Darum geht es: Angriffe mit Drohnen, Jets oder Raketen gehören zu den wahrscheinlichsten Bedrohungen. Doch dagegen ist die Schweiz zurzeit faktisch ungeschützt. Das US-amerikanische Abwehrsystem Patriot verspätet und verteuert sich massiv. Der Bundesrat will deshalb ein zusätzliches System für die Abwehr auf grössere Distanzen kaufen. Hersteller aus Frankreich, Südkorea, Deutschland und Israel sind im Rennen. An der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris machten Hersteller Versprechen zu Liefertermin und Preis.
Alle versprechen Turbo-Lieferung: Die Hersteller wissen, dass es der Schweiz eilt. Als Favorit gilt das System SAMP/T NG des französisch-italienischen Konsortiums Eurosam. «Wenn die Schweiz dieses Jahr bestellt, können wir 2028 und 2029 zu liefern beginnen», verspricht Direktionsmitglied Cyprien Canivenc. Tempo gelobt auch Sukdea Yu vom südkoreanischen Hanwha-Konzern. Bei einer Bestellung bis Anfang nächsten Jahres beginne die Auslieferung 2029. Sogar der deutsche Diehl-Konzern, dessen System erst in Entwicklung ist, verspricht Lieferungen ab 2029.
Drei Jahre wären selbst in einem normalen Markt schnell. Und dieser Markt ist alles andere als normal.
Zweifel an den Versprechen: «Ich bin skeptisch», sagt Timur Kadyshev. Er forscht an der Uni Hamburg zu Raketenabwehrsystemen. «Drei Jahre vom Vertrag bis zur Lieferung wären selbst in einem normalen Markt schnell», so Kadyshev. Doch aktuell liege die Nachfrage weit über dem, was die Industrie produzieren könne. Das Versprechen von Diehl nennt er «sehr ambitioniert». Auch Hanwha beginne erst mit der Produktion für den Heimmarkt. Der Konzern verspricht, einen Teil der Fertigung in der Schweiz vorzunehmen. Das brauche viel Zeit, sagt Kadyshev. Am realistischsten sei das Versprechen von Eurosam. Doch auch dort fehlten Kapazitäten.
Ein «heisses» Preisversprechen: Die Hersteller geben ihre Preise nicht bekannt. Doch Eurosam verspricht einen Festpreis. «Wir haben Armasuisse unsere Preise mitgeteilt und diese halten wir ein», sagt Direktionsmitglied Canivenc. In der Schweiz dürften nach der Erfahrung mit dem vermeintlichen Festpreis für den Kampfjet F-35 die Alarmglocken läuten. Auch Timur Kadyshev zweifelt: «Ein Festpreis funktioniert nur, wenn die Lieferketten stabil und der Produktionsplan vorhersehbar sind. Derzeit trifft beides nicht zu.»
Leistungen gehen weit auseinander: «Eigentlich vergleicht man Äpfel mit Birnen», sagt Kadyshev. Das System aus Südkorea sei auf Raketen ausgerichtet, die etwa aus dem Iran oder aus Russland abgefeuert würden. Ein solches Szenario hält er für wenig realistisch: «Die Schweiz ist neutral. Eine Rakete müsste über NATO-Staaten mit weit besserer Abwehr hinwegfliegen, um ein Ziel in der Schweiz zu treffen.» SAMP/T NG von Eurosam könne lediglich ballistische Raketen mit kleinerer Reichweite abschiessen. Das System von Diehl wiederum sei nur für die Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern oder Drohnen gedacht. Zur Raketenabwehr tauge es nicht.
Wie soll die Schweiz entscheiden? Für Kadyshev hängt viel davon ab, ob der Bundesrat den Patriot-Kauf abbricht. Denn Patriot sei vergleichbar mit SAMP/T NG von Eurosam. Bei einem Abbruch kämen für ihn Eurosam oder Rafael aus Israel infrage. Er tendiere zu Eurosam, weil dessen System sowohl Drohnen und Marschflugkörper als auch Kurzstreckenraketen «einigermassen gut» abwehre.
So geht es weiter: Der Bundesrat wird bald für den Kauf des zusätzlichen Systems entscheiden. Offen ist, wann er die Typenwahl trifft und über einen allfälligen Patriot-Abbruch entscheidet.