die externe Meldestelle beschafft sich alle Informationen, die sie für eine sorgfältige Einschätzung als nötig erachtet.» Im Rahmen dieser Abklärungen könnten Beteiligte (inklusive der mutmasslich verursachenden Personen) Namen von Personen angeben, die zur Klärung beitragen könnten. Die Meldestelle gebe keine Auskunft darüber, wer in welchem Umfang befragt worden sei.
Auch die Vorgeschichte des Professors scheint im Verfahren keine Rolle gespielt zu haben: Frühere Beschwerden gegen ihn bleiben im Untersuchungsbericht von 2025 unerwähnt. Die ETH schreibt dazu: Über die Vorgeschichte des Professors habe die Meldestelle keine weiteren Informationen gehabt. Als externe Stelle habe sie keinen Einblick oder Zugriff auf Klärungen innerhalb der ETH; diese lägen ausserhalb ihres Aufgabenbereiches.
Der einzige Hinweis auf frühere Meldungen gegen den Professor ist im Untersuchungsbericht denn auch die Perspektive der Betroffenen: «Für (...) scheint es ein Muster von (…) zu geben, da andere Studenten angeblich unter ähnlichen Umständen gegangen sind.» Die Meldestelle empfiehlt abschliessend aber keine weiteren Schritte.
Die ETH schreibt, die Mobbingvorwürfe hätten sich im Zug der Abklärung nicht erhärtet. Davon abgesehen habe man keine Kenntnis von unangemessenem Verhalten seitens des Professors seit 2019. «Wir hatten damit auch keinen Grund, zu vermuten, dass es weitere Probleme in der Professur geben könnte. Die ETH Zürich kann nur dann handeln, wenn sie Kenntnis von Missständen hat.» Nach 2019 sei – abgesehen vom Beschwerdefall von 2025 – keine Meldung eingegangen. Ob Mitarbeitende sich Rat suchend an Ombudspersonen oder die Respektstelle gewendet hätten, erfahre man aus Vertraulichkeitsgründen nicht, ausser wenn die Ratsuchenden damit explizit einverstanden seien. Unangemessenes Verhalten werde an der ETH nicht toleriert.
«Verfahrensverbesserungen notwendig»
Deutlich wird die Meldestelle in ihrem übergeordneten Fazit. Sie kritisiert die «schwierige Struktur der ETH» im Umgang mit komplexen Konflikten. Über Monate seien viele Stellen in den Fall involviert gewesen – ohne Lösung. Dies berge das Risiko einer «Silo-Organisation» und wirke «unkoordiniert». Die Folge: «Doppelarbeit und Verwirrung». Es seien «Verfahrensverbesserungen notwendig».
Die ETH schreibt dazu: «Selbstverständlich arbeiten wir immer daran, die Prozesse zu verbessern und den Dialog unter den einzelnen Anlauf- und Beratungsstellen zu verbessern.»
Machtmissbrauch an der ETH und neue Meldestellen über die Jahre
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Im Umgang mit Machtmissbrauch ist das Jahr 2019 ein Wendepunkt für die ETH Zürich. Die Hochschule gerät durch mehrere Skandale medial unter Druck. Und die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) empfiehlt der ETH im Rahmen einer Prüfung, zusätzlich eine externe Meldestelle einzuführen.
2020 –Das Respect Office nimmt den Betrieb auf und bietet heute vertrauliches Coaching bei Konflikten an.
2021 – Der Bundesrat bemängelt, «dass die bisher getroffenen Massnahmen zum Schutz vor Mobbing und sexueller Belästigung sowie Diskriminierung noch zu wenig Wirkung gezeigt haben».
2022 – Die ETH ruft das Reporting Office als externe Meldestelle ins Leben. Die Stelle bearbeitet offizielle Beschwerden, bei denen Meldende ihre Identität offenlegen müssen.
2024 – Die EFK übt erneut Kritik – dieses Mal am mangelnden Überblick über alle möglichen Anlaufstellen. Im selben Jahr führt die ETH mit dem Clarification Office eine weitere Anlaufstelle ein. Sie soll Fälle intern etwa mit Mediation oder Coaching klären. Zur besseren Abstimmung zwischen den Stellen setzt die ETH zudem die Interdisziplinäre Koordinationsgruppe ein.
2025 – Die ETH schafft nach jahrelangen Forderungen verschiedener Studierenden-Organisationen die Möglichkeit, anonym Meldungen zu Fehlverhalten einer bestimmten Person zu erfassen.
Weiterhin gibt es Ombudspersonen als «allgemeine Anlaufstelle bei Konflikten, die im direkten Gespräch nicht gelöst werden können». Auch die akademische Mittelbauvereinigung AVETH bietet vertrauliche Beratung an.
Betroffene verzichteten auf Beschwerden
Am Lehrstuhl des Professors verzichteten Betroffene nach 2019 offenbar aus Misstrauen in die Strukturen auf eine Meldung. «Wir wussten, dass es eine Untersuchung gegeben hatte, aber auch, dass diese nichts änderte», sagt jemand. «Einige, die sich wehrten, wurden entlassen oder mussten sich eigenständig einen neuen Betreuer suchen. Für viele war das keine Option.»
Die Hochschule schreibt, man bedaure es sehr, wenn ETH-Angehörige unangemessenes Verhalten nicht meldeten. Die ETH habe in den letzten Jahren viel getan, um das Vertrauen in ihre Anlaufstellen zu erhöhen. Man könne aber niemanden zwingen, diese Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Probleme im Jahr 2019 sei man «entschieden angegangen», danach sei bis 2025 keine Meldung eingegangen. «Wir hatten damit auch keinen Grund, zu vermuten, dass es weitere Probleme in der Professur geben könnte. Die ETH kann nur dann handeln, wenn sie Kenntnis von Missständen hat.»
Mangelndes Vertrauen in Meldestellen
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Letzten Oktober zeigte eine Umfrage des investigativen Rechercheteams «Reflekt», dass Machtmissbrauch an Schweizer Universitäten weitverbreitet ist. Um diesen zu bekämpfen, haben Universitäten Meldestrukturen geschaffen. Nur: Viele Betroffene empfinden die Anlaufstellen als unzureichend. Das Vertrauen in sie ist gering.
An der ETH scheinen nicht nur die Betroffenen skeptisch zu sein. Das geht aus internen Dokumenten hervor, die SRF Investigativ dank dem Öffentlichkeitsgesetz einsehen konnte. Einige Departemente beschreiben die Meldestrukturen im Jahr 2024 als kompliziert.
Auch das Departement des Professors äussert sich in einer Stellungnahme zu den Meldestrukturen: «Es wäre sinnvoll, ein Verfahren zu entwickeln, das verschiedene Fälle miteinander in Verbindung bringen kann», schreibt das MTEC. «Tatsächlich kann eine Person in mehreren nicht eindeutigen Fällen wegen unangemessenen Verhaltens erwähnt werden. Wenn jeder einzelne Fall mehrdeutig und als eindeutige Warnung unzureichend ist, kann die Tatsache, dass es mehrere solcher Fälle gibt, ein klares Anzeichen für ein problematisches Verhalten sein.»
Ob sich das Departement auf den konkreten Fall des Professors bezieht, wird aus der Stellungnahme nicht klar. Die ETH schreibt: «Kein Kommentar.»
Gravierende Folgen für die Betroffenen
Nicht alle berichten negativ über den Professor. Einige wenige erwähnen, er habe viel gefordert, aber auch ermöglicht.
Für viele andere war die Zeit am Lehrstuhl äusserst belastend. Mehrere benötigten psychologische Hilfe. «Es wühlt mich heute noch auf, darüber zu reden», sagt eine Doktorandin, die den Lehrstuhl vor Jahren verlassen hat. Eine andere Person sagt: «Meine Zeit an der ETH war die schlimmste Zeit meines professionellen Lebens.»